19.12.2019

Briefe



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ID: 5986 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 28.04.1838
 

Berlin d 28/4 38.
Lieber Schumann!
Ihre Chiffreschrift vom 21ten d. habe ich erhalten, und mich leidlich gewundert, daß der Briefträger die Adresse hat lesen können. Liebesbriefe könnten Sie übrigens ganz dreist an jede junge Frau zb. an die meine schreiben, ohne deshalb in unangenehme Collision zu kommen, denn das Lesen ist nur für die Auserwählten. Es gehört eine Art von Genie dazu. Warum schreiben Sie denn nicht mit lateinischen Buchstaben? Nun zur Beantwortung. Daß ich Ihre Gefälligkeit mit mancherlei Aufträgen zu oft echauffirt habe nehmen Sie nun weiter nicht übel, – – – ich bitte um Nachsicht. Daß der Lord Gregory so ein langer Schlingel ist thut mir leid, daß Sie kein Honorar für die Beiträge zur Musikbeilage zahlen können noch mehr. Ich gehe aber gern in anständige Gesellschaft, deshalb schicke ich Ihnen gratis zwei Lieder von Shakespeare, die mir der Ehre werth zu sein scheinen; suchen Sie eines davon gutzufinden. Ein ganzes Dutzend zu senden bin ich nicht im Stande, denn ich habe nicht so viel. Ueberdem würden in einem Dutzend von mir mindestens zwölf so gut sein, wie das von Spohr im ersten Heft. Wahrhaftig! – Lieber Schumann, ich bin gewiß kein arroganter Patron, ich könnte mich zb. niemals entschließen solche poetisch-musikalische Glaubensbekenntnisse abzulegen wie Hr. Banck in der Eleganten, aber ich weiß denn doch auch was ich kann und was ich nicht kann, und Sie denken denn doch gar zu klein von mir. Es ist wahr, ich habe manches herausgegeben, was besser zurückgeblieben wäre, aber daran ist nicht mein Selbsturtheil oder gar meine Eitelkeit schuld, sondern theils meine schlechte finanzielle Lage, theils die Dummheit mancher Verleger, denen gerade das Gewöhnliche, Ansprechende am besten gefällt. Wäre ich durch Vermögen unabhängig wie Meyerbeer, Mendelssohn, Curschmann und andre, – mein Name hätte bereits einen ganz andern Klang in der Kunstwelt als jetzt. Meinen Sie nicht? – Den Schluß des Aufsatzes über den Don Juan werde ich in acht Tagen absenden. Mit der Sekunde E habe ich mich geirrt; schweigen Sie gegen Jedermann darüber. Schön Mozartisch klingts aber nicht, – bei Beethoven wäre es mir gar nicht aufgefallen. Ich habe mich gewundert meine Artikel über die Opern, Conzerte usw noch nicht in den letzten Blättern zu finden, und beinahe furchtsam schicke ich Ihnen hier den versprochenen Artikel über Singeakademie, Möser usw, der hier einige Revolte machen dürfte, und den ich des Interesses halber möglichst bald aufzunehmen bitte. Was meine neusten Pläne betrifft, wonach zu fragen Sie so freundlich sind, so habe ich eigentlich gar keine; ich sehe kein Ende. Merkwürdig, daß mich alle Leute als Gesangkundigen loben, und ich doch nur immer zwei Schüler habe. Ich bin zu stolz mich anzutragen und für kleines Honorar zu unterrichten. Am liebsten übernehme ich die Redaction eines Journals. Wissen Sie etwas in Leipzig? Oder sollte es möglich sein von Gesangunterricht, Composition und Schriftstellerei bei 100 Th Zuschuß jährlich, die ich habe, in Leipzig zu leben? Was meinen Sie. Hier in Berlin wird es immer kostspieliger, es ist kaum zu erschwingen. Ich erinnere mich, daß Sie bei meiner vorjährigen Anwesenheit in Leipzig scherzweise zu mir sagten: „nun zu Ostern (1838) können Sie die Neue übernehmen!“ Wenigstens könnten wir uns in die Redactionsgeschäfte theilen; Sie würden dabei an Zeit zum Componiren gewinnen und ich routinirte mich dabei in einer Branche für die ich wirklich Talent zu haben glaube, und die mir später Existenz sichern könnte. Vertragen würden wir uns gewiß ausgezeichnet, denn das ich mich mit jedem vertrage ist vielleicht nicht der kleinste meiner Fehler. Ich bin zu nachgiebig in vielen Fällen. Wenn ich nun in acht Tagen (6ter Mai) nach Leipzig kommen wollte, könnte ich bei Ihnen schlafen? Den Tag über würde ich Sie wenig stören, überdies höchstens acht Tage bei Ihnen weilen. Diesmal müssen Sie schon umgehend antworten, zwei Zeilen aber unfrankirt bitte ich. Den Gregory heben Sie mir doch auf, damit er nicht zu den „Weingeister“ geht, die ich nie wiedergesehen, und die ich mich jetzt abquäle aus dem Gedächtnisse u. ohne Clavier wieder aufzuschreiben. Bis dahin und ferner Ihr
F. H. Truhn

[BV-E, Nr. 947a:] mit Liedern.

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 777ff.
 



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