19.12.2019

Briefe



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ID: 5789 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 07.08.1828
 

Dresden am 7ten August


Verehrter Herr!

Sie haben sich vertrauensvoll an mich gewendet und begehren von mir ein Orakelspruch rücksichtlich Ihrer mir gesendeten Kompositionen. Wie wenn ich nun Ihnen eine doppelsinnige Antwort ertheilte und das Orakel Ihnen Tod und Leben zugleich sendete? - Daß ich mich sehr geehrt durch Ihr Zutrauen fühle, darf ich Ihnen wohl nicht erst sagen, eben so wenig, daß ich es gar nicht verdiene, von Ihnen zum Richter aufgefordert zu werden. Die Welt hat mein Talent noch nicht anerkannt und bis dahin dürfen Sie auch meine Ansichten nicht unbedingt respectiren. Vielleicht sahen Sie aber in meinen Liedern einen schlichten einfachen herzlichen Gesang, und die Menge der vorhandenen ließ Sie bei mir Erfahrung voraussetzen und dieß bestimmte Sie sich an mich zu wenden. - Wo soll sich auch jetzt der junge Künstler Raths erholen, wo soll er seine Ansichten erweitern, wodurch sich bilden?!!! Etwa durch häufiges Lesen von Recensionen? aus denen man früher wohl lernen und sich eine bestimmte Form und ein Bild entwerfen konnte. Man ließ sich auch wohl selbst seine eigenen Kompositionen tadeln, man lernte daraus. Aber jetzt!! Sehn sie unsre musikal. Zeitungen an. In welchen Händen ist das Recensiren? Sollte man nicht jeden \jungen/ Künstler warnen das eklige nichtssagende dummfromme Gewäsche der Redaktion zu lesen! Ja als Rochlitz noch mitarbeitete, da waren es gute Zeiten. - Doch ich komme ganz auf allotria und Kunstgeheimniße, die nicht ich sondern erst unsre Nachkommen enthüllen sollen. - Vielleicht wirds bald beßer! - Die Zeit erlaubt mir leider nicht Ihnen eine Ästhetik zu schreiben, auch würde es mir recht sauer werden, wenn ich Ihnen etwas Positives über die Liederkomposition, ihre Form, ihre Ausarbeitung pp niederschreiben wollte; - ich beschränke mich einzig u. allein auf eine Kritik Ihrer mir gesandten Lieder u. daraus können Sie sich schon hoffentl.ein wenig abnehmen quid fas & nefas? Zu Ihrer Beruhigung muß ich Ihnen sagen daß Sie (aber nur meiner Ansicht nach, <S> sie mag nur gelten oder nicht)recht viel Talent haben und ich mich im Ganzen gefreut habe. Von Ihrer harmonischen Unbeholfenheit rede ich nicht, denn sie ist doch nur selten unbeholfen, meist natürlich, und was Fehler genannt zu werden verdiene diese lassen sich mit wenigen Noten verbessern. Ihr Gesang (Melodie) ist oft neu, er ist gut so oft sie nicht der Harmonie opferten u. auf ihre Kosten den Gesang vernachlässigten. Dieser Fehler ist vielen Komponisten eigen. Das Grundprinzip des Liedes ist Einfachheit. Sie deklamiren manchmal falsch wie in No I. [T. 9f. und 20f.] ["]und dieses Auge dächt ich["][über den Wörtern sind verschiedene Silbenbetonungszeichen eingetragen] pp. ferner "der strahlt aus deinem Blick -,["] dieß ist das einzige was ich an no:I aussetze, welches guten Gesang hat u. nicht ohne harmonsichen Werth ist. Auch haben Sie den Charakter des Liedes getroffen. Nur vermeiden Sie für die Stimme solche Sachen [Notenbeispiel: Anhang M2, I. 'Die Weinende' T.19, Vokalstimme]
zu schreiben, selten singt dergleichen Stellen ein Sänger gut. Im komischen Styl gehe dergleichen an.
No: II. muß ich tadeln. Die Melodie ist ohne Fluß u. die Harmonie nicht reizend. Ein Hinderniß des guten Flusses ist das beständige Anfangen des <ersten> u. zweiten Theils in AS.
\Wie/[Notenbeispiel: Anhang M2, II. 'Kurzes Erwachen' T.2, Vokalstimme] u. [Notenbeispiel: Anhang M2, II. 'Kurzes Erwachen' T.6, Vokalstimme]Eine Ihnen sehr eigenthüml. obsolete Phrase ist [Notenbeispiel: Anhang M2, II. 'Kurzes Erwachen' T.3, Vokalstimme], welche gewiß nicht schön ist.
Desto schöner ist Ihnen no: 3 gelungen, so voller harmonischer Schönheiten u. doch die Melodie einfach, beinahe gezwungen aber doch nicht gezwungen! Bravo.
No IV. Ist eine zarte Treibhauspflanze, die sehr leicht zum Ausdrucke vergriffen werden kann, darum sehr schwer vorzutragen wegen der Menge kleiner Noten. Vieles könnte anders niedergeschrieben seyn wo es natürlicher aussähe - ich meine im anderen Takte. - Im Ganzen [Bl. 2 recto] ist auch dieses Lied gut u. gewiß originell. Schlecht ist darinn [Notenbeispiel: Anhang M2, III. 'Gesanges Erwachen' T.19, Vokalstimme] &c - warum?
weil es halt schwer zu singen ist.
No. 5. <Bis zur zweiten Hälfte> herrlich, innig u. natürlich gefühlt. # Bei der zweiten Hälfte guckt der harmoniefremde Naturalist hervor. No. 6 Hier sind Sie nicht einfach geblieben. Außer der falschen Deklamation "und wie er sitzt und lauscht["] [T. 6f.], - außer der falschen Wiederholung "was lockst du meine Brut" [T. 13] außer der gefährlichen Stelle [Notenbeispiel: Anhang M2, III. 'Gesanges Erwachen' T.17, Vokalstimme] die nicht
gut sangbar - u. wenn sies wäre doch sehr lächerlich,oder weinerlich oder süßlich u. komisch wie man es will werden kann, -, so ist der Gesang nicht fleißend, u. <das a>\im/ Liede (ob es gleich ein durchkomponiertes ist) keine Grundidee sichtbar. Einzelne Schönheiten machen den Werth des Liedes nicht aus.\ Entkleiden Sie, wenn Sie wissen wollen ob Ihre Melodie gut ist, entkleiden Sie sie von der Harmonie u. so prüfen Sie ihren Werth. Ist sie dann fließend u. natürlich u. leicht sangbar u. ansprechend, nun so bleibt sie gut u. wenn Sie sie sie [sic] noch so sehr harmonisch verkünsteln./
Nun mein Verehrter. werden Sie mir böse werden? Gewiß nein. Schreien Sie nur zu! u. freuen sollte es mich, wenn Sie meine Recension verständen.
Ich bin sehr eilig heute. Darum leben Sie wohl. Grüßen Sie die lieben Carus. u. bleiben Sie mir gewogen
Ihrem
ergebensten CGReissiger.
\Ich bemerke bei Durchlesung des Briefs daß ich Ihnen über das Kapitel "Recensionen" ein Jeremiaden-Stückchen geschrieben habe. Schadet aber nichts, da es einmal dasteht. Ich weiß es daß die meisten Künstler so denken wie ich - daß das Recensiren in schlechten Händen ist. In \der/ Leipziger Zeitung [AmZ] bietet die Härtelsche Officin [der Verlag Breitkopf & Härtel] ihre schlechten Verlagswerke aus u. sie finden nur Siegel, Sörgel, Rink pp oder Anfangsstückchen fürs Klavier recensirt. - Die Berliner [allgemeine musikalische Zeitung] will uns durchaus dahin bringen a la Bach zu schreiben; im übrigen will sie uns weiß machen daß Felix Mendelssohn u. Löwe die größten Komponisten sind. Die Cecilia bestht nur für Gottf.[ried] Webers Streitereyen und Schotts [Verlag B. Schott's Söhne] Ankündigungen im pompösen Styl[?].-/

  Absender: Reissiger / Reißiger, Carl Gottlieb (1249)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
 



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