15.07.2019

Briefe



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ID: 5891 Brieftext


Geschrieben am: 03.12.1836
 

Königsberg, den 3ten Dec. 36.
Mein verehrtester Freund,
Sie haben lange Zeit von mir nichts gehört, u. waren vielleicht schon in dem fröhlichen Wahne, ich existire nicht mehr. Allerdings existire ich noch, wenn auch 100 Meilen vom kultivirten Deutschland entfernt. Wie ich mich nun an Alles, was mir aus jener Welt noch als Hoffnung übrig blieb, mit sehnsüchtiger Manie festklammere, können Sie sich wol denken. Sie sind auch so ein Stück Hoffnung, u. entschuldigen Sie daher, wenn ich auch Ihren Rockärmel wenigstens festhalte . Zur Sache, wenns beliebt. Ich möchte gern losschießen u. einmal zu etwas kommen. Sie wissen, daß ich Ende voriges Jahres mit einer Oper fertig wurde, „Das Liebesverbot oder die Novize von Palermo“, Text – nach Shakespeare’s „Maas für Maas.“ – Weiß nun der T , wie es kommt, aber ich halte die Oper nicht für schlecht, u. derselben Meinung war auch ohngefähr unser Freund Bank, den ich damit bekannt machte. Das Ding paßt aber nicht auf deutschen Boden, sowol Süjet wie Musik, u. wenn ich sie selbst für Deutschland lokalisiren wollte, – welche Riesenschwierigkeiten hat nicht ein unbekannter deutscher Komponist, um in Deutschland in Aufnahme zu kommen! Das ist ja das Misere, woran die ganze deutsche Oper leidet! Ich weiß wirklich nicht, an welchem Zipfel ich es anfassen sollte; – Leipzig habe ich mir gleich anfänglich versperrt, weil der große Ringelhardt das Süjet nicht goutiren konnte; auf ähnliche Hindernisse werde ich bei jeder deutschen Bühne stoßen, zumal da ich zunächst hieher nach Sibirien gebannt bin, u. meine Anwesenheit an den Orten nicht gestattet ist, wo ich etwas persönlich wirken könnte. Dann aber auch, was hilft es mir denn eigentlich, wenn ich nun mal in Breslau oder Braunschweig, für welche Orte ich Hoffnung hätte, reusirte? Es würde doch zu nichts führen! – Ich will einen kühnen Sprung machen u. mich nach Paris wenden. An die opéra comique paßt das Ding. An Scribé habe ich schon vor einiger Zeit den Entwurf eines großen Opern-süjets in 5 Akten geschickt; – das Süjet ist höchst brillant, u. ich habe Scribé gebeten, seinen Namen, seine Bearbeitung u. seine Protection dazu herzugeben. Eine Antwort habe ich noch nicht, u. vermuthlich ist er, immer auf Reisen begriffen, noch nicht dazugekommen. – Nun hatte ich Lust, meine komische Oper direkt an den Direktor der opèra comique zu senden; er soll die Musik u. das Süjet zunächst prüfen laßen, von Auber u. Gott weiß wem? – gefällt es ihm, so soll er den Text vom wem er will bearbeiten u. der Musik aneignen lassen. Ich finde die Idee nicht so übel, – mein Gott, – Auber kann ihm doch auch nicht alle Monate eine neue Oper schreiben, u. warum sollte ihm die Neuheit der Idee nicht gefallen? – Am Ende bleibt es doch immer nur ein Versuch. – Ich wende mich aber erst noch einmal an Sie; – können Sie mir nicht wenigstens durch Ihre Korrespondenten genau die Adresse des Entrepreneur’s der opera comique, u. die leichteste Art, etwas an ihn zu kommen zu lassen, mittheilen! – Sehen Sie doch einmal zu, was sich da thun läßt! Finden Sie selbst etwas aus, wodurch man am schicklichsten dieß Unternehmen einleiten kann, so würde ich Ihnen selbst die Partitur nach Leipzig schicken, damit Sie ohngefähr wissen, was Sie unter den Händen haben. – Nur sagen Sie mal, verehrtester Beschützer der romantischen Schule was Sie so darüber denken, u. was sich da hoffen u. machen läßt. Sie sitzen ja im Mittelpunkte der Spekulation, u. werden mir sicher etwas Gescheuteres an die Hand zu geben wissen, als es hier in preußisch Sibirien von irgend Jemand der Fall sein kann. Ich hege jedenfalls zu Ihrem Kosmopolitismus das Vertrauen, daß Sie mich nicht unbeachtet lassen werden, u. bitte herzlich um eine Antwort. Sobolewski sagte mir gestern, es habe ihm Jemand eine neue Sonate von Ihnen überbracht, heute oder morgen besuche ich ihn, er soll sie mir vorspielen, denn ich selbst bin ein zu schlechter Klavierspieler, als daß ich sie unter meinen Fingern masakriren wollte. – Endlich erhielt ich letzthin wieder eine Lieferung der musikalischen Zeitung nicht; – durch meine Reisen war bis jetzt die Verbindung unterbrochen; – ich habe jetzt die Blätter bis ohngefähr Ende Juli; wären Sie wol so gut, u. besorgten mal gelegentlich, daß mir auch die Neuersten noch zu kommen? – Meinen Aufsatz Ende Mai aus Berlin haben Sie wol nicht aufgenommen, – die Polemik gegen Rellstab in dieser Weise genirte Sie wol? – Nichts für ungut!
Meine herzlichen Grüße an Hn. Bank u. meine wenigen andern Leipziger Freunde: Sich selbst halten Sie meiner herzlichsten Achtung u. Freundschaft versichert, mit der ich bin
Ihr ergebener
Richard Wagner, Mdkt.

Sr. Wohlgeb.
Herrn
Robert Schumann
Redakteur der neuen musikalischen
Zeitschrift.
in
Leipzig

bei Amb. Barth.
Buchhandlung zu erfragen

  Absender: Wagner, Richard (1657)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Königsberg
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.5, S. 51-54
 

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