19.12.2019

Briefe



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ID: 6099 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 04.09.1838
 

[Berlin(?)] d 4ten September 1838.
Beiliegend erfolgt die Fortsetzung des Aufsatzes; d[ie] Briefform ist gewählt, weil sich dadurch vielleicht wirkliche oder fingirte [Briefe] anspinnen lassen, wenn sie was nützliches zu wege bringen. Bald hätte ich vergessen Ihnen Dank zu sagen f[ür die] Theilnahme die Sie meiner Musik in Ihrer Zeitung geschenkt, obgleich ich es, nachdem ich Sie auch als Componisten kennengelernt, erwartet hätte, worüber ein andermal mehreres. Ueber meine Replik an Herrn werden Sie vielleicht denken, daß ich dieselbe hätte gründlicher fassen können. Aber was soll ich Einem erwiedern, der mir als Musiker gewöhnliche unhaltbare Floskeln auftischt, die in jedem schlechten Unterhaltungsblatte zu finden; wie denn die ganze alte Hypothese, daß Beethovens [sic] eine Art Biographie in der neunten Sinfonie habe schreiben wollen, nur auf dem zufälligen Umstand beruht, daß dies seine letzte war. Wenn er aber noch eine zehnte geschrieben hätte? was dann? für eine Biographie aber, für ein Lebenswerk, verlange ich noch was ganz anderes erfindungsgewaltiges als die 9te Sinfonie. Vielleicht findet man ein mal in meiner zweiten Sinfonie, was man [in] jene hineinzwingen will. Wenn nun Herr O ferner mir als Beweiß des Reichthums des Themas anführt, daß das Thema sich hinten ganz unbedeutend verändern lasse (was von mir aber gleichfalls gewissenhaft erwähnt, [und] der Ruhige leicht finden wird) so glaube ich es mit keinem Musiker zu thun zu haben, der weiß, daß eine reiche und gute Behandlung nicht darin besteht, daß das Thema auf der Hand, sondern unter der Hand liege. Aber das unverhüllte Thema auf verschiedenen Tonstufen wiederholen, beweißt noch nicht den Reichthum desselben, wie ja auch das schon das Gegentheil davon darthut, daß ich den ganzen Satz u. so ziemlich alle Folgende, auf gewisse Figuren habe zurückführen können, was bei keiner andern Beeth. Sinfonie möglich. Was soll ich aber sagen, wenn man mir eine ganz unbedeutende Veränderung am Ende des Thema’s (das doch auf solche Weise die widersprechendsten Gefühle enthält) für ein großartiges Klagelied und eine womöglich noch winzigere, für eine würdige Darlegung der schönsten Gefühle der Menschheit ausgiebt? Fürwahr, ich weiß nicht, ob ich lachen, oder mir mal in Zukunft auch solchen schwärmerischen Enthusiasten wünschen soll; in der That, das letztere ist das beste, denn es ist dem, der was Hohes und Selbstständiges geben will, auf seiner so wenig von der Äußerlichkeit aufgemunterten Bahn von nöthen; obgleich ich diese Menschen, die vor jeder winzigen Idee, [wie] sie mir zu Tausenden täglich durch den Kopf kommen, ohne daß ich sie beachte, zurückschrecken und in den Staub fallen, nicht begreife. Ihre Recension der Czernyschen Elementarwerke hat mir wohlgethan; möge der Schlendrian dem Publikum gefallen, die Critik sei streng; aber gewissen Leuten ist alles gut. Setzen Sie gefälligst am Schlusse meines vorigen Briefaufsatzes nach den Worten: „Des Höchsten äußerst wenig, des Guten sehr viel“ hinzu: „Die Kunst wird wachsen, die Künstler werden dieselben bleiben.[“] – In herzlichster Theilnahme
Ihr Hirschbach.

Sr Wohlgeboren
Herrn Robert Schumann
(Redacteur der neuen Musikalischen
Zeitung)
in
Leipzig
im rothen Collegio in der
Ritterstraße
frei

  Absender: Hirschbach, Hermann (715)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
248ff.
 

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