19.12.2019

Briefe



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ID: 6939 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 10.06.1840
 

Herzens Bruder
Gott zum Gruß vorerst! und eine Bitte.
Paul sagt mir heute: daß der alte Seyfried in Wien einen langen Artikel über meinen Schenk, wider mich in Deiner Zeitschrift losgelassen habe, wo über große Unrichtigkeiten Klage geführt und diese [n]achgewiesen seyn sollten. – Daß ich über den Prager Angriff lachte und nichts drauf erwiderte, um so weniger als Du den guten Leuten die Sache schon in das rechte Licht rücktest – weißt Du, auch hatte ich da zum Theil Schuld, denn nicht die Mitglieder des, damals noch nicht bestehenden Conservatoriums, sondern die des damaligen ständischen Vereins zur Beförderung der Tonkunst waren es, welche so schändlich gegen Schenk verfuhren – die Thatsache selbst steht fest, ich las sie schon früher, eh ich nach Wien kam – ich weiß nur nicht gleich wo? gedruckt – irr ich also nicht ganz, so wurde des Vorfalls aber auch später in dem ersten Jahrgang der Zeitschrift Ost und West gedacht.
Bezichtet mich nun aber Seyfried großer Unrichtigkeiten oder wohl gar Verdrehungen, so kann ich das nicht auf mich sitzen laßen, um so weniger, als er mich gar nicht von dem Gesichtspunkte eines Dichters, sondern von dem eines Historikers aus zu betrachten scheint.
Uebrigens könnt ich auch im letztern Falle auf Seifrieds Competenz kein großes Gewicht legen [denn] Er hat ein dickes Buch über Beethoven – voller Unrichtigkeiten geschrieben, wo er unter anderm behauptet: Beethoven habe nie eine Liebschaft am allerwenigsten eine Jugendliebschaft gehabt. Die spätern Mittheilungen von Ries und Beethovens ältestem Jugendfreunde aber haben das, was ich in meiner Novelle über Beethovens Jugendliebe mittheilte, nicht nur bestättigt, sondern auch manches Andere noch, dessen ich in meiner Novelle gedachte und wovon der Biograph Seifried nichts wußte – daß Beethoven übrigens solange er lebte, bei den Wienern nur für einen närrischen Kerl galt – daß Seifried, der mit ihm viele] Jahre lang umging das Zerrbild Janins – (worin dieser den Beethoven mit Kalbsbraten tractirt haben will) – eine treffliche Charakteristik Beethovens nannte, ist so bekannt, als es bekannt ist: daß in Beethoven des Reihnländers [sic] Wesen, keine Spur jener gräulichen, breiigen Gemüthlichkeit sich fand, wie sie einen Stockwiener überkommt wenn er gerührt wird, und wie die Wiener tüchtige ausgezeichnete noch Andere Componisten zu schätzen wissen zeigten nicht nur Mozart, Dittersdorf, Schenk und Beethoven sondern jetzt eben wieder Kreutzer, [welchen] sie haben gehen lassen um den Lindpaintner kommen zu lassen, der aber so klug war: sich dafür zu bedanken, dies wollte ich den guten Leuten und schlechten Musikanten einmal unter die Nase reiben und trug im Schenk etwas, aber wahrhaftig nicht zu stark auf. Ueber den Werth meines Schenk als Novelle hat das Publikum entschieden und wie ich ohne Prahlerei sagen, darf zu meinem Vortheil! In Leipzig hatte ich die Genugthuung, daß bald nach dem Abdruck der Geschichte, der Dorfbarbier, welcher seit Jahren geruht hatte, neueinstudirt wurde und seitdem öfter gegeben ist, dies war auch auf andern Bühnen der Fall, welche (durch meine Novelle auf die alte klassische Operette aufmerksam gemacht) sie wieder hervorsuchten. Ich bitte Dich schön: daß Du mir [den] betreffenden Aufsatz mit umgehender Post zur Ansicht sendest, damit ich sehe, was dran ist und wie Seyfried gegen mich auftritt damit ich ihn nöthigenfalls mit aller Bescheidenheit, antworten kann. Ficht der alte Herr gegen Windmühlen, i. e. will dem Dichter durchaus keine poetische Ausschmückung gestatten, wird mir das zwar um seinetwillen leid thun, ich werde dann aber hübsch das Maul halten und die Sache vernünftiger Weise auf sich beruhen lassen, Legt er mir aber persönlich-falsche Ab- und Ansichten unter und beschuldigt er mich großer Unrichtigkeiten, so muß ich ihm schon ein mal ein Tänzchen aufspielen:
„Se ballare il Conte Almaviva?“
wonach er seine Sprünge versuchen mag und ich hoffe Du wirst mir die Spalten Deiner Zeitschrift zu meinem und des alten Schenks Genugthuung öffnen.
Die Nummern Deiner Zeitschrift, worinn sich der Aufsatz gegen mich befindet erhälst Du sogleich zurück, so wie ich das Ding gelesen habe, sende sie mir ja, denn hier kann ich sie nicht mehr erhalten, da sie schon circulirt, von Rechts wegen hättest Du mir das Blatt eigentlich gleich senden sollen!
Adieu in Erwartung baldiger Antwort
der Deine
Lyser.

Dresden d 10 Juni 1840.

  Absender: Lyser, Johann Peter (995)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 6
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Eduard Bendemann, Julius Hübner, Johann Peter Lyser und anderen Dresdner Künstlern / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Renate Brunner, Michael Heinemann, Irmgard Knechtges-Obrecht, Klaus Martin Kopitz und Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-017-9
760ff.
 



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