19.12.2019

Briefe



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ID: 7082 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 27.01.1854
 

Hochverehrter Mann!
So Vieles und Ereignißvolles liegt zwischen der Zeit, wo ich Ihren letzten liebenswürdigen Brief erhielt, und heute, wo ich ihn beantworte, daß es vieler Auseinandersetzungen bedürfte, um mein Schweigen zu erklären und zu entschuldigen. Seit Monaten drängte es mich, Ihnen wieder zu nahen, und immer verschob ich mein Schreiben, weil umlaufende Gerüchte mir Hoffnung machten, Sie persönlich sehen, und recht ausführlich sprechen zu können. Bald sollten Sie in Kaiserslautern ein Musikfest dirigiren, bald nach Leipzig kommen. Dann waren Sie in Holland, und ich wußte nicht, wohin Ihnen schreiben. Jetzt spricht man wieder davon, daß Sie nach Leipzig kommen – möchten Sie es doch endlich wahr werden lassen! Von Joachim und Brahms vernahm ich Viel von Ihnen, und lebte im Geiste mit Ihnen fort. Daß ich beide hochbegabte und liebenswürdige, Ihnen treu und aufrichtig ergebene Künstler näher kennen, und von Herzen lieben und ehren lernte, gehört zu den glücklichsten Ereignissen des letzten Jahres. Bei dieser Gelegenheit lernte ich dann auch Ihr herrliches Concertstück für Violine durch Joachims Meisterhand kennen, und habe mich von Herzen daran erquickt. Ich habe jetzt so wenig von Ihnen gehört, daß ich um so mehr wünschen muß, Sie möchten Leipzig wieder heimsuchen, und uns recht Viel von Ihnen zu hören gestatten. Kenne ich doch Ihre D moll-Symphonie nur aus dem Klavier-Auszug! Sie kennen Dresden, und kennen die hiesige – Kritik. Ein Verehrer der Gegenwart findet sich in diesem antediluvianischen Gebahren nicht zurecht; und jammert vergebens nach Hülfe. Die Aufführungen Ihrer „Pilgerfahrt der Rose“ und Ihres „Königssohnes“ waren Beide schlecht und unverstanden. Desto mehr setze ich Hoffnung auf die Aufführung einer Ihrer Symphonien, an welche die Kapelle jetzt ernstlich denkt. Ich denke, in diesem Jahre soll es noch dazu kommen; man will die B dur Symphonie bringen, doch arbeite ich nach Kräften, daß man Ihre D moll wählen möchte, freilich aus egoistischen Gründen! – Von „Sängers Fluch“ hört man Nichts. Dieses Schweigen ist nur rätselhaft, da ich doch den Beweis in Händen habe, daß Sie längst damit fertig sind. Sollte Sie mein Text veranlaßt haben, das Werk zurückzulegen? Es wäre für mich höchst niederschlagend – doch hoffe ich, Sie haben andere Gründe. Wie sehr mich verlangt, dieses Werk kennen zu lernen, begreifen Sie – darum verzeihen Sie die Frage, ob denn keine Hoffnung ist, es irgendwo zu hören? – Ich behalte die Harfenparthie, bis Sie dieselbe zurückverlangen. Es ist Alles spielbar und wir haben nicht gewagt, Etwas zu ändern. Die Parthie ist allerdings die schwerste, welche bis jetzt für Harfe geschrieben wurde, doch ist sie zu spielen, wenn Sie Nachsicht mit dem Harfenmeister haben. Alles kommt auf’s Tempo an, und darüber habe ich kein Urtheil. – Auch der Text ist noch in meinen Händen. Ich habe bis jetzt Nichts daran ändern können. Da der Rhythmus in den, von Ihnen geänderten Stellen nicht dem Gedicht entsprechend zu ändern ist, so sind auch Reime nutzlos. Text und Harfenparthie sende ich zurück, wenn Sie mir angeben, wohin und wann. Denn ich möchte die Harfenparthie gern so lange wie möglich behalten, für den Fall, daß Sie meiner Frau bedürften, und sie sich dann ernstlich an das Studium der Parthie machen müßte. Denn studiert muß sie werden. Sollten Sie den „Sängers Fluch“ in Leipzig aufzuführen gedenken, so wird vielleicht meiner Frau doch noch die Freude zu Theil, mitwirken zu können. Was mich sonst noch heute zu Ihnen führt, ist eine doppelte Bitte. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich zuerst Ihre Bekanntschaft durch einen Brief machte, den ich Ihnen im October 1850 durch Wenzel sandte. Ich legte Ihnen darin ein Plan vor, Schillers „Braut von Messina“ für Sie zu bearbeiten. Ich habe mich von diesem Plane noch nicht trennen können, und neuerdings einen Componisten gefunden, der sich dafür interessirt. Vielleicht kommt es doch noch zu einer Bearbeitung. Doch fehlt mir jede Unterlage, da ich keine Concepte mache. Sollten Sie nun jenen Brief zufällig aufbewahrt haben und sich der Mühe unterziehen wollen, ihn für mich heraus zu suchen, und mir auf einige Zeit zu überlassen, so wäre ich Ihnen sehr dankbar. Es liegt mir viel daran, den früheren Ideengang von mir zu haben, da über 3 Jahre seitdem verflossen sind. Macht es Ihnen zu viele Mühe, so verzichte ich jedoch darauf.
Die zweite Bitte ist gewichtiger, und ich thue sie nicht ohne Zagen. – Ich habe Berlioz näher kennen und schätzen lernen. Dies führte zu Mancherlei, und unter Anderem auch zu der Idee, eine Broschüre über ihn zu veröffentlichen, worin ich das Bedeutenste sammeln möchte, was bis jetzt über ihn veröffentlicht wurde. Manches Neue soll hinzu kommen, und sehr bedeutende Leute haben mir ihre Mitwirkung freundlichst zugesagt. Auch Joachim hat einen Beitrag versprochen. Zu den Bedeutensten, was über Berlioz gesagt wurde, rechne ich Ihre meisterhafte Analyse der „Symfonie fantastique“ im 3. Band Ihrer „Neuen Zeitschrift“. Dieser Aufsatz ist zugleich von großem historischen Werth. – Ich bin so kühn, Sie dringend zu ersuchen, mir zu gestatten, diesen schätzenswerthen Aufsatz in meine Broschüre wiederholt zum Abdruck bringen zu dürfen! Ich habe allerdings erfahren, daß Sie beabsichtigen, Ihre literarischen Arbeiten gesammelt heraus zu geben, eine Nachricht, die ich mit der lebhaftesten Freude begrüßte. Dies läßt mich aber fürchten, daß Sie deshalb vielleicht meine Bitte mir versagen werden. – Doch glaube ich nicht, daß einer Gesammtausgabe Ihrer Werke der Separatabdruck eines Artikels hinderlich sein kann. Und deshalb bitte ich Sie, mir gelegentlich Ihre Meinung ohne Rückhalt mitzutheilen. Daß Ihre Zustimmung mir in höchstem Grade werthvoll wäre, und mich zu dem lebhaftesten Danke verpflichtete, bedarf kaum der Erwähnung.
Endlich erlaube ich mir, diesem Briefe 2 Arbeiten von mir beizulegen, mit der Bitte, sie freundlich aufzunehmen. Sie kommen etwas spät, wenngleich sie Ihnen längst bestimmt waren. Ich kenne den Unwerth dieser Versuche selbst am Besten, und fühle mich hochgeehrt, wenn Sie die Broschüren eines flüchtigen Blickes würdigen wollen. Wenn Sie auch nicht mit allem einverstanden sein können, was Hoplit sagt und thut – so seien Sie versichert, daß er Ihnen im innersten Kern seiner Ueberzeugung ebenso treu ergeben ist, und sich ebenso freut, diese Theilnahme einmal recht lebhaft bethätigen zu können, wie
Ihr
unwandelbarer Verehrer
Richard Pohl.

Dresden, 27. Januar 1854.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
405-409
 



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