19.12.2019

Briefe



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ID: 6860 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 04.02.1842
 

Lieber Robert!
Hier erhälst Du Fortsetzung u Schluß über die deutsche Oper in Dresden, der Pergolese folgt in Kurzem, leidige Krankheit hielt mich leider länger vom Arbeiten ab und kürzlich hatt’ ich einen Todesschreck, denn mein Junge ein schöner wilder musikalischer Kerl von 1 Jahr hatte lezthin seine Badewanne umgerissen und sich fürchterlich verbrüht, ich warf ihn gleich in eiskaltes Wasser und so ist der arme Kerl Gott sey Dank mit einer Brandstelle auf der Schulter davon gekommen 2 Tage hatte er starkes Wundfiber und ich und die Mutter durften ihn keinen Augenblick verlassen, das nimmt mit!
Was ich in meinem Aufsatz über die einzelnen Mitglieder der deutschen Oper gesagt habe ist die lautere Wahrheit, dem Tichatschek hätt ich von Rechts wegen schärfer die Wahrheit sagen sollen, denn nie sind wohl die herrlichsten Mittel muthwilliger zu Grunde gerichtet worden als von diesem Menschen, da er auf nichts mehr Mühe verwendet als auf Meyerbeers Sachen und dieser ihm besonders über seine Declamation der Recitative großes Lob gespendet hat so hat er sein sonst so herrliches Cantabile fast aufgegeben und stößt und poltert heraus was er singen soll. Aber Tichatschek ist ein dummer Kerl, die Journalisten loben ihn für seinen Tisch als den ersten Tenoristen der je lebte und leben wird und er nimmt es für baare Münze, kann ich ihm also nicht nützen, so mag ich nicht erst in ein Wespennest stören, denn treibt ers so fort, so ists in zwei Jahren mit ihm vorbei – ich bitte Dich, denk an diese Prophezeihung.
Meine Frau geht Ende d. M. nach Wien wohin sie eine Einladung von der verwittweten Kaiserin erhalten hat und Empfehlungsbriefe von unserer Königin
So wie meine Portraits heraus sind erhälst Du sie, in Kürze erscheint in der Abendzeitung ein Aufsatz von mir Tonkünstler und Virtuosen, lies ihn ich hoffe Du wirst mit dem was ich über Dich und Dein Weibchen im Vergleich zu einigen renomirten Clavierholzhackern sagte zufrieden seyn.
Apropos ich habe gehört daß Du auch Vater seyst ist das wahr so erhalt Du u Clara meinen besten Glückwunsch und Gott erhalte euch euer Liebes Kinder machen viele Sorgen aber sie sind auch das größeste Glück. Lebe wohl inliegenden Brief bestelle gütigst
Tausend Grüße Dir u. Deinem Weibchen von Deinem
Lyser

Dresden d 4ten Februar 1842

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
783ff.
 



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