19.12.2019

Briefe



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ID: 6782 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 24.12.1835
 

Euer Wohlgeboren
meine ganz ergebenste Aufwartung zu machen, war ich bei meiner Anwesenheit im Sommer dieses Jahres in Leipzig bei Ihnen, fand Sie aber nicht zu Hause. Gestatten Sie mir, mich jetzt schriftlich Ihrem Wohlwollen empfehlen zu dürfen. Ich überreiche Ihnen dabei zwei Kompositionsversuche, mit der ganz ergebensten Bitte, sie in Ihrer neuen Leipziger Zeitschrift für Musik nachsichtig beurtheilen zu wollen. Es thut mir weh, daß dieß Institut, welches mir die Ehre zugedacht hatte, mich unter die Zahl seiner Mitarbeiter aufzunehmen, mich jetzt anfeinden zu wollen scheint, da ich gehört habe, daß Herr Otto Nicolai (wahrscheinlich dessen Vater hier unter Herr L v Rellstab’s Aegide) eine Diatribe gegen mich darin abdrucken lassen. Ich weiß nicht wodurch ich diese Kränkung verdient habe. Herr Nicolai besuchte mich eines Tages, als er hier in Berlin war, bat um meine Protektion und rückte endlich mit dem Antrage hervor, ihm einen Operntext oder ein Oratorium zu dichten. Ich versprach dies zu thun, wenn es meine Dienstgeschäfte erlauben würden. Noch an demselben Abend war er mit den Herrn Rellstab und Nauenburg in Gesellschaft, und zog hier über mich her, indem er namentlich mein Gedicht „Die Zerstörung von Jerusalem“ persifflirte – dasselbe Gedicht, welches ihm, wie er gegen mich äußerte, so außerordentlich gefallen hatte, daß er ebendeshalb mich um ein Gedicht ersuchen zu müssen glaubte. Diese Zweizüngigkeit, die mir H. Nauenburg Tages darauf mittheilte, war mir natürlich genügend, um jeden ferneren Verkehr mit H. Nicolai zu vermeiden. Prüfen Sie nun, in wie fern Letzterer das Recht hat, mich zu verunglimpfen. Der junge Mann sucht sich dadurch berühmt zu machen. Es würde mir nicht schwer werden, ihm von hier aus durch die Gesandtschaft in Rom einen nachdrücklichen Verweis ertheilen zu lassen; allein es ist wirklich zu unbedeutend. Schmerzlich aber bleibt es mir, daß die verehrten Herren, welche der neuen Leipziger Zeitschrift für Musik vorstehen, und deren Wohlwollen ich mich bei meiner Anwesenheit in Leipzig persönlich empfohlen habe, einer mich beleidigenden Bekanntmachung das Imprimatur ertheilt haben. – Ich habe noch an 40 Kompositionen, hauptsächlich Balladen liegen, welche sämtlich nach und nach im Druck erscheinen werden. Eine zweite große Symphonie in C ist fertig. Wenn Sie erwägen, daß ich ein dreifaches Amt bekleide, so schmeichle ich mir, werden Sie diesem Streben Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Niemand meint es aufrichtiger mit der Kunst als ich, und deshalb ist es natürlich, daß ich eines Rellstab’s Treiben verachte, der, wenn er in der Musik examinirt werden sollte, wie ein Stümper dastehn würde. Eine Anekdote muß ich Ihnen doch erzählen, welche, wenn Ihre Zeitschrift es wirklich gut mit der Kunst meint, in derselben bekannt gemacht werden muß. Bei einem Feste hier wurde Mozarts Champagnerlied von Neithardt für Blaseinstrumente arrangirt, gespielt. „Es ist doch ein ungeheurer Kerl, der Mozart“, sagte der mit anwesende Kritikus H. Ludwig Rellstab zu Neithardt, „Niemand weiß besser, als er, die Tonarten zu wählen. Wie schön gewählt ist hier das frische B dur!“ – Neithardt lachte und machte ihm bemerklich, daß er Neithardt in dem Arrangement das Lied ja in G dur gesetzt habe. Dieß bestritt der große Kritikus, und Neithardt war gezwungen ihm die Stimmen zu zeigen! –
Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung, womit ich verharre
Ew Wohlgeboren
ganz ergebenster
Gustav Nicolai
Divisions-Auditeur 2te Garde Division,
Friedrichstr. 45.

Berlin, 24 December 1835

An
den Redakteur der neuen Zeitschrift für Musik
Herrn Schumann
Wohlgeboren,
Leipzig

  Absender: Nicolai, Gustav (1125)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
481ff.
 



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