19.12.2019

Briefe



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ID: 5940 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 13.04.1839
 

Liebster Freund!
Wie sehr hat es mich gefreut, mal wieder etwas von Ihnen zu vernehmen; daß Sie sich noch meiner Composition erinnern, sehe ich aus dem Datum. Gewiß werden Sie mir, komme ich mal wieder nach Leipzig, wozu freilich jetzt kein Beweggrund eigentlich abzusehn, vieles aus Wien zu berichten haben. Von der malerischen Gegend um Wien werden Sie im Winter wenig genossen haben. Doch, wie mögen sich dort die Kaiserl. Königl Herren Musiciens benehmen!! die Königl kenne ich ja von hier, u. habe genug davon. Doch es ginge hier schon, wenn nur etwas mehr inneres u. äußeres Musikleben sich vorfände; so aber, mit unsern beschränkten Kunstansichten u. unsrem immer 30 Jahr zu spät eintreffenden Schlendrian ist’s hier nicht zum aushalten, wenigstens für mich nicht, u. wüßte ich nur einen Ort wo – doch es ist alles dummes Zeug u. ich bin auch nicht selbständig. Daß ich eine Quartettsoirée (öffentlich) gegeben habe, haben Sie also erfahren; daß ich viel über unsere Recensenten lachen mußte, versteht sich von selbst, u. Spaß bei so vielem Ernst im Leben muß seyn; doch bin ich noch viel glücklicher weggekommen, als man hätte glauben sollen u. ich habe mir dadurch sehr viele Anhänger gewonnen, so daß man mich doch im allgemeinen für einen kuriosen Kerl hält. Zum nächsten Winter werden meine Spieler ein [sic] Quartett-Cyclus errichten (falls sich ein gehörig zahlreiches Publikum findet) wo nur Quartette von mir, ferner die letzten 5 Beethovenschen u. stets [jedesmal], sey es Manuscript oder gestochen, ein neues von einem [andern] jungen Componisten, sey es wer es will, gespielt werden sollen; wenigstens wird die Sache betrieben. Auch will ich , geht es nur irgend an, im Winter ein Orchester Concert von eigenen Composit. geben. Ich könnte wohl vieles erlangen, wollte ich zu dem einen oder dem andern der Macht habenden Herren gehen; aber ich kann das nicht über mich gewinnen, u. bin auch selbst so gradezu, wie man’s gegen mich seyn soll; nach u. nach werde ich’s aber doch durchsetzen; so wie Sie, würde mich niemand freilich verstehn, was ich auch einem Herrn Truhn hier, der sich bei mir introducirte, sagte; derselbe hat auf sein Verlangen eine Ouverture zu Hamlet für sein Leipziger Concert von mir mitgenommen; wie dieselbe geklungen hat u. ob sie gar gespielt worden, weiß ich bis jetzt nicht. Von Ihren Compositionen habe ich eben den Carneval vollendet, der mich sehr erfreut hat, dessen vollkommene Wirkung aber nur durch einen Claviervirt. zu erlangen, der ich nicht bin; ich nenne Sie, nach dem was ich bis jetzt von Ihnen kenne, „einen kuriosen Kerl“, mit eben dem Rechte, wie man mich hier so bezeichnet. Sie lächeln gewiß; eben so gewiß ist es, daß ich mehr von Ihnen kennen lernen möchte, als ich bis jetzt vermochte, denn bei dem Musik. Händler mit dem ich in Berührung stehe, ist wenig neues vorhanden. Zu einem ganzen Quartettmorgen kann ich Ihnen Composit. von mir senden; ich glaube jetzt das äußerste in diesem Fache gewagt zu haben, u. fürchte, daß für jeden, der meine früheren Quartette nicht kennt, die neuen unverständlich sind; aber andere Empfindungen als die gegebenen zu schildern war nicht möglich, sollte ich immer tiefer u. tiefer vorwärts dringen, es geht freilich manchmal schrecklich kurios darin her, aber Sie werden mich schon verstehn, wenn auch die Herren Executirenden zuweilen vielleicht lange, [erstaunte] Gesichter machen sollten. Das eine Quartett muß ich noch [in Stimmen] abschreiben, was eine Woche erfordert, u. gehört habe ich sie sämmtlich auch noch nicht; ich werde sie Ihnen, sobald wie möglich zusenden. Schade, daß Sie nichts orchesteröses von mir hören können! – Uebrigens soll ich ein neues Oratorium (Simson) componiren, dessen Aufführung gesichert wäre; während dessen wird freilich jede andere größere Arbeit (u. bis jetzt habe ich nur solche geschrieben) ruhen müssen. – Beiliegendes Aufsätzchen drucken sie ab, wenn es Ihnen genehm; ich weiß, wie sehr man genirt ist im Wahrheit sagen, u. hängt alles von Ihren Rücksichten ab; ich habe keine. Wie wäre es mit einer großen Arbeit über Beethovens letzte Quartette; würde es Ihnen lieb seyn. Ich würde gleich mit dem herrlichen Amoll anfangen, von dem mir nur das Adagio nicht klar ist, was sich vielleicht giebt, könnte ich es executirt hören, doch wie schwer ist das hier! wir sind hier nur Musiker pour l’argent et pour – beaucoup d’argent. Nichts von Kunstsinn!! hier bekämen Sie keinen Quartettmorgen gratis zusammen.
Ihr H Hirschbach

Berlin d 13ten April 1839.

P.S. Ich wünschte, daß Sie solang über meinen Brief studirten, wie ich über den Ihrigen.

Sr. Wohlgeboren
Herrn Robert Schumann
Redacteur der neuen musikal. Zeitung
(nöthigenfalls zu erfragen in der Buchhand-
lung des Herrn Friese, woselbst auch der
Brief, falls der Empfänger nicht anwesend,
abzugeben).
in
Leipzig
im rothen Collegium, Ritter-
straße bisher wohnhaft
frei

  Absender: Hirschbach, Hermann (715)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
255ff.
 



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