15.07.2019

Briefe



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ID: 5909 Brieftext


Geschrieben am: 06.06.1839
 

Ew. Wohlgeboren ersuche ich ergebenst, Nachstehendes in Ihre neue Zeitschrift für Musik einrücken zu lassen, indem ich noch die Bitte hinzufüge, ein Exemplar des Inserats durch Buchhändlergelegenheit mir gefälligst zukommen zu lassen:
Berichtigungen und Ergänzungen mit Bezug auf eine im 24sten Stück erschienene Rezension über die Gesangblätter aus dem sechzehnten Jahrhundert. Berlin 1838. Sandersche Buchhandlung. Erbarm’ dich mein o Herre Gott. Die Melodie des Gesangbuches von 1543, in unsre heutigen Choralbücher übergegangen, findet sich schon in Johann Walther’s Gesangbuch von 1525, unter No. 13. – Im Jahre 1523 gab Dr. M. Luther folgende 2 Lieder auf ein paar Blätter in Quart heraus: „Nun freu’t euch lieben Christ’n gemein,“ (von ihm selbst) und „Es ist das Heil uns kommen her“ von Paul Speratus. Beiden Liedern waren die Noten der Melodien hinzugefügt. Von der letzteren ist der Verfasser unbekannt. – Daß Luther an der Herausgabe der Wittenberger Liedersammlung [von 1524] einen Antheil gehabt habe, ist sehr zu bezweifeln. Der Hymnologe Rambach in seinem „Versuch über Dr. M. Luther’s Verdienst um den Kirchengesang“ (Hamburg 1813. 8. S. 67 u. 68) bestätigt diesen Zweifel. Ich führe dessen eigene Worte an, sie lauten also:
„Daß aber diese Sammlung, obgleich von den acht Liedern, die sie enthält, die Hälfte von Luther ist (5 mit einem halben Mond bezeichnete Lieder beim Anfange der Verse sind von Luther und 3 von Paul Speratus), dennoch nicht zu den von ihm selbst angeordneten und zum Druck beförderten gezählt werden könne, ist von dem gelehrten Riederer, meines Bedünkens, mit so vielen und starken Gründen bewiesen worden, daß man die Sache als völlig entschieden ansehen kann. Luther würde, wenn er Herausgeber gewesen wäre, den Titel sicher nicht so abgefaßt, er würde, wo das erstemal Wittenberg [Die Worte: „wo das erstemal Wittenberg“ beziehen sich ohne Zweifel auf die Ausgabe mit der unrichtigen Jahrzahl „1514,“ in welcher die beiden Lieder: „Nun freu’t euch lieben – Es ist das Heil pp. mit der Jahrzahl „1523“ unterzeichnet sind.] steht, allhier gesetzt, er würde seinen Namen nicht verschweigen, er würde am allerwenigsten sich unter die Hochgelehrten, deren noch dazu nicht mancherley, sondern nicht mehr als drey sind, gezählt, er würde ohne Zweifel auch, wie er bey den sicher von ihm herausgegebenen Gesangbüchern immer gethan, nur Vorrede zu der Sammlung gemacht haben. Der zuerst
erwähnte Umstand, da nemlich von Wittenberg als einem fremden Orte die Rede ist, so wie die, ganz gegen damalige Sitte, am Ende weggelassene nähere Bezeichnung des Druckers, läßt sogar vermuthen, daß sie überall nicht einmal in dieser Stadt aus der Presse gekommen, sondern daß der Name derselben von irgendeinem auswärtigen Drucker und vorgeblich auf den Titel gesetzt worden, wie es zu der Zeit nicht selten mit Luthers und anderer evangelischgesinnten Schriften geschah, theils der Sicherheit wegen, weil es an manchen Orten verboten war, dergleichen Schriften herauszugeben, theils um die Käufer desto mehr zu reizen und den Absatz der Bücher zu befördern. u. s. w.“ – Dieses erste Gesangbuch von 1524, in einer spätern Ausgabe zu Arnstadt 1717. [8.] (ohne Singzeichen) erschienen, hieß späterhin das erste Olearische Gesangbuch. Johann Christoph Olearius, Prediger zu Arnstadt, ist der Herausgeber [desselben;] das Original zum zweiten [Olearischen] Gesangbuch von 1525 (Supplement zum Erfurtischen Enchiridion); ebenfalls von acht Liedern, führte den Titel: Etliche Christliche Gesenge und Psalmen, welche vor bey dem Enchiridion nicht gewest synd, pp. Ein drittes Olearisches Gesangbuch (1525) [von fünf u. dreißig Liedern,] hatte im Original den Titel: Geystliche gesenge, so man ytzt (Got zu lob) ynn der Kyrchen singt, u. s. w. Diese beiden letzteren Gesangbücher sind mit dem ersten Gesangbuche ebenfalls in 8.
und zu Arnstadt i. J. 1717 erschienen. Ein viertes Gesangbuch: Enchiridion geistlicher gesenge vnd Psalmen v. J. 1528 (4tes Olearisches Gesangbüchlein) hat Olearius in einer kleinen 1720 [in 8.] zu Arnstadt erschienenen Abhandlung umständlich beschrieben. In dem dritten Gesangb. vermuthet Rambach zuerst die hypophrygische Melodie zum Liede: „Ach Gott, vom Himmel, sieh’ darein pp.,“ dann aber gewisser im Erfurter Enchiridion von 1526. Bl. …; die im Wittenb. GB. v. 1524 [befindliche] hat noch die Noten der entlehnten Melodie: „Es ist das Heil uns kommen her pp.“ [Mit Ausschluß der doppelt vorkommenden Melodie:] „Es ist das Heil pp.“ hat dies erste Gesangb. nur vier Melodieen.
J. F. W. Kühnau,
Mohrenstraße No. 61.

Berlin, am 6ten Juni 1839.

P.S. Vor Absendung dieses bemerke ich noch, daß der Anfang dieses Briefes ein Mißverständniß veranlassen könnte; bemerke daher, daß ich Ihnen Vorstehendes als einen Beitrag für Ihre Zeitung sende, die Aufnahme Ihrem Ermessen anheimstelle, und auf keinen Fall die Aufnahme als zu bezahlendes Inserat verlange.
Kühnau.

Des
Herrn[Buchhändler] Friese
Wohlgeboren,
Redakteur der neuen
Zeitschrift für Musik,
in
Leipzig.

  Absender: Kühnau, Johann Friedrich Wilhelm (12589)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.17, S. 346-349
 



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