15.07.2019

Briefe



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ID: 6770 Brieftext


Geschrieben am: 01.06.1836
 

Danzig d 1ten Juni 1836.
Verehrter Herr!
In einer vorjähr. Nummer Ihres, man kann wohl mit Recht sagen, genialen Journals, die mir erst hier in Danzig zu Gesicht gekommen, befindet sich eine mit F. unterzeichnete Korrespondenz aus Berlin, die über meine Oper „Trilby“ und Auber’s Cheval de Bronze spricht. Wir kommen darin beide ziemlich schlecht weg, sowohl ich, als Mr Auber. Ich scheine das Glück zu haben von dem Korrespondenten persönlich gekannt zu sein, wenigstens spricht er von mehr denn hundert Liedern und Gesängen, die ihm außer meinen edirten Heften im Manuscripte vorgelegen haben. So viele Lieder hatte ich aber damals noch gar nicht komponirt, noch weniger habe ich jemals eine solche Masse von vorräthigem Manuscript gehabt, und am allerwenigsten habe ich sie Jemand zur Durchsicht gegeben. Der Herr Korrespondent ist also entweder im Irrthum, oder er lügt. Was er nun zweifelsohne [nach einmaligem Hören] über meine Oper, und dann über meine Lieder sagt, ist so subjectiv und individuell, so ohne allen geistigen Standpunkt und kritischen Beleg, daß ich leider nichts für meine Correktur daraus entnehmen kann. Ueber solche Urtheile kann man sich indeß trösten. Andere Leute haben wieder andere Ansichten, die Sache kommt zum Wiederspruch, und das Publikum glaubt am Ende doch was es will. So sah ich vor Kurzem in der Wiener Theaterzeitung eine Musik herabgewürdigt, die in ihrer Gattung ein wahres Meisterstück ist. Schneitzhöfers Musik zu dem Ballet die Sylphide, die nicht allein den Forderungen einer guten Balletmusik vollkommen entspricht, sondern auch den höhern Forderungen der musikal. Kritik in hohem Grade genügt. Freilich ist diese Musik sehr schwer auszuführen, und hat selbst der Berl. Kapelle zu schaffen gemacht. Ist Ihnen verehrter Herr vielleicht vor einiger Zeit eine Recension in Rellstabs Iris aufgefallen, die meine im Original-Gesang-Magazin befindlichen Lieder Op 13 u 14 bespricht? H. Rellstab sagt darin: „wenn der Komponist, der wirklich Talent hat, ein Personalrecht auf unsere Nachsicht hätte, so würden wir die vorliegenden Hefte loben.“ Das klingt wunderbar, hängt aber folgendermaßen zusammen. Ein schlechter Mensch hat, vielleicht aus Neid oder sonst einem trüben Grunde, die Erbärmlichkeit begangen Herren Rellstab glauben zu machen, als hätte ich um meine Oper auf der Berl. Hofbühne zur Aufführung zu bringen, mich an H. Spontini gewandt, und diesem versprochen ihm gegen die Angriffe des H. Rellstab beizustehen, wenn er meine Oper auf die Scene befördern wolle. Es solle wie ich aus Berlin erfahren, sogar Briefe die meine Handschrift nachahmen dabei im Spiele sein. Ein zweiter La Ronçiére. Die Oper ist nun aber keineswegs durch die Gunst des H. Spontini, sondern durch die Gnade Ihrer Königl. Hoheit der Frau Kron-Prinzeß zur Aufführung gekommen, und können die betreffenden Kabinetsschreiben Ih. Königl. Hoheit bei mir eingesehen werden. Hr. Rellstab hat aber jenes ganze, niederträchtige Lügengewebe geglaubt, – und auf diese Weise hätte ich allerdings kein Personalrecht auf seine Nachsicht. Die Person des Künstlers muß aber bei der kritischen Beleuchtung des Kunstwerkes ganz aus der Affaire bleiben, und das scheint Hr. Rellstab noch gar nicht zu wissen, wie er denn überhaupt in musikal. Beziehung einen bedeutenden Ueberfluß an Wissensmangel hat. Ueber die kritischen Umtriebe dieses Herren und seine hirnlose Dreistigkeit ließe [sich] viel sagen, doch davon ein ander Mal. Hier nur so viel, daß mir die Recensionen des R. seit einem Jahr bedeutend geschadet haben, und es mir von hier aus schwer wird den Schaden wieder gut zu machen. Ew. Wohlgeboren erhalten beikommend drei Lieder von mir gedichtet und komponirt. Sie würden mich unendlich glücklich machen wenn Sie mir erstens die Dedikationserlaubniß des Davidsbundes, und dann die Herausgabe bei einem Leipziger Verleger besorgen wollten. Ich verlange kein Honorar aber 30 Freiexempl. Sollte es indeß möglich sein ein Honorar zu bekommen, und sollte es 2 vielleicht gar 3 Fr’dor betragen, so ersuche ich Sie ergebenst einen davon Hr. Mendelssohn-Bartholdy mit einem Gruße und Dank von mir zukommen zu lassen. Er wird sich kaum erinnern, daß er mir 1832 einen Fr’dor geliehen und mich durch seine Güte in die peinlichste Verlegenheit gesetzt hat. Das übrige wünsche ich als einen kleinen Beitrag für Beethovens Denkmal angewandt zu wissen. Obgleich ich selbst des Geldes in hohem Grade benöthiget bin, halte ich’s dennoch für Pflicht, für dieses Monument so viel, als in meinen Kräften steht zu thuen. Die 6 Freiex. die in diesem letzten Falle mir zustehen würden, bitte ich dem Verleger mir durch eine hiesige Musikhandl. entweder Reichel oder Nötzel zukommen zu lassen. Um eine nachsichtvolle Recension, (wenn ich anders ein Personalrecht auf Ihre Nachsicht haben sollte) bitte ich dennoch[;] vielleicht wäre es gut das Manuscript anzuzeigen. Außerordentlich würde es mich freuen, wenn Sie beiden Op. 12 und Op 16 von mir, bei Hofmeister erschienen, recensiren wollten. Bei Op 12 ist zu bemerken, daß die Tempobezeichnung im Anfang nicht Andante agitato, sondern nur agitato heißen soll. Bei Op 16 ist im Liede No. 5 f moll im 6ten Tackte vom Schluß der Diskant so zu lesen XXXX. Das Manuscript welches ich Ihnen übersende ist wirklich Op. 15, da (Sie entschuldigen wohl den Papierwechsel) da diese Nummer übergangen worden. In einigen mich betreffenden Recensionen ist mir gründliches Studium des wissenschaftlichen Theils der Musik abgesprochen worden. Da ich nun ein Schüler B. Klein’s, und zwar der Jüngste und mit Herren G. Nauenburg der Letzte bin, den er vor seinem Tode unterrichtete, so glaube ich, daß obige Beschuldigung ein schlechtes Licht auf die Lehrmethode meines hochverehrten Lehrers werfen könnte, und ich ersuche Ew. Wohlgeboren hiermit dringendst, mir nächstens einige Spalten Ihres Journals nicht sowohl zu meiner Vertheidigung, als zu der Klein’s zu überlassen. Ich werde dabei nicht unterlassen, noch einige interessante Belege für die Kenntniß seines Charakters und Wesens bei [zu]fügen, die Hr. Rellstab entgangen sind. Namentlich über seinen Tod, sein Leichenbegängniß u dgl m. Es wird Ew. Wohlgeboren vielleicht wünschenswerth sein, einen Korrespondenten für Ihr Blatt in Danzig (einer Stadt von 60,000 Ew.) zu haben, und Sie können eine sehr gute Acquisition an dem Herrn Herren Prediger Alberti allhier machen, der ein sehr tüchtiger Klavierspieler, mein Schüler im Generalbaß, und Abonnent Ihres Journals ist. Er wird sich nächstens an Ew. Wohlgeboren schriftl wenden; Sie werden einen gediegenen, gelehrten und talentvollen musikal. Dilettanten an Ihm finden. Um Verschweigung seines Namens bittet er im Voraus. Es gab den Winter über 1835/36 hier Musik genug, aber wenig Neues und noch weniger Gutes! Das Theater macht schlechte Geschäfte, was wohl mehr an dem Direktor Hr. Döhring als am Publikum liegt. Die Oper war mit Ausnahme des Tenors Hr. Vohs, (der viel Talent bei großer Jugend, aber wenig künstlerisches Ehrgefühl hat) stand auf schwachen Füßen. Der Chor war schauderhaft, das Orchester ist nicht übel, wurde aber von einem Hr. Bohnhardt oder Bornhardt förmlich eingeschläfert. Als neue Opern gab es L’estocq, Templer u. Jüdin, Robert und meinen Trilby. Robert gefiel am meisten, und L’estocq wurde am besten gegeben. Vohs als Dimitrj war exellent. Im Casino wurde unter meiner Leitung Cherubini’s Wasserträger als Conzert aufgeführt. Es giebt hier einzelne vortreffliche Dilettanten. Ich schließe hoffend recht bald einen Brief von Ihnen zu erhalten. Ich habe die Ehre hochachtungsvoll zu sein Ihr
F. H. Truhn.

[BV-E, Nr. 399:] mit Liedern.

  Absender: Truhn, Friedrich Hieronymus (1602)
  Absender-Institution:
  Absender Ort: Danzig
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfänger-Institution:
  Empfänger Ort:
  SBE: II.17, S. 739-744
 



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