19.12.2019

Briefe



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ID: 7013 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 22.10.1853
 

Beifolgend geehrter Freund der gewünschte Abzug. Es würde mir lieb sein, wenn Sie mir denselben sofort für nächste No zurücksenden könnten, d. h. sofort zurück damit er in nächster No, wo er gerade jetzt erscheinen kann. Mit allem Uebrigen bin ich einverstanden. Was nun den weiteren Inhalt Ihres Briefes betrifft, so muß ich gestehen daß mir ein solcher offener rückhaltloser Austausch der Ansichten erwünscht ist, daß ich mich gefreut, daß ich eigentlich darauf gewartet habe. Erlauben Sie, daß ich mit gleicher Offenheit auch Ihnen begegne. Ich muß die einzelnen Puncte rubriciren. 1) Wenn Sie Besprechung Ihrer neuesten Werke vermissen, so liegt der Hauptgrund darin, daß Sie allzusehr unterlassen haben, die Verleger auf die nothwendige Einsendung aufmerksam zu machen. Mit Senff z. B. bin ich von Anfang an feind gewesen, wenn nun der Autor nicht die Vermittlung übernimmt, so bleibt nichts zu thun übrig. Im Allgemeinen was Besprechungen betrifft, bemerke ich: Es fehlt gar sehr an geeigneten Kräften. Viele Ältere sind schon unbrauchbar geworden. Was ist Klitzsch z. B. für ein gescheidter talentvoller Mann, u doch geht auch er schon zurück. Jedwede mir einigermaßen bekannte, brauchbare Kraft bin ich stets bemüht heranzuziehen, und so habe ich denn auch stets immer die frischesten u tüchtigsten Kräfte gehabt. Aber dennoch ist ein Mißverhältniß zwischen der Zahl der Kräfte u der Zahl der Aufgaben Einer kann nicht Alles machen. Die Aufgaben übersteigen die Zeit u Kraft eines Einzelnen. Wenn ich also die letzten Jahre daran gesetzt habe, um die wichtigste neue Erscheinung dieser Jahre, Wagner, zur Geltung zu bringen, so habe ich mich nicht auch gleichzeitig noch um so viele andere Erscheinungen bekümmern können. Dazu wäre mir namentlich ein tüchtiger Mitarbeiter am Ort sehr willkommen. Hier ist aber jetzt dazu gar Niemand, überhaupt nicht zum Schreiben, außer Gleich, den ich mir aber habe ausdrücklich kommen lassen, u der doch nur als Hilfsarbeiter zu gebrauchen ist. Oft habe ich daran gedacht, daß Sie den Theil den Sie jetzt wirklich in Ihrem Artikel übernommen haben, übernehmen könnten. Ich würde Ihnen sehr gern 15 rh für den Druckbogen zahlen. Es ist Niemand weiter da. Ueberlegen Sie sich die Sache. Dabei ist gleich noch an eine alte Geschichte zu erinnern. Sie haben das Honorar für den kleinen Beitrag (mit Notenbeispielen) vor einigen Jahren, noch nicht erhalten. Anfangs glaubte ich, es sollte mehr kommen u erinnere ich mich recht, so haben Sie dieß damals auch geschrieben. Später ist die Sache auf die lange Bank geschoben worden, doch habe ich sie niemals vergessen. 2) Was Krüger u Uhlig betrifft. Allerdings ist Krüger einseitig, einseitig seine Ansicht über Ihre neueren Werke. Aber Krüger war ein langjähriger Freund von Ihnen, u hat auch für Sie gekämpft. Krüger hat 2./ mir den Auftrag zu dieser Recension abgepresst, u einige Rücksicht bin ich auch ihm schuldig. Wir können nicht so frank u frei wirtschaften, daß wir die wenigen Leute, die noch schreiben können, vor den Kopf stoßen. Wir müssen häufig den Mitarbeitern Dinge nachsehen, die der Redacteur eines anderen Blattes nicht zu entschuldigen braucht. – Uhlig war Ihr Freund und hatte nicht das Geringste Persönliche gegen Sie. Im letzten Jahre seines Lebens wurde er düsterer, herber. Die wirklich harten, zu weit gehenden Recensionen von ihm über Sie habe ich nicht gedruckt. – Im Allgemeinen: Wenn Jahre lang für Sie gekämpft worden ist wie ich es gethan habe, wenn auf diese Weise ein so guter Grund gelegt worden ist, so schaden denn auch einige Stimmen anderer Färbung nichts. Im Princip muß Festigkeit herrschen, u kann nicht zugleich das Entgegengesetzte vertreten werden, aber Schattirungen der Meinungen müssen frei sein, u mehr als Schattirungen sind die Urtheile von Uhlig u. Krüger nicht. Hierin gehen Sie zu weit. Mit Aussprüchen von Ihnen selbst wollte ich Sie wiederlegen. Hinzu kommt noch folgendes: Es ist so angenehm im Umgang nur Angenehmes zu sagen. Man hat in gewöhnlichen Verkehr gar keine Veranlassung, Etwas anderes zu thun. Mir bleibt die unangenehme Nothwendigkeit das was Andere vermeiden zu thun. Alle Ihre Freunde gehen dem aus dem Wege, aber sie kommen zu mir u verlangen nun, daß das[?] gesagt werden solle. Mein damaliges Urtheil über Genoveva unterschreibe ich noch heute. Ihre besten Freunde haben dem beigestimmt. 3.) Was Wagner betrifft, so wird Ihnen mein bald fertiges Buch zeigen, daß ich nicht zu weit gehe. Wollen wir denn aber jede bedeutende Erscheinung gleich anfangs zu Tode kritisiren, daß sie gar nicht aufkommen kann? Erst gilt’s das Wahre,[?] Bedeutende, Große, was Einer gebracht hat zur Anerkennung zu bringen; dann kann man auch über seine Fehler schreiben. Ganz denselben Gesichtspunct habe ich auch in Bezug auf Sie festgehalten. Erst gilt’s, den Dummköpfen gegenüber Wagners große Bedeutung festzustellen. Nachdem dieß geschehen ist, gebe ich auch anderen Stimmen Raum. Nun noch Einzelnes: Wenn Sie sagen, daß Sie stets die höchsten Principien vertreten, so bin ich mir bewußt, keine schlechteren vertreten zu haben, u daß ich die Zeitschrift auf Ihrer Höhe gehalten habe, die Spuren meiner Wirksamkeit, dächte ich, wären überall wahr zu nehmen. Mißverstehen Sie mich ja nicht, geehrter Freund, ich bin nicht unwillig, im Gegentheile, ich bin erfreut; eben nur eine offene Aussprache führt, wie Sie selbst sagen, zur Wahrheit. So versuche ich, meine Gesichtspuncte Ihnen mitzutheilen, damit wir uns verständigen. Vor 1 ½ Jahren schon habe ich mit Bülow einen großen Artikel über mehrere Ihrer neuesten Werke verabredet u ihm diese gegeben. Aber er hat mich sitzen lassen. So habe ich gar Manches eingeleitet, was nicht zur Verwirklichung kam. Der Verf. der Artikel über Wagner ist Hinrichs in Halle. Er will nicht genannt sein, hat aber erlaubt gegen Freunde seinen Namen zu nennen. Dabei muß ich Ihnen aber auch mittheilen, daß der nächste Artikel in einer Anmerkung auch einen Angriff gegen Sie bringt. Ob ich aus diesem Grunde u weil er auch noch Andere sehr entschieden angreift, diesen Artikel drucke, weiß ich noch nicht. Aendern will er nicht, was ich ihm schon vorschlug. Der Druck ist sehr wünschenswerth, um nicht mit einem Mal abzubrechen. So werde ich ihn wohl drucken müssen, aber mit Anmerkungen begleiten.
Die Correctur (natürlich nur aus freier Hand der Abzug) kommt; ich breche ab, um keine Zeit zu verlieren. Ich hätte Ihnen noch Vieles zu sagen, was ich auf ein anderes Mal verspare. Betrachten Sie das als Anfang eines offenen Austausches.
Mit freundschaftlichem Gruß
Ihr
F Brendel.

Leipzig den 22ten October 53.

  Absender: Brendel, Franz (261)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
322-326
 



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