23.11.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 6375 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 31.05.1837
 

Berlin d 31 Mai 1837
Werthgeschätzter Freund!
Vielleicht haben Sie schon seit einiger Zeit verschiedene Journale durchstöbert, um eine Mittheilung von mir über Ihre Zeitung zu finden, und da Sie vergebens gesucht haben werden, kamen Sie vielleicht schon auf den Gedanken, daß ich es vergessen; – aber ich vergesse brave Leute, und das was ich Ihnen versprochen nicht so leicht. Ich schrieb erstens einen nach meinem Geschmack ganz hübschen Artikel für die Spenersche, – Spiker behielt ihn eine Zeit lang, und schickte ihn mir denn mit beikommendem Billet zurück. Es wäre mir nun ein Leichtes gewesen den Aufsatz in einem hiesigen belletristischen Blatt anzubringen, damit hätte ich aber nicht viel genützt, und das wollt ich doch. Ich schrieb also einen Artikel, wie er nach dem Geschmack des guten Spiker, und aus diesem excerpirte er dann folgende Zeilen, die Sie hier gedruckt sehen. Nun will ich noch versuchen in der Staats-Zeitung etwas anzubringen, was wohl noch mehr nützen wird, oder dürfte. Ihr Leipzig ist ’ne liebe Stadt und liegt mir immer im Sinn; wär es denn nicht möglich mit Gesangstunden, musikalischen und anderem Geschreibe bei Ihnen zu hausen. Berlin ist ’ne schöne Stadt, aber man läuft sich die Schwindsucht an den Hals, und es ist auch gar zu theuer. Vielleicht gehe ich bald zu einem süddeutschen Theater, denn komme ich durch Leipzig und bleib ein Paar Tage. Jedenfalls komme ich zum Herbst mit einer Sängerin Herminia Burrucker um Conzert zu geben. Es ist ein schwermüthiges, träumerisches Wesen diese Hermine, – sie wird nächstens auf der Hofbühne als Comtessa in Mozart’s Figaro singen. Ihre Stimme ist ganz wie ihre Seele. Ob man wohl an einem Ton sterben könnte? ich meine so zerspringen wie ein Glas, dessen geheimsten, reinsten Klang man trifft. Sterben! – gestern ist ein Bekannter von mir, der Referendarius Langerhans im Duell erschossen worden. Sein Gegner heißt Schulz, und ist ein Sohn der einst berühmten Sängerin. Die Veranlassung war gemeiner Art, eine öffentliche Hetäre, die Schulz beleidigt glaubte. Adolph Henselt hat neulich öffentlich gespielt, ohne das Furore zu machen, das Rellstab geweissagt hatte. Rellstab sucht ihn in der Recension durch Hunger zu entschuldigen. Er sagt nämlich, Henselt hätte am Conzerttage das Mittag versäumt, und sei deshalb Abends ermattet gewesen. Noch nie ist ein Künstler auf diese Weise entschuldigt worden. Dieser Rellstab wird jetzt immer anmaßender, – in einer Recension über ein Singspiel von Böhmer sagt er: er will Böhmer, und allen Berliner Compositeuren Unterricht in der Gesangkomposition ertheilen. Und das geht ihm alles so hin, denn in der Spenerschen kann man nicht aufkommen, und in einem Tageblatt lohnt es nicht die Mühe.

B. d 3/6 37.
Heute giebt man hier den Postillon von Longumeau [sic] v Adam – eine allerliebste französische Musik, so à la Boieldieu, aber mehr coquett. Die Löwe ist eine Künstlerin vom ersten Range, soll ich Ihnen vielleicht einen eigenen Artikel über sie schreiben? – sie verdient wirklich alle und jede Auszeichnung. In einem größern Artikel möchte ich wohl die Musikzustände der Städte Elbing, Marienburg, Danzig, Marienwerder, Graudenz, Culm und Thorn schildern, wo sich manches Interessante findet. Da mir aber ein solcher Bericht, der nicht bloß so gewitzelt sein darf, ein gut Stück Zeit kosten würde, so möchte ich dann wohl auf das in No 17 Jahrg. 1835 Ihres Blattes angebotene Honorar per Bog. 15 Th Anspruch machen. Kann das sein, so schreiben Sie mir’s bald, und ich will versuchen, was Gut’s zu machen. Werden Sie nicht über die Preiscompos. von Geyer schreiben? Oder soll ich es thun? Die Partitur steht mir zu Diensten. In einer Conditorei von Giavanoly liest man die neue musikal. Z. ich habe es bei Steheliy gesagt, und nun will er sie auch halten. Ich selbst will sie hiermit auch bestellt haben, und bitte mir die fehlenden Nummern (6ter Band No. 31 ist meine letzte) nachzuliefern, und bitte an Schlesinger zu schicken. Wenn ich meine Artikel über die obengenannten Städte schreibe, so können Sie auch dort auf mehrere neue Abonnenten rechnen. Nachstehendes bittet um baldigste, geneigteste Aufnahme, die beiden Billetchen gefälligst an ihre Adressen. Secum cuique. In einem bei Trautwein edirten Liederhefte von F. Kücken Op. 17 befindet sich ein Lied von Heine, das mit den Worten anfängt
„Lieb Liebchen, leg’s Händchen auf’s Herze mein
Ach hörst Du wie’s pochet im Kämmerlein?“
Herr Kücken führt in diesem Liede (3/4 H moll) diese Begleitungsfigur durch XXXX. Da nun diesselbe Gedicht von mir komponirt mit der Ueberschrift „Holzmeyer“ schon vor zwei Jahren, als No. 5 in meinem Op. 16 bei Hofmeister erschienen ist, und dieselbe Begleitungsfigur (4/4 F moll) von Anfange bis Ende führt, so könnte es scheinen, als hätte ich mich eines Gedankendiebstahls schuldig gemacht. Dem zu begegnen bemerke ich, daß meine Composition bereits 1832, als ich noch B. Klein’s Unterricht genoß, geschrieben wurde, und zu einer Zeit bei Hofmeister im Druck erschien, wo H. Kücken’s Lied noch gar nicht komponirt war. Uebrigens will ich nicht behaupten, daß H. K. meinen Intentionen gefolgt sei, sondern mich nur sicherstellen vor drohendem Verdacht.
Friedrich, Hieronymus Truhn.

Berlin, Juni 1837.

Meine Adresse genau: Friedrichsstr. 209 im Laden abzugeben.

[BV-E, Nr. 642, dat. 31. Mai 1837:] Mit Beilage üb. d. Ztsch. u. Briefen an Hofmeister u. Härtel

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 745-750
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.