15.07.2019

Briefe



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ID: 5905 Brieftext


Geschrieben am: Montag 17.06.1839
 

Liebster Freund!
Beifolgend erhalten Sie die Fortsetzung des Aufsatzes; es ist alles möglichst kurz gefaßt, u muß ich bitten, weil ich meinen frühern Plan so eingeengt habe, einiges in meinem Vorworte zu streichen, als: 1, daß ich eigene Compositionsansichten anknüpfen wolle (das soll bei einer andern Gelegenheit geschehen), 2 , daß ich ein getreues Bild entwerfen wollte; muß heißen: ein kurzes. Auch brauchen die Specialbetrachtungen keine Ueberschriften der Quartette zu tragen. Die nicht sehr geräumige Zeitung würde in der That durch zu weitschweifige, doch nur die Vergangenheit betreffende Aufsätze beeinträchtigt werden. Die Betrachtung des Es dur Quartetts schicke ich allernächstens; doch das in B dur ist ein schlimmer Casus; ich kann keine Partitur davon hier in Berlin geliehen bekommen, u. das bloße Anhören ist nicht hinreichend; so sehe ich denn vorerst keine Möglichkeit darüber abzuhandeln, u. würde es wohl einstweilen retiren müssen. Später werde ich unter dem Titel: „die musikalische Gesellschaft“ Gespräche über die Kunst einführen, die gewiß nichts anstößiges wohl aber vielleicht manche interessante allgemeine Betrachtung, die sonst nicht beizubringen, enthalten sollen; vielleicht entwickelt sich daraus eine Novelle; die Charactere der einzelnen Sprechenden sind möglichst fest zu halten. Vorerst aber will ich noch den Sommer in dem zu schreibenden Septett genießen. Die kriegerische Sinfonie geht fort; aber von dem Hinschreiben schreckt mich der Gedanke ab: „was hast du von solchen [schwer] auszuführenden u. kostbaren großen Werken?[“] Drei andere [neue] Quartette habe [ich] tief hinein gearbeitet, aber zugleich mein Ideal von psychischer Buchführung so hochgestellt, daß mir nichts genügt, u. ich alles verwahre bis ich zur Ruhe gekommen bin; aber wie wenige rein der Erfindung u. tiefster Empfindung hingegebene Quartette besitzen wir auch? die alte Schule hat nichts davon gewußt, die neuersten Quartettcomponisten, nun die – – – aha! Herr Onslow! aber der verhält sich noch lange nicht z. B. zu Beeth. wie Herder zu Jean Paul. – ich für mein Theil spiele weiter nichts von alten Componisten als Bach u. Beethoven. Ihr Op. 17 ist mir noch nicht vorgekommen. Wie mir Herr Truhn sagt, ist mit dem Musiktreiben in Leipzig wie mit den Abonnementconcerten im Grunde nicht viel los; die Mittel sind wohl auch dort zu gering. Auch hier ist ja viel Geschrei u. wenig Wolln, obgleich freilich die Kräfte im Einzelnen wie im Gesammt sehr groß; freilich Geist ist nicht in den Menschen. Für mich wäre Paganini gut.
Ihr alter einsamer
Hirschbach

Berlin d ? Montag (d. 15ten glau[be ich])

Sr. Wohlgeboren
Herrn Robert Schumann
Redacteur der neuen musikalischen Zeitung
in
Leipzig.
Ritterstr. im rothen Collegio.
frei

  Absender: Hirschbach, Hermann (715)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 271ff.
 



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