15.07.2019

Briefe



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ID: 5918 Brieftext


Geschrieben am: 26.05.1839
 

Berlin d 26ten May 1839.
Ihre Zuschrift pr. Einlage, lieber Freund, habe erhalten. Bereits habe ich 3 Quartette (Partitur und Stimmen) durch Gelegenheit an Sie abgesandt; ich wußte nicht ob es Ihnen recht wäre, wenn ich dieselbe [sic] schickte, daher die lange Verzögerung. Zwei der Quartette sind ganz aus meinem Innersten geflossen, das 3te in Es ist kein Characterwerk; aber man muß dergleichen schreiben, um sich auch in einer verschiedenen Manier zu zeigen; lassen Sie, wegen der großen Schwierigkeit der Execution, u. um die Leute nicht zu sehr abzuschrecken, erst das Amoll, dann das Fis moll u. zuletzt als Gegengift gegen solche Verirrungen, das in Es dur spielen. Wünsche allerseits gute Verdauung! Mit allernächsten schicke ich was humoristisches hinunter; aber dann [auch] genug mit Quartetten; immer ein u. dasselbe Fach bearbeiten zu müssen, immerfort Quartette, Sinfonien u. Ouverturen! doch dies Jahr muß es noch so seyn, weil ich noch einiges vorhabe; eine kriegerische Sinfonie, bearbeite ich jetzt, u. ein Septett muß auch heran. Sie schreiben mir, lieber Freund, wenn ich recht gelesen, ob ich noch nicht an den Druck gedacht? – allerdings; das ist ja das einzige Mittel eine allgemeinere Wirkung auszuüben, die einzige Aufmunterung die uns Notenschreibern werden kann; aber obgleich ich sagen darf, daß meine Compositionen hier von einer Hand in die andere wandern, so daß ich nie was zu Hause habe, u. die Spannungen u. Erwartungen von mir groß sind, so könnte ich doch hundert Concerte hier geben, ohne mir einen Verleger verschaffen zu können; denn hier giebt es keinen, was ich zwar nur aus der allgemeinen Kenntniß hiesiger Händler entnehme, indem ich bis jetzt keinen Versuch gemacht, mir einen Verleger zu verschaffen, aber sich gewiß so verhält. Ein Verleger für mich wäre wahrscheinlich nur in Leipzig zu finden, wo ja die Buchhändler etc.-Welt zusammenwohnt, doch wer von diesen Herren könnte zu mir Zutrauen gewinnen, von Musik verstehen sie nichts, u. von solcher – verirrten oder verrückten, nichts; ich selbst bin so ganz unerfahren im Kaufmännischen, daß ich gar nicht den ersten Schritt thun könnte; eine Aufführung von irgend was von mir, z. B. mehrere Quartettabende, in Ihrer Stadt, ist aber schon darum unmöglich, weil ich wohl nie einen für mich so enthusiasmirten [1ten] Violonisten, wie der meinige hier, finden würde, obgleich ich mir einbilden möchte, die Sache würde Effect machen. Orchesterwerke bekommt [man] unten nicht von mir zu hören, da ich keinen mit so was behelligen werde, u. keine solche Gefälligkeiten verlange; es wäre [auch] ganz vergebener Versuch, aus verschiedenen Gründen. Freilich, wie die Sachen jetzt stehen, vergehen oft Monate ohne daß ich was thue; u. muß ich nicht fürchten, den Menschen endlich ganz unverständlich zu werden? ich halte nichts von Regeln u. dergleichen; die Quartette die Sie zuerst von mir kennen gelernt, hatte ich zum größten Theil componirt, ohne je eine Partitur von irgend was, in meinem Leben auch nur gesehn zu haben; aber ein ganzes Heft Mozartscher Violinquartette habe ich mal vor langer, langer Zeit in’s Feuer geworfen, aus Ärger über solche Musik; bei solcher Natur mache ich mir freilich nichts, wie Sie denken können, aus der alten Manier; man kann 100 solche Sachen schreiben, es macht keine Mühe, geht aber [auch] alles unter, einst – einst! – Wie gesagt, für den Druck vermag ich selbst kurioser Weise, nichts zu thun; die Notenhändler kennen mich nicht, die [technischen] Musiker unten, verstehen mich nicht; auch werde ich nichts verschenken, denn wenn ich nur meine Kosten herausbekommen sollte, müßte mir der Verleger viel geben, u. ich glaube, er könnte was profitiren, wenigstens, wenn ich nach dem allgemeinen Drängen [hier] in mich, die Quartette drucken zu lassen, schließen dürfte. Wäre ich nicht von vermögenden Eltern, u. dadurch genirt, ich würde sie mit meinen hiesigen Abonnenten auf Subscription allein u. mit Vortheil stechen lassen. – Kann ein Anderer etwas dafür thun, so werde ich ihm nach seinem Belieben dankbar u. erkenntlich seyn. Beifolgend der Anfang des Großen Aufsatzes über die Beethv. 5 Quartette. Ich bin hier in dem eigenen Falle, indem ich dieselben besprechen will, [(] gleichsam wie in einem Spiegel einen Theil von mir selbst sehen zu müssen) u. mir entsinkt fast die Feder, den Aufsatz fortzuschreiben. Seltsames Zusammentreffen. Doch es sey; ich will kalt scheinen; was brauchen auch die Menschen davon zu wissen u. sie sollen,[dürfen] es auch nicht wissen, nie. – Die Fortsetzung werde ich, nach nochmaligen Hören des A moll quartetts schicken, also baldigst. Ich thue mein möglichstes zum Besten tieferer Kunst, und manchen habe ich ein eifrigeres Streben eingehaucht; die Sachen wirken, möge die Saat reifen. Ihre Zeitung wird immer allgemeiner hier gelesen, wovon freilich der Verleger nichts merken kann, da der Bezug der Conditoren etc immer nur aus zweiter Hand geschieht. – Hinsichts eines Beitrags für die Beilagen, bin ich wie zu allem bereit, nur müssen Sie mir sagen, welcher Art der seyn soll, ob Lied, oder Instrumentalsatz; auf Ihre Antwort wird meine Einsendung unmittelbar erfolgen. Ich wollte Ihnen erst [noch] ein[en Auf]satz über das Spiel der Gebr. Müller senden, aber ich habe mich besonnen [und will Ih]rem [mir wenig bekannten] Correspondenten nicht vorgreifen. Der Primogeiger, welchen ich auch a[ls] Solospieler gehört, hat durchaus nichts, was ihn zu einer grandiosen Auffassung befähigt; [so seelenvolle Stellen, wie in] Beethovens letzten Quartetten würde er nie gehörig aufzufassen u. vorzutragen vermögen; seine Stärke besteht in Onslow, überhaupt in galanter Manier; er hat auch nie die letztern Arbeiten Beethov. hier vorgetragen, wie Ihr Correspondent Ihnen ganz fälschlich einmal meldete. fällt mir hierbei ein, daß ich mal ein kleines gestochenes geistliches Compositionsstück von Gluck gesehen habe. Ich habe so viel gesprochen, wie ein altes Weib; Sie sehen, ich schreibe mehr als Sie Vielbeschäftigter. Sollte Ihr Cellist etwas in meinen gesandten Compositionen zu schwer finden, so lachen Sie ihn aus; es geht alles zu spielen u. ist ja gespielt worden; auch habe ich ein Osia dabei gesetzt. Ich schließe, denn vielleicht haben Sie nicht mal Zeit den Brief auszulesen. Erhalten sie Ihre Freundschaft Ihrem
H. Hirschbach
neue Friedrichstr. 29.

Welche Straße wohnen Sie? zu mehrerer Sicherheit!

N.S. Diesen Brief konnte ich, als zu dick, nicht pr. Einlage mit der Adresse beim Packet mitschicken; daher per Post besonders. An dem Vorworte [lassen] Sie, bitte ich, nichts aus.

Sr Wohlgeboren
Herrn etc. Robert Schumann
Redacteur der neuen musikalischen
Zeitung
in
Leipzig
im rothen Collegio, Ritter-
straße wohnhaft?
frei

  Absender: Hirschbach, Hermann (715)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.17, S. 260-264
 



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