15.07.2019

Briefe



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ID: 6006 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 03.06.1838 bis: 04.06.1838
 

Berlin am 1ten Pfingsttage früh.

Klingen Ihnen denn nicht täglich die Ohren wunderbar, theurer, lieber Freund? und denken Sie dann wohl hierher, an eine Seele, die viel Ihrer denkt, Ihre Gedanken wiederzugeben sucht, von Ihnen spricht mit grundvester Ueberzeugung und gern das Schwerdt zur offnen Fehde zieht, wenn es gilt, Ihre Ideen gegen die fest eingepuppten der Philister zu vertheidigen? – Man liest hier Ihre Zeitung mit dem größten Interesse, aber Ihre Compositionen kennt man nicht und noch sind Wenige, die sich so ganz erheben können, von den Laien nämlich, denn daß Taubert, dem ich bald Alles spielte, besser einging und es in sich eingehen ließ, ist wohl natürlich – dennoch hatte ich gestern Abend die große Freude, in einer großen Gesellschaft, wo ich Ihre Phantasiestücke spielte, Einige, die sie zum zweitenmale hörten, doch vernünftiger Weise davon begeistert zu sehen und so kommt nun, wie bei der besten Arznei (warum soll ich nicht in Ihren Tönen die Heilkraft andeuten?) die Wirkung erst später nachkommt, sicher auch bei allen Andren der Zeitpunkt bald, wenn die Krisis endlich vorüber ist. Wahrlich, Bester, gewisse Leute haben nicht ganz unrecht, gegen Berlin und seine Bewohner eingenommen zu sein, ich finde hie und da Grund, es läßt sich eine gewisse Bornirtheit nicht abläugnen, die sie auch nie ablegen können, da sie sie nie erkennen werden und wollen, Vernunftgründe helfen gar nicht, man kann sich am Ende so in etwas hineindenken u reden, daß es zur andren Natur wird, kann sich etwas so fest einbilden bis zum Glauben der Wahrheit daran – und so scheint es mir oft hier mit eingewurzelten Meinungen, Vorurtheilen, Ansichten – Gottlob, daß ich kein Berliner bin, auch nicht hier lebe, mir ist so viel besser. Sie lächeln gewiß – o könnte ich es sehen und erwiedern! –


Am 2ten Pfingsttage früh.

Sie sehen, bester Freund, den ernsten und gewiß allerbesten Willen, Ihnen zu schreiben, aber sie kommen Alle, einer nach dem Andren und nehmen mir die Feder weg und lästern mich u. s. w. u. s. w. Jetzt habe ich mich eingeschlossen, um Ihnen wenigstens dieses zu erzählen und so lange zu warten, bis sie mir die Thür einschlagen, eher gehe ich nicht von Ihnen weg. Gestern war ich in großer Gesellschaft (auch mit Hofrath J. P. Schmidt – also aß ich mit der Spenerschen, heute esse ich mit der Vossischen Zeitung mit Rellstab) und als ich nach Tische d. h. bei Abendbeleuchtung um 8 Uhr Ihre Phantasiestücke spielte, war man sehr befriedigt, entzückt und ich war unendlich erfreut, spielte mit besonderer Begeisterung, wozu der schäumende Champagner und manche intressante sprudelnde Unterhaltung auch etwas beigetragen haben mochten. Was soll ich Ihnen, Lieber, Guter, nun noch von hier erzählen? vom Radziwill schen Faust, den ich in und von der Singacademie vollständig gehört? die Musik ist stellenweise vortrefflich und kann einem ins Herz fahren, doch kann ich den ungemäßigten Enthousiasmus der Berliner dafür nicht theilen, die jed weden Tact schön und passend finden. Vom Hofe habe ich nichts gesehen und gehört – aber wohl Bériot u die Garcia – ersterer spielt sehr schön, Alles, was er macht, macht er vollendet, obgleich er für mich nicht den vollendesten [sic] Ton hat, den man hören kann – doch ist sein Spiel in sich ein Ganzes, rund, abgeschlossen. Sie singt wie die Schwester der berühmtesten Sängerin nicht anders singen darf – gute Schule, dennoch eine gewisse oft nicht wohlthuende Manier, die aber noch nicht ganz Eigenthum ist, vielleicht streift sie diese noch ab und macht sich einen höheren Grad der Vollendung zu eigen – das Concert, es war das zweite, war sehr voll – man spricht von einem dritten. Im Theater sah ich Emilia Galotti vortrefflich. Seydelmann als Marinelli – das war ein Genuß, sonst hoffe ich erst noch auf weiteres. Morgen kommt Voigt hier an.
Sie schreien, toben, ich muß fort, obgleich ich nun erst recht mit Ihnen plaudern wollte – Ottilie spricht immer vom Onkel Schumann in Leipzig! schreiben Sie mir bald, ich freue mich sehr darauf – die Einlage bestellen Sie wohl gütigst? leben Sie wohl, theurer Freund und vergessen Sie mich nicht – sehen Sie den Willen an und nehmen Sie diese mangelhaften Skizzen für das Gemälde, was ich Ihnen von hier senden wollte – – addio!
Mit treuer Freundschaft
Ihre Eleonore.
Taubert grüßt herzlichst.

Herrn
Robert Schumann Wohlgeb
Redacteur der neuen musikalischen
Zeitung
in
Leipzig
(Ritterstraße)
franco
3 3/4.

[BV-E, Nr. 975:] Henriette Voigt. [beantwortet:] 354. [Ver¬sand:] fr.

  Absender: Voigt, Henriette (1630)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.15, S. 88-91
 



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