19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 5873 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 20.02.1839
 

Liebster Freund,

Ich kann nicht länger anstehn lassen, über Vieles des Breitern mit Ihnen zu sprechen, ob ich gleich des Dringendsten und Nächsten in Ihrem und der Zeitschrift Interesse mehr als genug zu thun habe. <Wen> Daß ich Ihnen vor 14 Tagen geschrieben, daß eine eintretende Ms Noth nicht entfernt abzusehn, ist wohl in der Zeitrechnung nicht ganz richtig; denn bedenken Sie daß ich in 4–5 Wochen, die seit meinem Brief verflossen, doch auch 8–10 Nummern füllen mußte3 die doch etwas aufzehren, daß ich zweitens von jenem Msc. Vorrath Ihnen den größten Theil überschickte, der dann etwas später wieder in unsre Hände kam, als ich berechnet, <E> und es wird Ihnen weniger befremdend vorkommen, wenn <ich> Sie in dem neusten Bogen finden daß ich wirklich mir zwar die Hände nicht wegschreiben, aber mich doch tüchtig ins Zeug legen mußte. Daß ich <mich> in der letzten Zeit mich auf das oder jenes Gebiet wagte, auf dem ich nicht sattelfest zu sein selbst nur zu sehr fühle, geschah in bester Meinung. Längere Zeit das Publikum blos mit Gesangsachen zu füttern, hielt ich für nicht räthlich. Sie können mich an die Violinschulen erinnern – die liegen mir allerdings schwer auf dem Herzen – aber Sie können kaum glauben wie schwer mir es <> mir [sic] immer ankam wenn ich die Sache vornahm, wie ich jedesmal an einem Gefühl eigner Unzulänglichkeit scheiternd, nach etwas andern greifen mußte, um nur etwas zu geben. Muße, einen günstigen Augenblick abzuwarten habe ich ja nicht. Aber bedenken Sie, daß ich nie unter 7 <gewöhnlich> oft 8 auch 9 Stunden zu geben habe, von denen freilich manche, manche geschwänzt w<u>erden muß. – Es bleiben mir demnach nur die Abende, <davon fällt aber durch> wie viel ich aber davon wirklich benutzen kann mögen beispielswegen aus folgendem sehn: Vorigen Sonnabend: Quartett, Mondtag [sic]: Hafners Concert, Dienstag: Euterpe, Mittwoch: neue Oper (Guido u Ginevra) Donnerstag Gewandhausconcert. Ein glücklicher Zufall – daß Hafners Concert nicht zu Stande kam ist es, daß ich eben <heu> jetzt hier sitzen kann und Ihnen schreiben. – Ich bin also hauptsächlich auf die Nächte angewiesen, und was in ihnen ein lebensmüder Geist in einem abgetriebnen Körper – aber nein, das mag Uebertreibung sein, ich wollte nur sagen daß, wenn ich unter solchen Umständen nicht leiste, was zu verlangen, und meinen eignen Ansprüchen an mich selbst <>am allerwenigstens [sic] genüge, es wenigstens einigermaßen zu entschuldigen ist. – Es ist nun zwar Ms. da, daß wenigstens der Setzer <nicht> in den nächsten Tagen nicht zu feiern genöthigt ist, ich vermisse aber noch Truhns kleinen Aufsatz über Lortzings Oper, der nur <> durch ein Mißverständniß nach Wien, statt in die Druckerei ging und einen<> <Krit> andern v. Brendel (?) über Griepenkerls Buch. Aber Kritik, Kritik, die ruht zur Zeit ganz auf meinen Schultern. Es ist ein höchst gesetzloser Zustand unter den Mitarbeitern; der eine will statt Correspondenz <,> Kritiken, ein andrer statt dieser lieber geschichtlichtheoretischästhetische Ausätze u. ein Dritter will lieber gar nichts machen, <auch> nicht einmal Geld einstreichen. – Ich werde meinem Vorsatz treubleiben, <und> <> so lang der Zeitung nach meinen Kräften vorzustehn, bis Sie <zu selbst> zum Entschluße und ins Reine gekommen, oder irgend eine Veränderung der Verhältnisse anordnen wollen. Aber eins bitte ich, lassen Sie mich <nicht> möglichst wenig Briefe schreiben, das ist meine schwächste Seite, meine Achillesferse, da kann ich mich <mich nicht auf> selbst nicht einmal, viel weniger ein andrer sich auf mich verlassen; und dann kann ich ja auch die darauf verwendete Zeit zu unmittelbarer Wirksamkeit für die Zeitung verwenden.
Von Claviersachen habe ich ebenfalls wenig; außer einigen Kindersachen nur: 1 Heft Etüden v. Willmers 1 dito (op 1.) von Lißt 1 Heft v. Alkan, 2 Nocturne v. Chopin, Bachanalen v. Taubert u 4 Webersche Sachen v. Czerny 4händig gemacht, welche sämtl. mit Nächstem an Sie abgehn. Aber ich bitte schicken Sie bald etwas dahin einschlagendes. Die Verleger knurren und meinen, wir ließen uns die Sachen einsenden blos um sie zu verkaufen und Hofmeister schreibt deshalb auf die Titel: Zur Beurtheilung! Wenn ich mir alles recht überlege, so halte ich fürs Beste, Sie lassen <Sie> Wien Wien sein und kommen <Sie> wieder nach Leipzig. Allem Gerede, allen Machinationen ist damit ein Ziel gesetzt und es wird Alles gut werden, was in die Länge und Ferne schlecht werden könnte. Freilich übersehe ich Ihre Lage nicht so ganz klar in allen Einzelheiten und bescheide mich gern, daß mein Rath <> vielleicht besser gemeint als annehmbar und ausführbar ist. Jedenfalls aber suchen Sie eine schleunige Entscheidung herbeizuführen und dem unerfreulichen Hängen und Schwanken ein Ende zu machen. Ihr Flügel steht noch bei Darnstedt, der ihn aber <noch> bis Ostern noch fortgeschafft wissen will, weil er in der Messe sein Logis zum Theil vermiethet, ich oder Friese werden ihn dann zu uns nehmen. Er ist recht anständig wieder geworden, ich weiß nicht wo’s hängt, daß er sich nicht verthun wollte.
Dorn hat einen Aufsatz v. Carl Alt über seine (Dorns) Oper geschickt <der> der nach meinem Dafürhalten ohngefähr 6 Columnen füllen würde: „Die Ouvertüre beginnt Cdur Allegro mit einem kräftig entschiednen Thema“ u. s. w. – Was soll ich damit machen? zurückschicken? wie würde das Dorn aufnehmen? – Da müßten Sie wenigstens selbst ein<>en Brief beilegen. Lecerf hat einen Aufsatz geschickt – Polemik gegen Schlesinger – aus dem ich die Data nehme u. gelegentl. anzubringen suche. Die Aufnahme des Artikels halte ich für unräthlich – wenn wir uns <dar>auf dergleichen einlassen wollten, da würden wir wohl allerdings bald Manuscriptvorrath anhäufen können. Ich denk es also verantworten zu können Sie sehn’s aber schon der flüchtgen Schrift an daß ich schließen muß aber das Nothwendigste ist doch vom Herzen – bald mehr von
Ihrem OL.

Leipzig 20/2 39.

  Absender: Lorenz, Oswald (972)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.19, S. 720-725
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.