19.12.2019

Briefe



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ID: 598 Brieftext


Geschrieben am: Montag 03.07.1848
 

Dresden, d. 3 Juli 1848.
Lieber Freund,
Da die Zeit drängte, so habe ich zur Einleitung in die Schlußscene aus Faust Einiges aus dem Deyks’schen Buche gezogen. Billigen Sie es? – Die Aufführung ging vortrefflich von statten (im Privatkreise); der Totaleindruck schien mir gut, und den der „Peri“ zu überwiegen, und das ist wohl Folge der großartigeren Dichtung, die auch mich zu größerer Anspannung meiner Kräfte auforderte. Ich freue mich sehr, meinen Freunden in Leipzig die Musik vorzuführen, und hoffe es zu Gott mit Anfang des Winters. Am liebsten war mir von Vielen zu hören, daß ihnen die Musik die Dichtung erst recht klar gemacht. Denn oft fürchtete ich den Vorwurf, „wozu Musik zu solch vollendeter Poesie?“ – Anderntheils fühlte ich es, seitdem ich diese Scene kenne, daß ihr gerade Musik größere Wirkung verleihen könnte. Nun, vielleicht können Sie bald selbst urtheilen! – Betrachten Sie das Vorige übrigens nur als eine Privatnotiz, und erwähnen davon nichts in der Zeitschrift. Vielen Dank bin ich Ihnen noch schuldig für die übersandten Musikalien – namentlich für Palästrina. Das klingt doch manchmal wie Sphärenmusik! – und dabei welche Kunst! Ich glaube doch, das ist der größte musikalische Genius, den Italien geschaffen. Meine Vereine machen mir viel Freude, namentlich der für ganzen Chor. Wir singen jetzt die Missa solemnis von Beethoven prima vista, daß man wenigstens klug daraus wird – und das freut mich, wenn sie so durch Dick und Dünn nachmüssen. Es wird aber auch studirt, wenn es darauf ankömmt. So Comala v. Gade. Lieber Brendel, es scheint mir doch, als hätten die Leipziger dies Stück zu gering angeschlagen. Gewiß ist’s das Bedeutendste der Neuzeit, das einzige, was einmal wieder einen Lorbeerkranz verdient. – Wie geht es mit der Zeitschrift? Es freut mich, daß sie den ersten Rang fortbehauptet. Wer ist der Magdeburger (?) von dem ich in der letzten Nummer las? Franz ist darin ganz vortrefflich charakterisirt, wie er überhaupt viel Schönes und Gutes enthält. Nur bei Meyerbeer und Gade möchte ich Fragezeichen machen; jenem ist zu viel Ehre, diesem zu wenig geschehen. Wie dem sei, Kenntniß, eigene Anschauungskraft, wahrhaft warme Theilnahme an der Fachstellung unserer Kunst zeichnen den Verfasser jedenfalls aus. Wer ist er? – Dasselbe gilt auch von Dörffel, seinen Aufsatz über die Symphonie habe ich mit Freuden gelesen. Nur über das Finale schien er mir noch den Eindruck der ersten Leipziger Aufführung im Sinne zu haben. Hörte er ihn jetzt, glaub’ ich gewiß, daß er ihn mehr befriedigte. Hunderterlei möcht’ ich noch schreiben; aber es geht nicht mehr. Darum nur noch viele Grüße.
R. Sch.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Brendel, Franz (261)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
270ff.
 



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