19.12.2019

Briefe



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ID: 5775 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 11.03.1840
 

XXXX Hier werden Sie sehen, wie einer in der Tinte steckt und Astronomie treibt! – Die Tinte geht ihm bis über den Hals – aber er hat noch keine getrunken! Oben steht der große Bär, rechts und links sind Bären angebunden. Er reckt vergebens die Arme wie Fernrohre nach dem Himmel, denn die Sterne sind keine Viergroschenstückchen und fallen nicht herunter. Dieses schöne Bild (das im Vertrauen gesagt, ein Pasquill auf mich ist) wollte ich Ihnen gestern schon zeigen, doch paßte es gar zu schlecht zu Ihren Liedern, so daß ich’s für eine Sünde wider den heiligen Geist gehalten hätte eine Carricatur von der prosaischen Oberfläche meines Lebens den Bildern aus der poetischen Tiefe des Ihrigen entgegen zu halten. – Heut, am nüchternen Morgen thu’ ichs weil ich nicht anders kann (aber nicht aus einem geheimnißvollen Drange –) Wahrlich ich könnte ganz mit mir zerfallen: XXXXX wenn ich mirs recht genau überlege XXXX aber ich thu’s aus Angst davor nicht sondern lebe der guten Hoffnung, Sie werden mir nicht zürnen, daß ich Ihr freundliches Anerbieten und Ihre Liebe wieder in Anspruch nehme. Seit vorgestern ist mir nämlich das Holz ausgegangen, und ist’s auch nicht kalt, so bedarf ich doch dessen um so mehr da mir vor Kränklichkeit der Kopf nicht auf dem rechten Flecke steht (denn ich hab’ immer Leibschmerzen darinnen) und weil ich mir selber koche XXXXXXXXXX Seit einem halben Jahre habe ich mich nämlich als Speisewirth etablirt und trotz dem, daß ich nur einen einzigen Gast habe, das heißt: mich selbst, mache ich doch mein Schnittchen. Ich fürchte aber nun, mein Gast kriegt es satt, wenn ich ihn Tag für Tag mit kalter Küche abspeise – er will gern einmal etwas Warmes haben; und wenn er mir auch nicht untreu wird, denn ich weiß, daß er aus guten Gründen nicht aus wärts zu Tische XXXXX geht, so dauert mich doch der arme Teufel, der ich selber bin. Nun habe ich gar Niemanden, bey dem ich zu Gunsten meines frostigen Gastes ein gutes Wort ein legen könnte. Ist es gerechter Stolz oder eine falsche Schaam die mir’s so schwer macht das Herz zu erschließen? – Ich weiß nicht! – dem Künstler gegenüber wird mir’s aber nicht so schwer. Zürnen Sie mir deshalb nicht! Aus der Tinte, in der ich sitze, könnten mich trotz der bösen Bären 2 Thaler ziehen – Wollen, können Sie mir dieselben borgen? Ach s’wird schon wieder besser werden, und wenn ich erst, wie ich hoffe <,> binnen 14 Tagen, meinen neuen drolligen Roman5 beendet, dann bin ich, so Gott, will [sic] wieder flott und wende mich ganz wieder der Musik zu. Da mir heut zu schlecht ist, kann ich nicht ausgehen; ich werde deshalb zwischen 4 und 5 Uhr meinen Freund den Mahler Geudtner zu Ihnen schicken. Möchte er mir die Versicherung bringen daß Sie nicht zürnen
Ihres
in Dank und Liebe verharrenden
Julius Becker.

Lpz. den 11 März 1840.

Herrn
Doctor R. Schumann
zur
Eröffnung

  Absender: Becker, Julius (165)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 19
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1828 bis 1878 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2018
ISBN: 978-3-86846-029-2
245-248
 



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