15.07.2019

Briefe



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ID: 5871 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 10.02.1839
 

Dresden d 10/2 1839
Sonntag Abends.
Liebster Schumann!
Je unerwarteter mir Dein lieber Brief kam, um so mehr Freude machte er mir, und daß Du in Wien meiner gedenkst. Du darfst aber auch gewiß seyn, daß ich Dir stets Freund im wahren Sinne des Wortes seyn werde, und das wir, so Gott will bis zu Ende einen und denselben Satz aushalten, stünden wir hin und wieder auch um eine Octave auseinander. Der Teufel hole die Octavenjäger! wir kennen uns, basta.
Daß Dir mein Vogler gefällt freut mich, aber ich möchte wissen, ob Du gemerkt hast wo ich eigentlich damit hinaus wollte.
Eine Novelle für Wien sollst Du haben, weiß aber nur noch nicht, wen ich mir heraussuchen soll. Luther ist jetzt nichts mehr, den striche die Censur von A bis Z will aber schon etwas finden was Dir dort frommen soll. Als ich den Aufsatz über Dich schrieb wußt ich gar nicht das Du in Wien wärest oder dahin wolltest. ich glaubte Du wärst in Paris. Hier hieß es allgemein Du würdest nicht nach Leipzig zurückkehren und hättest die Redaction der Zeitschrift niedergelegt. Wieck bestättigte mir dies, lezteres halb und halb und so schrieb ich dann den Aufsatz um Dich gegen die gemeinen Angriffe des Leipziger Journalisten-Pöbels zu vertreten. Daß Du mit dem Saphir nicht persönlich bekannt geworden bist, ist dumm! er scheint etwas empfindlich darüber zu seyn, daß Du ihn nicht aufgesucht hast ich schließe das daraus, weil er einen zweiten Aufsatz über Dich nicht aufnahm, besuch ihn doch, denn ohne Freunde kommst so in Wien ein.
mal nicht fort, ich meine damit nicht, daß Du Saphirs Freund seyn sollst – Das bin ich selber nicht, aber Du sollst ihn nur nicht wider Dich haben und da darfst Du seine Eitelkeit nicht beleidigen, wenn Du ihr auch nicht schmeichelst. Such ihn also immerhin noch einmal auf und vergiß bei dieser Gelegenheit nicht mir das Wort bei ihm zu reden, es nützt mir auch. Du wärst wohl ein ganzer Narr, wenn Du Dirs zu Herzen nehmen wolltest, daß sie Dich für einen Partheymann ausschreien, weil Du nicht den alten Schlendrian mithinschlenderst und gar mitten in einer Parthei Dir Dein eigenes Urtheil bewahrst – Das darf und kann uns garnicht irren, wenn wir uns gegen uns selber ehrlich sind und uns mit gutem Gewissen sagen können „dem ist nicht so.“ Daß ist aber die Jämmerlichkeit des Pöbels in Kunst und Leben, daß er an kein ehrliches Forschen, an kein freies Urtheil glaubt, sondern überall Parthey und Käuflichkeit wittert. Ich habe einen ganz artigen Spaß in dieser Art kürzlich erlebt. Vielleicht hast Du von meiner Brochüre über Meyerbeer gehört, vielleicht sie gelesen, Das Ding ist ungeheuer auf die Spitze gestellt und in der Beurtheilung der Hugenotten hab’ ich aus der Partitur Schönheiten nachgewiesen – und nicht fingirt, sondern wirklich nachgewiesen, wovon ich gewiß bin, daß Meyerbeer sich darüber ärgert, daß er nicht wirklich drauf verfallen ist. Ich hatte damit aber so sehr Recht, wie seine Ultragegner, die durchaus kein gutes Haar an ihm lassen und die Absicht der Brochüre, was ich damit wollte, liegt somit am Tage. Aber hei! wie ging der Teufel los in allen Journalen! wie sollte ich plötzlich zum Meyerbeer übergegangen seyn und Dir und allen gegenüberstehen. Hier in Dresden wurde ich – Gott weiß auf wessen Veranlassung! plötzlich in mehreren angesehenen Häusern Mode und ein Dir wohlbekannter guter Freund, versicherte mich: er zweifle nicht daran, daß ich jetzt hinlänglich überzeugt sey, daß der Paulus ein mattherziges Werk sey. Als ich darauf ganz ruhig entgegnete: „Das sei eine Heller-Meynung“ aus der Abendzeitung und ich hätte eine ganz andere Ansicht – Himmel! wie verblüfft kukten sie mich an. Als nun vollends der Aufsatz über Dich erschien,da schrien sie Zetter und Mord und jetzt bin ich ein Ueberläufer welcher Felix besoldet. Da muß Meyerbeer mir – Gott weiß wie viele hundert Thaler gegeben haben sollte – Sieh Alter! so unbegreiflich ist es dem Pöbel daß einer aus innerem Antriebe sich hinsetzen kann und ein Ding schreiben, das in seiner Wichtigkeit die Wichtigkeit eines andern Dinges reflectirt und uns [das] „richtet nicht“ (d. h. nicht vernichtend, statt belehrend und bessernd) einmal wieder ein bischen in Erinnerung bringt.
Es ist aber gewissermaßen gut für uns, daß der Pöbel gar so pöbelhaft dumm und gemein ist – wir gerathen auf diese Weise nie in Versuchung uns nach seinem Goût zu richten – Bei Gott! seit ich das Publikum so herzlich verachte, und beim Schreiben nicht mehr daran denke, was Effect macht oder nicht, verbeßer ich mich und das ist aber der rechte Weg um nicht unter der Menge sich zu verlieren.
Was Du mir über Wien schreibst war mir nicht neu, erinnere Dich, was ich dir schon über Prag sagte, aber ihr wolltet es damals nicht glauben weil ihr an Mozarts Ausspruch zehrtet. Du wirst Dir aber in Wien gefallen und selbst mit der Censur Dich aussöhnen, wenn Du erst dort fest sitzest Nennen die Wiener einmal Jemanden den Ihrigen, so feyern sie ihn und sind stolz auf ihn, freilich: Mozart u Beethoven zeugen nicht dafür, aber wer hieß den Mozart auch sich alles gefallen lassen und den Beethoven so Menschenscheu seyn –? Grob, sackgrob muß man dem Wiener zu Zeiten kommen aber auch wieder ein fideler Kerl seyn können und lustig mit in den Tag hinein leben, dann lebt sichs gut das schreibe Dir ad notam Arbeitest Du an dem Orpheus mit? Ich hab’ eine Einladung erhalten und eine Novelle: „Der Meister und der Maestro“ eingesandt, weiß aber noch nicht ob sie die Censur passirt. Kennst Du den August Schmidt und was ists für ein Mann?
Also Strehlenau ist jetzt in Wien? den hätte ich gern kennengelernt ich habe manche Scizze nach seinem Faust gezeichnet.
Friese ist zu Zeiten ein collossales Rindvieh das ist unbestritten! aber er ist ein rechtlicher Kerl und so wirst Du schon mit ihm auskommen leider hat er fast immer bisher mit dem Auswurf des vielbesagten literarischen Pöbels verkehrt, und weiß daher nicht wie man sich gegen einen anständigen Schriftsteller zu benehmen hat, dich behandelt er als Musiker für welche er, als ein großer Musiknarr, ungeheuren Respect hat, mich wollte er aber a la Glasbrenner, Nork, Zehner Dr. E. Dietrich und wie seine großen Männer sonst noch heißen, behandeln, da ich aber bisher mit Verlegern wie Hoffmann u Campe, Sauerländer Hallberger pp pp verkehrte, so ärgerte mich seine dumme Manier, und ich wurde fürchterlich grob, worauf er denn den klügsten Part ergriff und stillschwieg.
Einen Liebesdienst könntest du mir erzeigen! empfiehl’ mich doch wo Du Gelegenheit findest den großen Wiener Musicalienhändlern als Scizzisten für Vignetten. Die Leute zahlen gut und – was mir mit Hauptsache ist – lassen gut ausführen. Könntest Du mir einige Aufträge in dieser Art verschaffen, so würd ich Dirs danken.
Wie lebst Du denn sonst in Wien? „Hast Du schon einen Gegenstand gefunden? Nimm dich in acht damit ’s ist dort verflucht leichte Waare Ich lebe sehr glücklich häuslich und fleißig und schreib noch immer vorwärts, Gott weiß woher es kommt, daß ich mich oft für jünger halte als ich bin – ich fühle wirklich im Vergleich mit andern Männern meines Alters wie ein Kind, ich kann mich noch so von ganzem Herzen freuen und mich betrüben, noch eben so schwärmen, wie damals als ich noch hören konnte – und wie lange ist das schon her! Seh ich diese lebensmüden übersättigten jungen Greise, so gerath’ ich oft in Verführung stolz zu werden und zu denken „da bin ich doch ein andrer Kerl und noch nicht abgethan“ – Nun freilich! ein andrer Kerl bin ich aber: wie der alte Haydn sagte: Gott allein die Ehre, und so bin ich nicht stolz sondern danke nur Gott daß er so u nicht anders ist – Schreib bald wieder Nun leb wohl immer
Dein Lyser

Inliegenden Brief an Saphir besorge doch sogleich auf die Stadtpost – Es ist’ne Mahnerey! Bitte!]

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 748-752
 

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