19.12.2019

Briefe



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ID: 6920 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 10.07.1839
 

Berlin d 10ten July 1839.
Mein theuerer Freund!
Mögen Ihre Verhältnisse sich glück[lich fügen]; so was ist, wie es schon Göthe, der gleich klug u. poetisch war [sagte], im menschlichen Leben immer die Hauptsache, wir mögen uns noch so romantisch anstellen; so weit wie der bringt’s aber kein deutscher Musikus, nicht wahr? was aber ganz gleichgültig wäre, wenn er es überhaupt nur zu was brächte. Am besten ist’s, wenn man in gewisser Hinsicht die Welt auslachen kann, doch ist so was selten, denn wo auch das Material vorhanden, sind doch wieder andere Verhältnisse die Einen binden u. beschränken, so daß es mit dem Lachen auch nicht geht. – In Hinsicht auf diese Stimmung könnten Ihnen vielleicht die neuen Quartette durch ihren Character zusagen; hinsichtlich der Theorie aber glaub’ ich, folgen wir verschiedenen Grundsätzen, denn was Sie an den vorigen Quartetten (jetzt wieder an dem Liede) von Ausweichungen u. Baßausgängen getadelt haben, ist mir u. andern Musikern hier, auch Ihrem Correspondenten, unauffindbar gewesen, so daß ich nicht weiß, was Sie meinen, u. Sie bitte, in den neuen Quartetten dergleichen doch ohne Zweifel häufig wieder vorkommende Stellen einige anzustreichen, damit ich der Sache auf den Grund komme; Quinten und Octaven mach’ ich nur aus Versehn, u. ändere sie ab, wo ich sie finde, obgleich Beethoven schreckliche Quinten zwischen Primo u. Bass u. in Imitationen sogar hat, was leicht zu beweisen; er scheint wirklich, wie’s Riess [sic] erzählt, gar nichts davon gewußt zu haben. Doch genug von solchen Kleinigkeiten. Die Vocalmusik ist auch mir freilich lang nicht so lieb wie die Instrumentalmusik, u. besonders Lieder schreib’ ich mit Verlust; so was aber wie der Fidelio ist doch prächtig u. ergreifend, u. sollte ich mal die dazu nothwendige Anerkennung erringen, so will ich mich an so was versuchen; am meisten behagt mir nun indeß immer die selbstständige Musik, wo ich mein eigenes Innere u. Erlebtes ausdrücken kann, wie mir auch von Gemälden am meisten Landschaften, als welche am meisten den Beschauer mit Ahnungen erfüllen, während historische Gemälde [zu festigende] Gewißheit geben, zusagen. Wie sehr wenige Texte von Liedern haben einen Inhalt der für mich paßt! Liebeslieder? non, dazu bin ich zu mysantropisch; Gesellschaftslieder sind zu kleinlich; auch für die bin ich zu rauh, um sie anders als im Scherz bei Gelegenheit zu machen; andere Lieder mit tieferm Inhalte singt aber kein Mensch; wozu also hilft’s? lieber zieh’ ich mich in das stille Haus der Sehnsucht u. Erinnerung zurück das mir die geliebte Instrumentalmusik gewährt, u. verkehre mit mir selbst, die Menschen, die mich nicht verstehen, weiter nicht störend. Wahrhaftig unser Leben ist eine recht elende Maskerade, u. wie recht hat Swift in Gullivers Reisen! – Anbei den Schluß des Quartettaufsatzes; möge die Zeitung auf welche noch die einzige Hoffnung der mit der Kunst es ernst Meinenden beruht, fortwährend ein kräftiges, durch keine Rücksicht gehemmtes Leben führen. Schilling, den ich für einen schöngeistigen Charlatan halte, redigirt in Stuttgart auch eine musikalische Zeitung; kennen Sie was davon? zu dem Mann habe ich seitdem ich die erste Zeile von ihm gelesen, kein Vertrauen fassen können; doch wir wollen alle leben! u. es ist ja nicht böse von ihm gemeint; also sey es! Ihr alter Pudel
Hirschbach.

Sr Wohlgeboren
Herrn Robert Schumann
(Redacteur der bei Friese erscheinenden
neuen musikalischen Zeitung)
in
Leipzig
im Rothen Collegio, Rit-
terstraße
frei

  Absender: Hirschbach, Hermann (715)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 17
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Berlin 1832 bis 1883 / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz, Eva Katharina Klein und Thomas Synofzik / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2015
ISBN: 978-3-86846-028-5
275ff.
 



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