19.12.2019

Briefe



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ID: 607 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 18.09.1849
 

D., den 18ten Sept. 1849.
Lieber Freund,
Alles, was ich von Ihnen über Faust gelesen habe, hat mir große Freude gemacht. Der äußere Erfolg war mir vor der Aufführung klar; ich habe keinen anderen erwartet. Aber daß ich Einzelne mit der Musik treffen würde, wußte ich wohl auch. Mit dem SchlußChor, wie Sie ihn gehört haben, war ich nie zufrieden; die zweite Bearbeitung ist der, die Sie kennen, gewiß bei Weitem vorzuziehen. Ich wählte aber jene, da die Stimmen der zweiten Arbeit noch nicht ausgeschrieben waren. Zu einer Wiederholung der Aufführung in L. wähle ich gewiß die andere. Und dann führe ich wohl auch Einiges aus dem 1sten Theil des Faust auf.
Ueber Rietz sind Sie im Irrthum. Er ist ein ehrlicher Künstler; ich habe die Beweise, und zwar eine Menge in Händen. Er hat sich meinen Bestrebungen immer höchst theilnehmend gezeigt. Und er wäre nicht der, der er ist, wenn’s anders wäre. Denn ein Künstler, der seinen Zeitgenossen, den beßeren, die Anerkennung ihres Strebens verweigert, wäre zu den Verlornen zu zählen – und von diesen nehmen Sie Rietz nur aus.
Ueberhaupt weiß ich nicht, was man mit der sogenannten Nichtanerkennung will, mit der ich heimgesucht sein soll. Das Gegentheil wird mir oft und in vollem Maße zutheil – und wie oft hat Ihre Zeitschrift die Beweise davon gegeben. Und dann habe ich, wenn auch einen prosaischen, doch sehr überzeugenden in den Verlegern, die ziemlich nach meinen Compositionen verlangen und sie sehr hoch bezahlen. Ich spreche nicht gern von derlei Dingen, aber ich kann Ihnen im Vertrauen mittheilen, wie z. B. das Jugendalbum einen Absatz gefunden, wie wenig oder gar keine
Werke der neueren Zeit – dies hab’ ich vom Verleger selbst – und dasselbe ist mit vielen Liederheften der Fall. Und wo sind die Componisten, deren Werke alle gleiche Verbreitung fänden? Welch vortreffliches Opus sind die Variationen in D Moll von Mendelssohn – fragen Sie einmal, ob deren Verbreitung nur ein Viertel so groß ist, als z. B. die Lieder ohne Worte. Und dann, wo ist der allgemein anerkannte Componist, wo gibt es eine von Allen anerkannte Sacrosanctitas eines Werkes, und wär’ es des höchsten! – Freilich hab’ ich es mir sauer werden lassen, und zwanzig Jahre hindurch, unbekümmert um Lob und Tadel, dem einen Ziele zugestrebt, ein treuer Diener der Kunst zu heißen. Aber ist es denn keine Genugthuung, dann von seinen Arbeiten in der Weise gesprochen zu sehen, wie Sie, wie Andere es oft thaten. Also wie gesagt, ich bin ganz zufrieden mit der Anerkennung, die mir bisher in immer größerem Maaß zu Theil geworden. Mit Bornirten, Mittelmäßigen freilich führt einen der Zufall wohl auch zusammen, um die muß man sich nicht kümmern. –
Wegen der Oper thun Sie vorderhand nichts. Bin Ihnen übrigens recht dankbar für den guten Willen.
Ihre Musikalien können Sie zu jeder Zeit haben; schreiben Sie mir, ob ich sie Ihnen schicken, oder bis auf Ihre Hieherkunft warten soll. – Sendet Ihnen Kistner seine Verlagsartikel nicht zu? Dann werde ich es thun. Etwas in der Art, wie das „Spanische Liederspiel“ ist, habe ich (glaube ich) noch nicht geschrieben. Sehr glücklich war ich, als ich daran arbeitete. Ich wünschte, Sie hörten es von vier schönen Stimmen – wie wir es hier gehört.
Freundlichen Gruß von
Ihrem
ergebenen
R. Schumann.

Die Partitur des Faust möchte ich sobald wie möglich wieder haben!

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Brendel, Franz (261)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
284ff.
 

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