19.12.2019

Briefe



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ID: 6917 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 02.12.1834
 

Lieber Knorr!
und
Lieber Bärti!
Vierzehn Tage bin ich im Erzgebirge herum gelaufen und erst gestern in Dresden eingetroffen in Chemnitz besuchte ich Stahlknecht, eh ich fortging – früher war er nicht anwesend – Er schien mir sehr gedrückt, und klagte daß er viel Aerger und wenig Vortheil in seiner neuen Stellung habe. ich glaub es ihm gerne, denn das öffentliche Musikwesen in Chemnitz ist mit dem Leipziger verglichen, wirklich schauderhaft – Die Tanzmusik dominirt dort ganz und gare, und die, welche je etwas können liegen sich einander fast immer in den Haaren. Ich hatte an Stahlknechts Lamento so sehr genug und übergenug daß ich garnicht mehr daran dachte den Mejo zu besuchen – unsere neue Zeitung ist dort selbst dem Stahlknecht nur par renomée bekannt und in der ersten Buchhandlung bekam ich sie nicht zu Gesichte, wie anders ist es dagegen in Freiberg wo ich schon den Anfang vom Händel fand – (leider gleich in den ersten Zeilen auch einen Druckbock!) Anacker nahm mich ungemein freundlich auf, und schenkte mir zum Abschied einige seiner neusten Compositionen. In dem kleinen Mitweida wo ich zwei Tage im Hause des Diaconus L. Würkert lebte wurde gestern als den 1sten December Anackers Bergmannsgruß mit Clavierbegleitung aufgeführt der Ertrag der Aufführung ist zu Weihnachtsgaben für arme Kinder bestimmt, die Aufführung geschieht von Liebhabern aus Mitweida und der anliegenden Gegend, der Rector Haase ist eine gutmüthige Seele und kratzt die Violine und schlägt das Clavier und seine Schuljungen reißen |2| die Mäuler auf wie junge Raben und gröhlen geistliche Lieder daß die Wände der Schulstube Risse davon bekommen.
Das ist alles was ich auch vom Musikwesen auf meiner Reise zu schreiben wüßte – Blutwenig allerdings! Dafür hab ich aber desto herrlichere Gegenden und zwar in einer Jahreszeit geschehen[sic] wo alle gewaltigen Formen doppelt gewaltig u schroff hervortreten, das herrliche Zschopgauthal, – den Harrassprung bei Lichtenwalde, den Waldberg bei Rochlitz, vor allem aber der Kamm von Oederan bis Freiberg mit der wilden Mulde tief unten sind ganz unvergleichlich und in mancher recht wildromantischen Gegend summte mirs in den Ohren wie irgend ein Allo aus einer Beethovenschen Sinphonie. Den ersten Theil des Haydn werd ich hier sogleich beginnen ihr erhaltet ihn vor Weihnachten noch – den 2ten wohl in den ersten Wochen des neuen Jahres. Dann nehme ich vorerst den Gluck; zu den Bachs muß ich durchaus noch einige Studien machen, wenn etwas Ordentliches draus werden soll sendet mir nur gleich meinen Abdruck des Händel so wie er vollendet ist – fehlt an dem vollen Bogen Etwas, so gleiche ichs, wie ich versprochen durch die Lebensscizze des Peter Pirad aus die dann umgehend folgen soll so wie ich eure Antwort, Berechnung der Colonne, und das gewünschte Exemplar, erhalten haben werde. –
Was macht denn der arme Schunke? Ist Schuhmann schon zurück? Du, lieber Bärti! mußt vorläufig der Madamme Voigt meine Empfehlung machen, bis ich selber Zeit habe ihr, mit Schunkes Bild, einen sauberen Brief zu kritzeln.
Und somit Vale für diesmal meine Addresse ist
„Privatgelehrter P Lyser. große Brüdergasse No 264
beim Schneidermeister Krause in der 2ten Etage

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
Empfänger-Institution: Neue Zeitschrift für Musik
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: I / Band: 6
Briefwechsel von Clara und Robert Schumann / Bd. 3., Juni 1839 bis März 1840 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik und Anja Mühlenweg / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-006-3
681-684
 



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