15.07.2019

Briefe



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ID: 6075 Brieftext


Geschrieben am: 14.08.1838
 

Liebster Schumann!
Erst gestern, den 12ten August bin ich von meiner großen Reise von Stolpe nach Danzig zurückgekehrt und konnte daher Deinen lieben Brief vom 28 July nicht früher beantworten als eben jetzt, wo es aber natürlich sogleich geschieht.
Im Laufe dieses Monats noch erhälst Du den Vogler. Ich glaube er ist gut obwohl kurz, wie Du es wünschtest, denn ich habe mich tüchtig umgethan bevor ich mich zum Schreiben niedersetzte. Da ich es nun vollends mit einem so großartigen Maniristen zu thun habe so muß ich doppelt auf meiner Hut seyn. Ich feile jetzt! – Wer so viele Sachen in einer und derselben Weise wie ich in den Kunstnovellen schrieb, der muß sehr strenge gegen sich selber seyn, daß er nicht in Manier verfällt!
Uebrigens war es doch ein ganzer Kerl der Vogler, dessen Tollheit bei Gott! nicht aus Mangel an Genie entsprang und ich bin mit großer Liebe an die Arbeit gegangen.
Du willst nach Paris? Glück auf! Das scheint mir eben der rechte Ort für Dich. Triffst Du den alten Cherubini noch lebend, so merke Dir ihn wohl! (in jeder Beziehung) und sprich ihm einmal Etwas vor von einem gewissen Freund, der alle Musikanten sogar lieb hat und selber ein Musikant ist, obgleich er leider! nichts mehr hört. – Hätt’ ich Geld, ich ginge ebenfalls nach Paris, denn auch ich empfinde gar sehr daß ich dort ein ganz andrer Kerl werden müßte als hier zwischen den beiden 0-Größen R–r und M–i,i,i,i,i! – Was macht FELIX? ist er schon wieder in Leipzig ich weiß auch seit ich von Leipzig bin nichts mehr vor euch allen, was habt Ihr denn dort schönes alles gehabt unterdeß?
Beriot und die Garcia sollen hier ungemein gefallen haben jetzt ist Lewin mit seinen Kindern hier und giebt Morgen Conzert. Diesen Abend gab die Grosser aus Prag die Jessonda ein schönes Mädchen, mit einer frischen Stimme. Die höheren Töne sollen rein und gleich seyn, weniger die tiefen Da sie noch sehr jung ist, so ist das doppelt bedenklich. Ueber Clara Novello las ich vor einigen Wochen, ich weiß nicht mehr wo? eine ungeheuer alberne Kritik wobei auch Felix sein Theil bekam, es hieß darin: sie habe keine Schule und auch Felix habe keine! O Jesus, wenn doch der alte derbe Zelter noch lebte, daß er mit einem Donnerwetter über solche afterweise Faselhänse herführe!
Leb wohl verzeih mein Geschmiere wie ich Dir Deine Hieroglyphen woran ich immer einen vollen Tag studiren muß bevor ich weiß was Du geschrieben hast, Deine Noten les ich 10mal leichter!
Adio grüß alle Guten
Dein Lyser

Sr. Wohlgebn
Herrn Robert Schumann
Redacteur der neuen musikalischen
Zeitschrift in
Leipzig
Empfiehl mich Goethen!
L.

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.6, S. 742ff.
 

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