15.07.2019

Briefe



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ID: 6807 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 02.10.1836
 

Lieber Schumann!
Du mußt mir nicht grollen von wegen des Titelblatts aber ich konnts halt nicht machen da ich 5 Wochenlang Herr von Lyser war – will sagen ich war in Prag zur Krönung um dort für den Oberstburggrafen v Chotek die Krönungsfeierlichkeiten zu zeichnen, und dann war ich in Wien, wo ich den Beethoven in Währing besuchte, den Eibler Kreuzer Seyfried Castelli Haslinger u Diabelli in der Stadt – Von Beethoven bekommst Du nächstens was Extras die andern grüßen herzlich, besonders Kreuzer der an Felix gern eine Sinphonie oder Ouvertüre senden möchte, es ist ihm der Kopf ganz voll von den Gewandhaus-Konzerten – in Wien ist nix mehr der Art und die faschionablen Wiener wissen kaum, daß es einen andern Componisten giebt, als den großen Straußen und den Lannerl, der Eybler kommt garnicht über die Burgcapelle hinaus. Das Kärntnerthortheater ist wunderherrlich für Musik gebaut, das Orchester stark besetzt aber nicht so gut wie das Dresdner wenn, es sich zusammennimmt, Wild kennst du, Staudigel ist sehr brav auch einige Sängerinnen, aber der Chor hält mit dem Dresdner gar keinen Vergleich aus was Sicherheit u Präzision betrifft – Von der Ausstattung red ich nicht, wo es gilt thun einem die Augen weh vor Pracht und Schimmer das Ballett übertrifft alles was ich früher in der Art sah. In Prag haben sie den Pöck u die Lutzer. Die Lutzer soll eine schöne Stimme haben u gute Schule Pöck ist, bei den herrlichsten Mitteln ein roher Naturalist im Vortrag sowohl wie im Spiel! alles andere ist ungefähr der Art, wie es in der ersten Zeit bei Ringelhardt war, das Orchester hätte der Mozart aber gewiß nicht wieder erkannt, so bierfiedlermäßig streichen sie drauf los, die Böhmen sind aber sehr stolz darauf das Mozart’s vor 49 Jahren gelobt hat und rühmen ihr Conservatorium gewaltig, ich sagte aber dem Pixis: was denn da wäre conservirt worden, und daß mir wenn es denn doch einmal auf eine Dummheit abgesehen wäre „die Prager Musikanten“ welche in alle Welt herumziehen bei weitem lieber wären. Antwort: Es ist doch schon mancher tüchtige Musiker aus dem Conservatorium hervorgegangen. Ich Nun ja, die wärens auch ohne das Conservatorium geworden!“ – Ich komme immer mehr darauf, daß die sonst so berühmten Münchner Wiener Prager und – größtentheils auch Berliner, was die Musik betrifft, so ziemlich auf dem Hund sind. Gott gebe: daß die Sachsen sich tapfer halten, die mehr Nördlichen sind noch nicht weit genug vorgeschritten. Kannst Du die Zeichnung noch brauchen, so will ich sie machen. Also wenn Kistner zahlt in diesem Fall – d. h. wenn Du die Zeichnung noch willst, gieb dem Kistner den einliegenden Zeddel Er ist ein reicher Kerl u ich bin ein armer Teufel der seine Zeit nützen muß u da ich von Wien aus sehr viele Bestellungen mitgebracht habe so wär ich ein großer Narr wenn ich meine Zeit verlöre und Etwas gutes umsonst weggäbe – Du kannst u wirst mich nicht mißdeuten, und thust Dus doch, so faß ich mich in Geduld und warte solange bis Du auch ein liebes Weib und einen Schreihals hast – dann wirst Du mir Recht geben. Den Gluck werd ich schreiben und gut! ich hab in Wien hübsche Vorstudien gemacht und mehrere seiner eigenhändigen Briefe aus jener Zeit worin gar hübsche Anekdoten enthalten gelesen. In Wien fand ich die Musikalische Zeitschrift bei Diabelli u Haslinger, Haslingers Laden sieht aus wie ein Musentempel die herrlich gearbeiteten Büsten von Mozart Gluck, Händel, Bach, Beethoven, pp schauen von den Repositorien herab, den Schubert nicht zu vergessen. Deine Zeitschrift rühmten alle sehr, sagten: daß Du nur so fortfahren solltest, fragten: ob Felix nix schreiben – d. h. nicht Noten sondern über Noten – könntest Du einen Aufsatz mit seinem Namen bringen, so würd’ es dem Blatte viel nützen. Ich erhielt reichliche Lobsprüche und Castelli meinte geradezu: ich solle ihm auch so eine Novelle schreiben und zwar für sein Taschenbuch ich hab aber fürs erste nicht zugesagt, da ich erst wissen will, wie Du Dich beim Gluck nimmst, Du kannst ihn aber erst zum November erhalten dann aber auch ganz.
Nun leb wohl! schreib mir bald wieder, grüße Felix tausendmal und behalt lieb Deinen
Bruder
Burmeister-Lyser.

Nb erst gestern kam ich von Wien zurück.

den 2 October 1836.

Sr Wohlgebn
den Herrn Robert Schumann
Herausgeber der neuen Zeitschrift für Musik
in
Leipzig

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.6, S. 718ff.
 



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