19.12.2019

Briefe



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ID: 5985 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 03.05.1838
 

Dresden den 3 May 38.
Lieber Schumann!
Deinen Brief vom 20sten oder 29sten April (du hast wieder so deutlich geschrieben daß ich nicht herausbringen konnte was es eigentlich heißen sollte) hab ich erst gestern den 2ten May durch Meser erhalten daher darfst du dich über eine späte oder verspätete Antwort nicht wundern; warum schreibst du auch nicht durch die Post wenn dir etwas an prompter Antwort liegt.
Du willst eine neue Kunstnovelle für die musikalische Zeitschrift, das freut mich denn ich sehe daraus daß das Publikum das Ding noch nicht so satt haben muß wie ich der ich vermeinte als meine 2 Bände bei Sauerländer erschienen waren: nun ists genug in dieser Weise. Ehrlich gesagt so mein ich das auch jetzt und zwar um so mehr als ich jetzt ein großes Werk in Arbeit habe nämlich „C. M. v. Webers Leben und Werk[“] nach den besten und größten theils bis jetzt noch nicht benutzten Quellen, mir ist es mit dieser Sache sehr Ernst denn ich gedenke damit zu beweisen daß es bei mir nicht bloßes Gerede ist wenn ich über Kunst rede, von Webers Wittwe so wie von Meyerbeer erwarte ich sehr wichtige Mittheilungen, besonders über Weber früheres Leben und seine Studien unter Vogler. Dies so wie mein Tausend u eine Nacht u der Maler Faust welche ich für Sauerländer schreibe u zeichne nehmen mir natürlich die Zeit weg und machen mir das Kunstnovellenschreiben wo nicht zu wider, doch auch nicht eben dringend. Allein deine Zeitschrift hat mich gefördert und das erkenn ich dankbar an und da wär es nicht hübsch wenn ich dir nicht zu willen wär wo es geschehen kann, wenn du mir sagst du habest es gerne. Allein da ich weder selbstsüchtig noch ein eingebildeter Narr bin [so] frag ich dich: wär es für deine Zeitschrift nicht von mehr nutzen wenn du dir einmal eine Novelle von Leopold Schefer schreiben ließest – Kennst du seinen Novellencyclus Künstlerneid?
„Glucks Sohn“ scheint mir wunderschön, nur den „Bach“ ausgenommen gäb ich alle meine übrigen Kunstnovellen mit Freuden dafür hin – ich dächte dieser Schäfer würde mit einer tüchtigen musikalischen Novelle zur Abwechslung bei weitem besser für deine Zeitschrift einschlagen als wenn du mich alten Klepper immer vorreitest (das Bild ist arg aber unter uns wahr!) Zumal ich das Beste was ich sagen kann nicht sagen darf weil du mirs doch streichst.
Doch das mußt du alles besser wissen, und wenn du glaubst daß du mit mir noch vorwärtskommst, so will ich dir gerne eine [kleine] Novelle schreiben unter den alten Bedingungen, das heißt: 2 Louisdor ein für allemal, zahlbar nach Annahme des Mspts. auf Anderes kann ich mich garnicht einlassen denn von Pfautsch in Wien erhalte ich für jede kleine Novelle in Bausch u Bogen 6 Louisd’or.
Mit dem Jomelli ists nichts. Miltitz hat diesen Charakter schon vor 2 Jahren in der Abendzeitung zu einer Novelle benutzt. Luther – freilich das ist ein andrer Kerl und hab ich einmal Zeit so will ich etwas Tüchtiges daraus machen. Zeit aber brauch ich um mich erst recht fest zu stellen und Vorstudien zu machen und das kann ich jetzt nicht, ich schlage dir aber den Abt Vogler vor, gewiß ein origineller Charakter und ganz Zeitgemäß – antworte mir deshalb sogleich wenn dir was daran liegt dann benutz ich dies erste Feuer und werfe ein recht kekkes Charakterbild hin das in seiner Abentheuerlichkeit deine Leser schon ansprechen soll und doch festen Boden unter den Füßen hat.
Mit Meyerbeer bin ich bei seinem letzten Aufenthalt hier bekannt geworden er war ungemein artig gegen mich und will mir die Partitur der Hugenotten von Paris aus schicken. er war in sehr brillanter Laune und hatte freilich Ursache denn seine Oper hat hier unerhörtes Glück gemacht.
An Felix wenn er noch da ist gieb den inliegenden Brief seit dem Palmsontag saß ich in den Paulus fest und habe das Werk jetzt so inne als hätt ichs selbst gemacht. Gott erhalte den guten Kerl! ich habe mich seit Jahren über nichts so gefreut als über den Paulus hier ist Reinheit der Empfindung, Seelenreinheit da mußte denn auch die Ausführung wohl gelingen und sie ists Einzelnheiten wie die Stelle: „und sahen sein Angesicht wie eines Engelsangesicht“ – Die Arie [„]Jerusalem die du tödtest die Propheten, der Chor! steinigt ihn!“ – so wie der Chor mache dich auf und werde Licht, sind grade zu groß. Schön und charakteristisch ist der liebliche Chor „Seid uns gnädig große Götter![“] und nun die Schlußfuge!! – im Text hat mich so schön der wohl ist manches gestört offenbar sind der Recitationen zu viel und da Felix den Kirchenstyl nicht aus den Augen läßt so werden sie auf die Länge ein wenig monoton Händels Messias-Text scheint mir das Muster für alle Oratorien-Texte wenn sie einmal streng nach den Worten der Schrift seyn sollen – Daß die Dresdner so verrückt waren unsern Raphael-Felix mit dem Höllenbreughel Friedrich Schneider zusammen zu stellen würde Dich nicht wundern wenn du einmal ein viertel Jahr lang das Treiben in der Dreißigschen Singacademie mit ansiehst, das muß aber den Felix nicht nicht irre machen. Eine Bemerkung noch: // findest du nicht auch, daß schon die Erste Abtheilung allein ein Oratorium für sich bildet und eben so die 2te? mann könte es ganz gut an zwei Abenden aufführen – und bliebe zu jeder Abtheilung die Ouvertüre so würde so wohl Paulus Bekehrung als Paulus unter den Heiden [jede für sich] vollkommen verständlich seyn. Das ist ein Fehler wie man ihn mit Recht [an] Raphaels Transfiguration tadelt ob [hier] aber so schön weiß ich nicht genau.
Nun leb wohl schreib sogleich wieder vielleicht seh ich dich auf meiner Durchreise – nach 8 Tagen – ich gedenke nemlich eine Reise in meine Heimath zu meinen Verwandten zu machen wo ich dann auch Eutin besuche um hier über Webers Familie genaue Notitzen zu sammeln. Leb nochmals wohl u grüße alle Guten von deinem
Lyser

Das du fleißig bist weiß ich, ich lese ja alles und muß es ja wenn ich nicht zurückbleiben will! Ich fürchte nichts so sehr als Versteinerung, und diesem Umstande magst du es zuschreiben wenn ich selbst das mit Feuer ergreife und verarbeite was mich, streng genommen, oft wenig oder garnicht anspricht.

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
738-742
 



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