19.12.2019

Briefe



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ID: 6983 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 16.11.1853
 


Verehrter Meister!

Sie haben mich so unendlich glücklich gemacht, daß ich nicht versuchen kann, Ihnen mit Worten zu danken. Gebe Gott, daß Ihnen meine Arbeiten bald den Beweis geben könnten, wie sehr Ihre Liebe und Güte mich gehoben und begeistert hat. Das öffentliche Lob, das Sie mir spendeten, wird die Erwartung des Publikums auf meine Leistungen so außerordentlich gespannt haben, daß ich nicht weiß, wie ich denselben einigermaßen gerecht werden kann. Vor allen Dingen veranlaßt es mich zur größten Vorsicht bei der Wahl der herausgegeben Sachen. Ich denke keines meiner Trios herauszugeben, und als op. 1 und 2 die Sonaten in C und Fis Moll, als op. 3 Lieder und op. 4 das Scherzo in Es Moll zu wählen. Sie werden es natürlich finden, daß ich mit aller Kraft strebe, Ihnen so wenig Schande als möglich zu machen. Ich zögerte so lange, an Sie zu schreiben, da ich die genannten vier Sachen an Breitkopf geschickt habe, und die Antwort erwarten wollte, um Ihnen gleich das Resultat Ihrer Empfehlung mitteilen zu können. Aus Ihrem letzen [sic] Brief an Joachim erfahren wir jedoch schon dasselbe, und so habe ich Ihnen nur zu schreiben, daß ich Ihrem Rate zufolge in den nächsten Tagen (wahrscheinlich Morgen) nach Leipzig gehe, Ferner möchte ich ihnen erzählen, daß ich meine F moll-Sonate aufgeschrieben und das Finale bedeutend geändert. Auch die Violinsonate habe ich gebessert. Tausend Dank muß ich ihnen noch sagen für Ihr liebes Bild, daß [sic] Sie mir schickten, sowie auch für den Brief, den Sie meinem Vater schrieben, Sie haben ein paar gute Leute dadurch überglücklich gemacht, und fürs Leben Ihren

Brahms.

Hannover d. 16ten Nov. 53.

Einen Brief, von dem ich weiß, nach Düsseldorf schicken sehen, ohne wenigstens ein paar grüßende Worte für Sie und Ihre Frau hineinzuschreiben, kann ich nicht, trotz Berlioz und einer Menge andrer Verhältnisse, die, wie nie vorher, einen wahren Ringelreigen von Unruhe um mich her tanzen. Unter solchen Zerstreuungen, konnte ich denn wirklich noch nicht zum Ausarbeiten der Ouverturen kommen, und mußte mich mittlerweile begnügen 3 Stücke für Violine und Klavier in’s Reine zu bringen, die ich noch vor dem 24ten zu überschicken denke. Dann schreibe ich auch mehr. Für heute, mit der Bitte um einen Gruß an den treuen Albert
Ihr
verehrend getreuer
Joseph Joachim

  Absender: Brahms, Johannes / Joachim, Joseph (3171)
  Absendeort: Hannover
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort: Düsseldorf
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 2
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Joseph Joachim und seiner Familie / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Klaus Martin Kopitz / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-013-1
101ff
 



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