25.02.2022

Briefe



Rückwärts
	
ID: 5980
Geschrieben am: Montag 30.04.1838
 

Maxen am 30. April 38.
Wie soll ich Ihnen danken, bester Herr Schumann, daß Sie meinen längst gehegten Wunsch – an meinem Geburtstag erfüllt haben – u eine Compo¬sition von Ihrer Hand geschrieben, für mein Album, schickten! – Wüßten Sie, welche Freude, ich – u Viele Andere noch, an meiner Sammlung, <v> an den Entwürfen ausgezeichneter Künstler, an musicalischen, poetischen Gedanken, – an Zeichnungen u Skizzen – finde – wie ich sie zu schät¬zen weiß – Sie würden es nicht bereuen mir das liebe Blatt gegeben zu haben! – Krägen hat es fleißig Gestern studirt u wünscht, ich möchte es Henselt schicken, weil er ┌es┐ ganz für ihn, <s>in seinem Sinn findet, er ist entzückt davon, wie jedes musicalische Ohr das dies reizende Allegro agitato, nur hört. – Wissen möchte ich schon, was Sie bey dieser Compo¬sition gedacht, in Ihrem feurig bewegten Gemüth? – Nun, ich mache mir so allerhand Gedanken, u hoffe mündlich mich darüber noch, wie über Tausenderley Anderes aussprechen zu können. Ich freue mich, daß ich Sie schon so genau kenne, u bedaure Sie nicht zu kennen das heißt Sie noch nicht gesehen zu haben. Ich hoffe, u wünsche, Sie kommen diesen Som¬mer nach Dresden, u bringen auch bey uns einige Tage zu. Nichts soll Sie in unserm Hause geniren, denn unser Besuch ist frey hier, wie der Vogel in der Luft. Sie sollen Ihre Stube, ein Instrument haben, u uns mal sehen, wenn es Ihnen gerade so zu Muthe ist. Glauben Sie, wir haben es gelernt, mit Künstlern umzugehen; u kennen alle <ihre> kleinen Eigenheiten ei¬nes Genies Mein Mann wird wohl im Juny nach dem Wollmarkte nach Marienbad u Teplitz auf 6 Wochen müssen, weil im Winter ihn die Gicht ┌immer┐ so sehr peinigt. Vielleicht kommen Sie früher oder später! Zuerst nur Einiges über unsern lieben Henselt. Vor 8 Tagen erhielt |2| ich von seiner Frau einen Brief, worin sie mir einen Brief ihres Mannes mitschick¬te, an ihr gerichtet – worin ungefähr folgendes stand. Henselt wohnt vor der Hand noch beym Fürsten Policarkof, wie Sohn vom Hause ┌über die russischen Flügel ist er ganz überrascht, sie sollen ein Mittelding zwischen den engl. u Wiener, sein┐ ist tägl. eingeladen, besonders zum Diner, da er sich es zum Gesetz gemacht hat die Abende zeitig zu Hause zu sein, nicht in Soiréen zu spielen, sondern lieber des Morgens, wenn er studirt, Besuche annimmt, u ihnen vorspielt die ihn zu hören wünschen. Graf Nesselrode, Graf Lerchenfeld, Fürst Narischkin, die Krüdner, die Großfürstin Helene, Graf Wilhorsky überhäufen ihn mit Freundlichkeit. In seinem Concert wo 4 Tagen vorher schon kein Platz zu bekommen, ┌mehr war┐ wurde er ┌9 Mahl┐ wiederhohlt gerufen, u rauschend applau¬dirt. Die Kaiserin selbst, schickte 2 Mahl herunter, u ließ um die Wie¬derhohlung der Vöglein Etude u des poême d’amour, bitten. Er hatte reinen Gewinn, 12,000 Roubles b. nach Abzug aller Kosten, u erhielt den andern Tag einen kostbaren Ring von der Kaiserin, u die Einladung in einer Soirée bey ihr zu spielen. Hier sprach sie viel u freundl. mit ihm, sagte, wie entzückt sie von seinen Comp. wäre. Die 2 Grossf. Maria u Olga, mußten ihm einige seiner Sachen vorspielen, u als er fortgehen wollte, sagte sie ihm, wenn sie wieder etwas so herrliches als das poême d’amour componiren, so vergessen Sie mich nicht, u dediciren Sie es mir! Der Kaiser sagte ihm, ich freue mich, daß Sie nach meinem Lande ge¬kommen, es soll Ihnen schon hier gefallen! Darauf bat die Kaiserin u die Fürstinen noch um einige seiner kleinen Sachen, die er eigenhändig ihnen auf schreiben sollte. Henselt schreibt seiner Frau – er hätte ┌wieder┐ ei¬nen glückl. musikalischen Gedanken gehabt eine <> Composition, die er La Fontaine nennt, u welche er immer wiederhohlt spielen muß. In Warschau hatte er seiner Frau eine <> neue pièce dedicirt, Künstlers Er¬wachen! Zu meiner Verwunderung, nennt er in seinem Briefe weder den Namen, Gerke, Charles Meyer u Vieuxtemps u Garling[?] seine beiden Reisegefährten. Er sehnt sich nach Ruhe, um eine größere Composition zu beginnen, seine Frau reiset den 6 May von Greifswald zu ihm eilend, ab – wo sie sich nun in Petersburg wohl etabliren <> werden! – Wenn nur all dieser Weyrauch, seine Natürlichkeit, seine Anspruchslosig-|3|keit – u die richtige Erkenntniß seiner Selbst – die ihn so liebens werth macht, nicht raubt, doch das wahre, große Genie – bleibt einfach u das Urtheil der Sachverständigen u sein Eigenes, über seine Kunst – gilt ihm mehr, wie das schmeichelnde Lob, aller Kaiser u Könige! Henselt ist ein liebes, kindliches Gemüth – das kann man beurtheilen, wenn man so lange, so nah mit ihm lebte, wie wir, wie selten ist er einmahl zufrieden mit sich! – Sein Herz ist frey von Mißgunst Neid u Cabale. und wo er etwas Schö¬nes findet – wer auch der Schöpfer sey, dafür erglüht er. Wie unzählige Mahle hat er die kleine Pfantasie [sic] von Ihnen, die er mit aus Leipzig brachte, gespielt, u immer ausgerufen – es ist ein prächtiger Gedanke, ich kann mich nicht satt daran spielen u hören. Dann mußte es wieder Krä¬gen ihm vorspielen – u er horchte zu. – Jeden Sontag fast bringt Krägen zu seiner Erhohlung u um ungestört üben zu können, bey uns auf dem Lande zu! – Da lernen wir alles Neue, was nur für das Clavier erscheint kennen, u Jedes Mahl ist ein Heft Ihrer Compositionen dabey – für die er enthausiastisch [sic] eingenommen! Kürzlich spielte er uns, ┌von Ihnen┐ In der Nacht vor! das war auch Einer Ihrer glücklichsten Gedanken, wie wird das auch der Clara gefallen, ob Sie es nur schon kennt? – Clara studirte hier, die piece über die Puritaner, ein, spielte oft, diese über ein Thema von Pacini, u zuletzt – den Carneval<s> <Tänze> – die man aber von Wiek selbst ┌dabey┐ erklären hören muß. Wie freue ich mich ihres Triumpfes – so hoch ich sie als Künstlerin stelle, so weiß ich nicht, ob ich sie als Mädchen, mit ihrem treuen, einfachen Character, mit all ihren glücklichen Anlagen, u ihrem Feuer, für alles Schöne – nicht noch mehr lieben muß. – In den ┌Wiener┐ Zeitungen steht – überall wo sie erscheint – ärndet sie Beyfall. – nicht so ihr Vater! – – Ich lese alle musical. Zeitungen wie freue ich mich oft, über Ihre herrlichen Urtheile! ┌u was Sie über Henselt sagten! ┐ – Kennen Sie den Aufsatz von Bank schon, in der Berliner Staatszeitung! Ich möchte Künstler sein, um ihn ganz verstehen zu können! – Wie sich das Ohr schärft – wenn man so viel, u so gute Musik, u so ausgezeichnete Künstler immer hört, ausüben u sprechen – ist unglaublich. <> Krägen hat Scênes dramatiques com¬ponirt, Henselt war sehr eingenommen für diese Comp. bat Krägen sie aufzuschreiben u ihm zu geben, er wolle sie ein<zu>studiren u öffentlich spielen. Auch hat er jetzt ein Trio vollendet, was edel, gehaltvoll, inter¬essant ist. Ich sprach Mehrere Kunstverständige |4| die dasselbe darüber sagten. Nun gibt es keine demüthigere Seele, welche sich so wenig zutraut – wie Krägen, u Henselt schalt ihm oft – er sagte ihm du weißt nicht was in dir wohnt! – Ein Anderer würde an deiner Stelle, sich besser geltend zu machen wissen! – Hr. Krägen gab mir den Auftrag, das Presto für sie zu copiren, da sie keine Abschrift behalten. Entschuldigen Sie, daß die Noten so schlecht und fehlerhaft geschrieben sind – dafür ist es aber von einer Damenhand. Was werden Sie sagen, daß eine Unbekannte an den Unbekannten, einen so langen, ausführlichen Brief schreibt werden Sie Geduld zum Lesen haben!? – Auf Antwort hoffe ich gar nicht – ich weiß – so gut sind Sie mir geschildert – wie ungern Sie schreiben! Ich wün¬sche mir die Bekanntschaft des Felix Mendelsohn. Kommt er wohl bald einmahl nach Dresden? – Überall wohin wir kamen auf unsern Reisen, besonders in München u Rom, hatte er ein unauslöschbares Andenken – hinterlaßen – u wir hörten selbst schon Mädchen mit Begeisterung von ihm sprechen!
Heute gibt La Combe hier Concert. Er besuchte uns, u ich hörte mit Erstaunen seinem mechanisch vollendetem Spiel zu. Er spielte eine Com¬position von Thalberg über die Hugenotten, doch während Henselts Spiel ergreift – bewundert man u erstaunt hier, wie weit es der Mensch im Clavierspiel bringen kann! – doch <> ┌ich spreche┐ nun von dem Ein¬druck den es auf mich – die ich nichts verstehe – gemacht hat! –
Nächste Woche sagt man soll Dessauers kleine Oper aufgeführt wer¬den, Es wäre viel, wenn er so gute Opern schriebe, wie Lieder! – Wie wird Ihnen die Devrient als Valentine in den Hugenotten gefallen ich kenne nichts Ergreifenderes – ! –
Clara Novello scheint in Wien weniger Furore als in Berlin zu ma¬chen wo man die frischen, schönen Erscheinungen noch über die Kunst setzt. Ihr Betragen, a l’anglaise – gefällt auch den Deutschen nicht be¬sonders u nicht überall erwirbt sie sich dadurch Freunde – sie war öfter auch bey uns. Immer kann ich auch kein Ende mit dem Schreiben finden, u vor Allem habe ich noch die herzlichsten Grüße meines Mannes zu bestellen! –
In Dankbarkeit
Ihre –
Fr. Serre.
Wie ich höre kommt Hr. Huth bald hier her, Gern werden wir thun was in unsern Kräften steht ihm den Aufenthalt ihm hier so nützlich wie möglich zu machen, ich fürchte er hat wenig Glück! –

  Absender: Serre, Friederike (1481)
  Absendeort: Maxen
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
341-348

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 7 Nr. 940
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.