19.12.2019

Briefe



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ID: 6062 Brieftext


Geschrieben am: Montag 18.06.1838
 

Geehrtester Herr!
Es war mir sehr erfreulich aus Ihrem Schreiben zu ersehen, daß wir hinsichtlich unserer Kunst vielleicht dieselben Grundsätze haben. Wie Sie, bin auch ich ein Feind alles unentschiedenen Schwankens und überzeugt, daß Ihre Zeitung durch ferneren fortwährenden Verein von Gründlichkeit und kühner Ansicht den Sieg erringen wird, vorzüglich wenn eine kräftige, entsprechende That sie unterstützt. Das Hauptstreben der neuern Musik ist Characteristik; nur müssen wir uns hüten, andere, als wahrhaft poetische Seelenzustände, zum Vorwurfe unserer Compositionen zu machen, und zugleich auch niemals vergessen, daß nur eine recht meisterlich combinirte Leistung ihre Zeit überdauert. In allen Fächern unsrer Kunst ist noch unendliches zu leisten. Eine Vereinigung von Glucks erschütternder Dramatik und Beethovens Combination müßte eine herrliche große Oper geben. Die Bach-Händelsche Richtung des Oratorium’s ist auch nicht so sehr lobenswerth; eine Fortsetzung von Haydn’s Schöpfung als verlornes Paradies, den Fall des ersten Menschen, Kains That, babylonischer Thurmbau (symbolisch) und Sündfluth umfassend, würde vielleicht ein Oratorium geben, wie wir es noch nicht besitzen. Was meine Ansicht von einer noch poetischern Richtung der Symphonie betrifft, so verständigen wir uns vielleicht darüber, wenn ich meine zweite (einsätzig und gleichsam meine Biographie enthaltend) fertig habe. Meine Meinung von Quartett und Sonate kennen Sie, u. vermögen sie aus beiliegenden 6 Compositionen (3 Quartette für Streichinstr 1. Quintett desgl 1 Klaviersonate u. 1 Ouverture) noch besser zu ersehen. Nur bitte ich mit einigem Glauben daranzugehn, und sich anfänglich nicht abschrecken zu lassen; es wird hoffentlich dann alles schon klar werden. Nehmen Sie die Streichsachen der Vorrede gemäß durch. Die Sonate (außer der Ouverture auch alles andere) schildert selbsterlebte Zustände, und strebt danach, strengste Charakteristik und Combination zu vereinen; sie ist daher durchaus nicht eigentliches Clavierstück, eben so wenig wie ich eigentlicher Clavierspieler. Noch einiges allgemeine: Klausen mache ich höchstens im Scherzo; im ersten und letzten Satze und in dem echten langsamen Satze nie; oft habe ich auch keine Wiederholungen im (wenn ich es bei mir so nennen darf) zweiten Theile. Wollen Sie sich an Einzelnes besonders halten, so nehme ich Ihre Aufmerksamkeit vorzüglich in Anspruch, für das Finale des Quintetts, für das Adagio der Sonate, für den
ersten Satz des D dur Quartetts (den ich aber bis zu Ende durchzugehen und dem ersten Satze der Beethovenschen Pastoralsymphonie gegenüber gehalten wünschte) und für die reiche Stimmenführung besonders im Adagio des B dur Quartetts. In diesem letztern, das, gleichsam wie ein Lied, nur überströmende Gefühle (Melodien) geben soll, habe ich versucht, die hier weniger vorkommende imitatorische etc Arbeit durch reichsten einfachen Contrapunkt zu ersetzen. – Im allgemeinen habe ich unter anderm das Scherzo zu erweitern und vielleicht noch zu etwas wichtigerm als bisher zu machen gestrebt. Sollten Sie wünschen und die Gelegenheit haben, die Streichsachen mal executiren zu hören, wozu aber, besonders wegen der Schwierigkeiten der ersten Violin Vorübung nöthig ist, (es findet sich manche Passage darin die die Geiger interessiren wird, z. B. pag 6 des B dur u. pag 12 der D dur Quartetts) so stehen Ihnen die ausgeschriebnen Stimmen zu Gebot; besonders, da ich gegen Ende nächster Woche eine kleine Vergnügungsreise nach und durch Ihre Stadt zu machen gedenke, weswegen eine Rücksendung der Partituren nicht nöthig ist. Auf Ihre persönliche Bekanntschaft mich von Herzen freuend (wobei ich Ihnen annoch eine Symphonie präsentiren werde), und um meine ganz unverholene ausgesprochene Meinung über meine Compositionsrichtung bittend, habe ich die Ehre mich zu unterzeichnen
Ihr ergebenster
Herrmann Hirschbach
neue Friedrichstr 29.

Berlin d 18ten Juny 1838

Sr Wohlgeboren
Herrn Robert Schumann
(Redacteur d. neuen musikalischen Zeitung)
in
Leipzig
(hierbei ein Packet in grau
Leinen sign H.H 29 enthaltend
Manuscripte)
frei

  Absender: Hirschbach, Hermann (715)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
236ff.
 



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