15.07.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 6526 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 19.03.1835
 

Lieber Schumann!
Deinen Brief hab ich richtig erhalten und einen Tag damit verlohren ihn zu entziffern was mir demohngeachtet noch nicht ganz gelungen ist! Gott tröste Dich! aber es ist schauderhaft, daß Gottfried Webers Ermahnung bei Dir nicht besser angeschlagen hat, und Du nach wie vor Deine geistreichsten Gedanken in undeutlichster Hiroglyphenschrift versteckst, ich sollte Dir eigentlich eine Rechnung wegen des verlohrenen Tages zusenden, da Du sie aber schwerlich aceptiren würdest, so begnüge ich mich damit ebenfals möglichst undeutlich zu schreiben, damit Du siehst, wie es thut wenn man nach langem Harren u Hoffen einen Brief bekommt den man nicht lesen kann.
So viel hab ich übrigens doch draus gesehen. Daß Du meiner noch in Liebe gedenkst bon! aber ich war schrecklich ärgerlich auf Dich – Du kennst mich und weißt daß ich in Sachen wo mirs Ernst ist, mehr als mißtrauisch bin, weißt auch was ich auf Dein Urtheil gebe und daß ich mir von dir sagen lasse, was ich von einem Andern nicht hinnehmen würde, eben weil ich weiß daß Du mirs aus Anerkennung und Achtung sagst – Da müßte michs aber nun ärgern, daß du gar nichts von Dir hören ließest, nicht einmal einen Tadel – den Händel hast Du im Mspt nicht gesehen, was Wunder, wenn ich da glaubte: diese Arbeit habe Dir dermaßen mißfallen daß Du es für angemessen haltest nichts mehr von mir zu geben, zumal ich auch weder vom Pirad noch von der Vorrede dazu das mindeste zu Gesicht bekam item und Du magst mich darüber auslachen, aber muß heraus. in allen Anzeigen der musikalischen Zeitung fehlte unter dem Namen der achtbaren Mitarbeiter der meinige – das frappirte mich und ich hielt ebenfals das Maul und hätt es gehalten wär ich auch noch in Leipzig und in den kärglichen Umständen gewesen, unter welchen ich wie du weißt den Doles schrieb. welche Leidenszeit jetzt Gottlob vorüber ist – Faul bin ich hier aber nicht gewesen! Davon soll Dir der Bach Zeugniß geben. Du erhälst ihn zum ersten May und kannst Du ihn denn so brauchen, wie er ist, so druck ihn im Namen des Herrn, aber ich kann Dir nicht versprechen daß er so kurz wird wie Du verlangest, der Stoff ist zu groß denn ich habe es darauf abgesehen die scharfgeschiedenen drei Charaktere Sebastians, Philipps und Friedemanns (welcher Letztere aber der Held ist) klar und bestimmt hinzustellen. Das läßt sich aber bei solchen Kerlen nicht so schnell abthun. Jede Correctur welche Du übrigens nothwendig findest nehme ich aber natürlich mit Dank an, wie ich es bei den früheren Arbeiten auch that.
Thu mir die Liebe u sende mir die Uebersetzung des Händel so wie den Pirad retur, und zwar umgehend es ist wegen meines Alten mir drum zu thun die Uebersetzung erhälst Du nach einer Woche wieder.
Finks Angriff habe ich gelesen es ist ein Esel der nicht weiß was er will! erst hält er den Doles für eine Arbeit Rochlitzens u dann sagt er sie enthielte gefährliche Lehren und Entstellungen der Charaktere und schreit darüber wenn ich eine poetische Erscheinung poetisch aufgefaßt habe. Ich will es ihm diesmal schenken gieb aber acht! und macht er sich wieder mausig, so will ich ihm seine Philisterjacke einmal tüchtig ausbürsten, und zugleich jenen Herrn Musikdirector in Münster, der sich Beethovens vertrautester Freund nennt, und thut als ob keine Seele denn er, den Beethoven gekannt habe, ich kenne diesen Kerl, und kann es ihm beweisen durch achtbare Zeugen, daß Beethoven ihn nur als einen Menschen um sich duldete, der sich alles gefallen ließ, weil er die Erlaubniß hatte Beethovens Wein auszusaufen, wenn der Monsieur so gut sein will sich an Kuhlaus Aufenthalt in Wien zu erinnern, so wird er sich schämen müssen, über seine jetzige Anmaßung u daß er es wagt: gegen Männer wie Castelli Mosel u Seifried mit seinem Froschgequäcke sich breit zu machen. Wie Beethoven mit Haslinger stand kann Dir Rochlitz wohl am Besten sagen.
Was hast Du denn für einen verrückten Correspondenten hier in Dresden, der den braven Dresdner so herunterreißt die Correspondenz hat hier allgemeines Mißfallen erregt, denn durch sein Talent sowie durch seinen Fleiß und seine Anspruchlosigkeit ist Derska hier neben der Schröder u der Schneider, der Liebling des gebildeten Opernpublikums, Derska ist im Besitz einer trefflichen Bruststimme, die zwar weder so stark noch ganz so umfangreich wie die des trefflichen Wurda, sich aber vor Eichbergers Stimme nicht zu verstecken braucht, umso weniger als sie frischer ist, dabei ist Derska ein gebildeter Sänger der noch immer fortlernt, in Prag als Schüler des Konservatoriums für seine Arbeiten den ersten Preis erhielt und mit Leib und Seele der Kunst ergeben ist im Spiel ist er schon jetzt ein Gott gegen Eichberger und thut er hin und wieder des guten noch zu viel, so läßt er sich das gerne sagen, und wird nicht grob darüber. ich wollte Du kämest selbst herüber und sähest ihn, er würde Dir gewiß gefallen überhaupt habt ihr in Leipzig jetzt eine ganz falsche Vorstellung von der hiesigen Oper, nimm z. B. die Besetzung des Fidelio wie sie in Leipzig ist und vergleiche sie mit der hiesigen: Fidelio (Devrient) (Marzeliene) Schneider) Florestan Derska mit Schuster abwechselnd. Den Kerkermeister Risse (steht Schustern im Spiel nach singt aber besser) Jaquino Böhme, Pizarro Wächter [Fernando Vestri], ein Chor, 3mal so stark wie in Leipzig, und unter Fischers Leitung, item unser bei solchen Vorstellungen höchst aufmerksames Orschester, und Du wirst gestehen müssen, daß es doch wohl ein bischen anders klingen muß wie in Leipzig! von dem hiesigen Zusammenspiel habt ihr dort vollends keine Idee! Robert der Teufel erkannte ich nicht wieder und sieht man hier Romeo u Julia so begreift man wie die Dresdener in ihren Bellini so vernarrt sein können, übrigens ist der Sinn für andere Musik nicht erstorben der Wasserträger16 ist kurz nacheinander 4mal gegeben worden. Beethoven Mozart, Gluck, Weber, Paesiello Chimarosa, machen stets ein gutes Haus die eigentliche Narrheit findet sich hier (wie überall) größtentheils nur unter der Noblesse, das Volk bleibt sich treu, und nach diesem Barometer zu urtheilen steht es gar nicht so schlecht mit der Kunst wenn nur auch die Künstler immer das ihrige thun. Aber wer wird jetzt nicht alles Künstler geschimpft.
Ich habe mich sehr über einen Aufsatz in dem Eremit geärgert oder vielmehr über die Veranlassung dazu, Je lieber Du mir bist, u je mehr ich dem Wiek den Lohn seiner Arbeit gönne um so mehr empört es mich, wenn so ein lobhudelnder Jammermensch durch seine verrückten Eclamationen euch schadet, denn Vortheil bringen kann es euch bei Gott nicht! ist die Lobhudelei wirklich von Ortlepp, so müßtest Du ihn ohne Gnade tüchtig abprügeln. Greift mich Jemand an, so kann ich mich meiner Haut wehren, aber vor meinen Guten Freunden wenn sie von der Sorte wie O. sind mag mich der Teufel und seine Großmutter bewahren.
Nun genug für diesmal, laß bald wieder von Dir hören, die Schröder heirath ich nicht u die Malibran wird mich wohl nicht wollen, folglich bleibe ich ledig wie Papageno singt ist[?] Wiek[?] schon[?] wieder[?] im Hause[?] gewesen[?]? wo[?] wohnt[?] Clara[?]? Schreib[?] mir doch wie Du mit[?] [ein Wort unlesbar] stehst? macht ihr[?] nicht[?] bald Hochzeit?
Nun leb wohl ich bin u bleibe Dein Freund und Dbr.
Lyser. Davidsbündler

Dresden den 19ten März 1835.

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 684-688
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.