19.12.2019

Briefe



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ID: 6421 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 27.01.1838
 

Berlin d 27/1 38.
Lieber! Braver!
Wie hab’ ich mich gefreut über die ernste und bündige Weise mit der Sie den häßlichen Rellstab abgethan haben. Diesen hämischen dicken Bowist! Diese lederne aufgedunsene Vogelscheuche in dem duftklingenden BlüthenMai der schönsten Kunst. Er sterbe! Eigentlich sollte ich Sie aber gar nicht loben, denn Sie thun mir wirklich weh mit Ihrem Tadel (Geschäftsnotiz. v. T. aus Berlin. Zu flüchtig alles.) und streichen meine Aufsätze mit der Metzgerhand eines preuß. Censor’s. Ich mag’s schon leiden, wenn Sie meine Aufsätze zustutzen, hie und da unbändige Auswüchse beschneiden – gut! aber dies unbarmherzige Vernichten – wahrhaftig ich halt’s nicht aus. Und grad herausgesagt, wenn ich stolz wäre auf das Lob eines Varnhagen, Mundt, Gutzkow und die Einladungen der besten Journalen als Mitarbeiter zu wirken, so könnte ich wirklich böse werden, aber ich bin erstens nicht so eitel, und dann wende ich mich auch so leicht nicht von Jemand ab, den ich hochachte u. liebe. Diese Hochachtung und Liebe aber ist es eben, die mir jetzt befiehlt Ihnen in etwas meine Meinung zu sagen, eine Meinung die viele theilen, die Ihr Journal [mit] Eifer lesen und große Stücke drauf halten. Sie erhalten eine permanente Opferflamme für Klavierspieler und Klavieretüden, Compositionen [die] zum großen Theil nichts sind, als geistreiche Fingerspekulationen, wo im besten Falle ein Stück blaßblaue Melodie Parforçe gejagt wird. Dann haben Sie eine übergroße, wenn auch reine Vorliebe für einige Persönlichkeiten, und nehmen sich durchaus nicht die nöthige Muße und Mühe andere musikal. Charaktere, als die einmal liebbekannten näher kennen zu lernen. Daß ich hierbei an mich nicht denke, werden Sie meiner Aufrichtigkeit zutrauen. Dann nehmen Sie zuweilen lange Correspondenzen zb. aus Königsberg auf, die nichts als ein langweiliges, geistloses und schlecht gestyltes Stadtgeträtsche sind, und ellenlange Raisonnements über Hector Berlioz der ein rechter Gamin musicale de Paris ist. Genug der Gardinenpredigt. Nun ist mir leicht. Die Novello hat gestern den 26ten im Opernhause mit vielem Beifall gesungen. Die Form des Auftretens ohne Noten und Grazie, und die Art des Vortrages, wie wenn ein vortrefflich gebildeter und begabter Schüler fehlerfrei seine Lection im Examen hersagt, hatte zwar etwas Steifleinenes, aber ich bin überzeugt im Conzertsaal wird sie mit ihrer schönen Stimme und Methode doch viel machen. Diesmal schreib ich nichts weiter, Sie müssen erst sagen, daß Sie mich schonender behandeln wollen. Bis dahin mit aller Liebe und gestiegenen Hochachtung
Ihr
F. H. Truhn
Friedrst. 108 bei Pattri

Sr. Wohlgeboren
Herrn Rob. Schumann
Redakteur der Neuen für Musik
in
Leipzig
Eilt!

[BV-E 839, dat. 22. Januar 1838]

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 766ff.
 



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