19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 5886 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 17.04.1839
 

Liebster Schumann!
Erst heute erfuhr ich durch Paul: daß du in Dresden gewesen seyst und nun wieder in Leipzig, einige Tage vor deiner Ankunft in Dresden war Goethe bei mir zum Besuch und ich mußte ihm deine Wiener Adresse geben. Er ist hier und will dich dort aufsuchen.
Aus der Zeitung ersah ich: daß dein Bruder gestorben ist was mir sehr leid thut. Oft hätt’ ich selber Lust mich hinzulegen und mich begraben zu lassen, denn es ist eigentlich ein nichtswürdiges Leben unter so vielem schlechten Gesindel! Nur mein liebes Weib und mein herziges Kind erhalten mich bei gutem Muth. Du schriebst mir von Wien aus über eine Novelle zum May; ich habe zwei entworfen: eine heißt Luther, die andere hat den alten Schenk zum Helden, den wahrhaft großen Componisten des in seiner Art classischen Dorfbarbier, du wirst wahrscheinlich in Wien viel von seinem [theils] ergötzlichen theils wahrhaft tragischen Leben und Abentheuern gehört haben, eine dritte Novelle: „der Sänger“ (Nourit) liegt mir auf dem Herzen ich weiß aber nicht, ob ich ihn schon herunterschreiben soll.
Könntest du auf eine dieser Arbeiten reflectieren, so schreib’s und auf welche? und in 8 Tagen sollst du sie haben das Honorar 2 Louisdor steht fest. In diesem Falle Freund, hätt’ ich eine Bitte an dich. Du weißt von welcher Wichtigkeit für mich der Besuch der Messe ist, ich kann die Geschichte jetzt mit dem halben Gelde abthun weil man auf der Eisenbahn fährt aber ich habe kein Geld, denn die 6 Louisd’or welche ich vor einigen Tagen für meine Meister und Maestro von Schmidt aus Wien erhielt, waren schon Monate lang mit Schmerzen erwartet und gingen sogleich für höchstnöthige Ausgaben wieder in alle Welt. Reflectirst du nun auf eine neue Novelle von mir, so bitte ich dich: mache es mir möglich, die Messe besuchen zu können, indem du mir, citto cittissimo! einen Louisd’or Vorschuß sendest, Ich hätte viel Schaden müßt ich die Messe unbesucht lassen, und seh’ doch hier die Möglichkeit nicht, vor Beendigung derselben Etwas aufzuschreiben.
Also, bitte, kommst du, so erfülle meinen Wunsch: Ich will dir diesmal auch etwas recht Gutes liefern.
Leb wohl Alter! grüße Felix 100000mal
immer Dein
Lyser

Dresden den 17/4 39.

Sr Wohlgebn
Herrn Robert Schumann
Redacteur der neuen Zeitschrift für
Musik.
in Leipzig.

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
752ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.