19.12.2019

Briefe



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ID: 617 Brieftext


Geschrieben am: Montag 10.05.1852
 

Düsseldorf, den 10. Mai 1852.

Geehrter Herr,

Haben Sie vielen Dank für Ihre mich sehr erfreuende Zuschrift. Aus einem Landesstrich kommend, wo meine Bestrebungen noch wenig Wurzel gefaßt, freute sie mich doppelt. Nur, glaube ich, sagen Sie mir zu hoch Erhebendes und dieß über Jugendarbeiten, wie die Sonaten, deren theilweise Mängel mir nur zu klar sind. In meinen späteren größeren Arbeiten, wie den Symphonien und Chorcompositionen, möchte eine so wohlwollende Anerkennung, wenn auch nicht in ihrem ganzen Umfang, eher gerechtfertigt seyn. Es sollte mich freuen, wenn Sie später auch jene Arbeiten des reiferen Mannesalters kennen lernten und meine Ansicht bestätigen könnten.
Was Sie mir sonst über Wien schreiben, war mir aus eigener Anschauung von früher her bekannt. Und doch zieht es Einen immer wieder dahin, als ob die Geister der geschiedenen großen Meister noch sichtbar wären, als ob es die eigentliche musikalische Heimath Deutschland's wäre. Daher ist es auch nicht unmöglich, daß wir wieder einmal Wien besuchen; ich habe die größte Lust dazu. Aber einige Zeit wird darüber freilich noch vergehen, und vielleicht machen Sie Sich indeß auf, Ihren Plan, den Rhein zu besuchen, auszuführen, wo's guten Wein giebt und, daß ich es sagen darf, auch viel Sinn für gute Musik.
Am liebsten hätte ich auch mündlich mit Ihnen über Sie, über Ihre musikalischen Arbeiten, die Sie, mir mitgetheilt, gesprochen. Der Buchstabe ist immer so schwerfällig. Gewöhnen Sie Sich ja – vorausgesetzt, Sie wären anders gewöhnt – Musik frei im Geist zu denken, nicht mit Hülfe des Claviers; nur auf diese Weise erschließen sich die innern Quellen, kommen in immer größerer Klarheit und Reinheit zum Vorschein. Schreiben läßt sich darüber, wie gesagt, nur wenig. Das Wichtigste ist, daß der Musiker sein inneres Ohr klärt.
Möchten Sie mich denn von Ihren musikalischen Lebensplänen, jetzigen und zukünftigen, in Kenntniß erhalten und meiner Sympathie für Ihr Streben sich versichert halten.
Ihr
ergebener
Robert Schumann.

[nach: Wasielewski 1880, S. 429]

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Bruyck, Karl Debrois van (276)
  Empfangsort:
 



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