19.12.2019

Briefe



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ID: 7083 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 06.02.1851
 

Carlsruhe, d. 6 Februar 1851.
Menenius.
Ein Brief an mich! Das macht mich
für sieben Jahre gesund – – (Coriolan).
Verehrter Mann,
Wenn auch spät, so kam doch Ihr theurer Brief nicht weniger erwünscht, und ward, als Langersehnter, desto freudiger begrüßt. Er fand mich nicht mehr in Leipzig, sondern traf mich nach mancherlei Irrfahrten, in Carlsruhe, wo ich bis April zu bleiben gedenke. – Daraus erklärt sich die Verzögerung meiner Antwort, und meines Dankes, daß Sie meiner gedachten, und mich freundlich aufmuntern zu neuen Versuchen. –
Der erste, u. wichtigste Schritt, mit Ihnen in directe Verbindung zu treten – ein Wunsch, den ich seit Jahren hege – wäre somit geschehen, und jetzt ist es an mir, Ihres Vertrauens mich werth zu zeigen, indem ich mich bemühe, es nun erst zu verdienen. Ihr künstlerischer Rath und Beistand ist für mich der mächtigste Impuls, den ich kenne. Wenn es mir also jetzt nicht gelingt, mich emporzuarbeiten, so gelingt es nie. Und somit ist die erste größere Arbeit, die ich unternehme, weil sie unter Ihrem Einfluß entstehen soll, zugleich der Prüfstein meiner Befähigung.
Ich ehre die Gründe, welche Sie bestimmten, die Braut von Messina zu verwerfen. Es ist mir schon genug, daß Sie schwankten, u. zugegriffen hätten, wenn das Schillersche Stück der Oper nicht feindlich gegenüber stände. Dies ist mir Beweis genug, daß ich nicht vollständig mich vergriffen hatte, und Aufmunterung genug, unter Ihrem Stern Neues und Besseres zu versuchen.
Weit entfernt, selbstsüchtige Zwecke zu verfolgen, war es mir darum zu thun, Ihnen zu dienen, und, auf welche Art es sei, nützlich zu sein. Und darum macht mich der Gedanke schon glücklich, daß ich vielleicht die erste, wenn auch indirecteste und bewußtlose Veranlassung gab, zu einem neuen Werk. Wenn ich mich auch täuschen sollte, so macht die Täuschung mich doch glücklich, das kleine Sandkorn gewesen zu sein, das durch seinen Fall eine neue mächtige Lawine Ihres Geistes hervorrief – die Ouverture. –
Die freundliche Aufmunterung welche Sie an diese That knüpfen, dies für ein freundliches Zeichen des Kunstgenius zu halten, daß er auch fernere Unternehmungen segnen werde – giebt mir den Muth, auf der begonnenen Bahn weiter zu streben, und Besseres zu erreichen. Sie nehmen mir auf der einen Seite, und geben auf der anderen mit vollen Händen.
Wenn dieses Geschenk mehr ist, als nur ein Trost u. Aufmunterung – wenn es Ihnen in der That Ernst damit ist, es weiter mit mir zu versuchen, und somit zuerst mich in die Kunstwelt einzuführen – dann wünsche ich mir, daß Sie es nie bereuen mögen, und sich die Mühe nicht verdrießen lassen, einen Anfänger theils zu lenken, theils zu zügeln. Ersteres bedarf ich in Hinsicht der Form u. Behandlung, letzteres in Bezug auf Pläne u. Ideen. Mit den letzteren trete ich heute zuerst vor Sie hin, und bringe Ihnen das Beste, was ich habe.
Zuerst von dem Oratorium. Es genügte mir, daß Sie eines schreiben wollen, um mich sogleich ausschließlich mit diesem Gedanken zu beschäftigen. Ich werde auch in jedem Falle einen Text schreiben, der Sie natürlich in keiner Weise binden oder zu irgend Etwas verpflichten soll. Ich betrachte diese Arbeit als ersten Versuch, u. bringe Ihnen dieselben dar, ohne die Prätension, damit Etwas geleistet zu haben.
Nehmen Sie den Text an, dann ist das Höchste erreicht, was ich wünschen kann. Ihn zu ändern, zu kürzen, steht Ihnen ja dann noch immer frei. Nur das Eine bitte ich, daß Sie, im Fall der Annahme, mir gestatten mögen, den Text selbst drucken und würdiger ausstatten zu lassen, als die Textbücher bisher es gewohnt waren. Er kann demungeachtet das Eigenthum Ihres Verlegers bleiben, der auch die Musik verlegt, denn mir ist es nur darum zu thun, ihm eine würdigere u. abgeschloßnere Form zu geben, und ihn deshalb mit einigen Aesthetischen Vorbemerkungen und literarischen und historischen Notizen zu versehen – ein Recht, das jeder Schreibende für sich in Anspruch nehmen kann. Denn es gilt gerade am Oratorium eine Reform von Inhalt und Form des Textes,und Publikum und Kritiker, sollen nicht wie bisher, glauben, die Texte wachsen wild und werden so nebenbei aus dem Aermel geschüttelt. Verzeihen Sie mir diese kleine Eitelkeit, die nur eine Folge des Wunsches ist, Etwas Gutes zu leisten und des Bewußtseins, Alles gethan zu haben, was in meinen Kräften steht, diesen Zweck zu erreichen.
Ich habe bereits mit der Arbeit begonnen. Der Plan ist vollkommen fertig, und jetzt bin ich noch beim Quellenstudium. Ich habe Luther gewählt, da ich selbst schon früher daran gedacht habe, u. es nur Ihrer Anregung bedurfte, um den Gedanken zur Ausführung zu bringen. Darum konnte ich mich auch sogleich an die Arbeit machen.
Ziska wäre mir eben so lieb gewesen, aber mir scheint er passender zur Oper als zum Oratorium, abgesehen davon, daß es, bei der Bearbeitung zum Oratorium, mir beinahe unmöglich gewesen wäre, mich von Meißners Ziska loszumachen, den ich schon zu sehr in mich aufgenommen habe. Unglücklicherweise tritt Sobolewski a tempo mit seinem Ziska auf, und so ließ ich diesen Stoff bis auf Weiteres fallen, d. h. solange, bis Sobolewski’s Oper verschollen ist. Dann aber gedenke ich den Ziska als Operntext wieder aufzunehmen.
Von den biblischen Stoffen mußte ich von vornherein absehen, da ich mich dazu für nicht fähig halte. Es wäre außerdem schwer, sich auf dem Weg frei zu machen, den Mendelssohn darin eingeschlagen hat. Und mir liegt daran, mich von dem Vorwurf eines Nachbeters ebenso fern zu halten, als zu vermeiden, direct zu Vergleichungen mit anerkannten Werken aufzufordern.
Aber auch ohne das würde ich mich für Luther entschieden haben, denn er ist, wie ich glaube, der einzige Stoff, der sich zu einem spezifisch protestantischen Kirchenwerk eignet, im Gegensatz gegen die katholischen, jüdischen oder allgemein christlichen Stoffe. Luther ist somit für ein echtes deutsches Nationalwerk in der kirchlichen Kunst der wahre Mittelpunkt. Und darum sei er auch für Sie ausschließlich erwählt, denn in der Gegenwart giebt es Keinen, der außer Ihnen sich nur daran wagen dürfte.
Bevor ich Ihnen heute noch in möglichster Kürze den Plan vorlege, bitte ich Sie um Beantwortung folgender Fragen, die auf die Behandlung von wesentlichem Einfluß sind.
1) Fassen Sie, in Bezug auf Luther, das Oratorium im engeren oder weiteren Sinne, d. h. im kirchlichen, oder musikalischen überhaupt?
In diesem speziellen Fall wäre ich für das erstere, weil die beschränktere Form, welche das Kirchen Oratorium verlangt, in Bezug auf den Text, vielleicht hier am Meisten am Platz wäre, um zugleich dem musikalischen Gedanken möglichste Freiheit zu geben. Die Beschränkung auf die Kirche brächte dem Oratorium zugleich ein mächtiges musikalisches Hilfsmittel, die Orgel, mit, und gäbe zweitens dem Stoff, neben seiner dramatischen Seite, noch einen zweiten Gesichtspunkt, den einer protestantischen Messe im weitesten und großartigsten Sinn. Ein Kyrie, Credo und Sanctus, etc. sämmtlich mit Luthers Worten, wäre dem recht eigentlich am Platz – sämmtlich Momente, die wegfallen müßten, um dem Dramatischen vollkommen Platz zu machen, wenn das Oratorium kein
kirchliches sein sollte, also eine poetisch freiere Behandlung zu erfahren hätte.
2) Im Fall Sie sich für das kirchliche entscheiden sollten, knüpft sich daran die zweite Frage, ob Sie in Bezug auf die Form sich an die bisherige Richtung von Bach – Mendelssohn anschließen wollen?
II.
Dies gilt, selbstverständlich, nur im Allgemeinsten, und ich beziehe es zunächst nur auf die Fragen
a) Ob Sie den Choral behalten oder ausschließen wollen, und ob Sie
b) den Text, wie in der Oper, durchcomponiren, oder, wie es bisher in der Kirchenmusik gebräuchlich, den Chören wenigstens Wiederholungen gestatten wollen.
In Bezug auf a) bin ich der Meinung, den Choral, dem Luther eine selbstständige Gestalt gab, und der daher für ihn, wie überhaupt die Kirchenmusik, von characteristischer Bedeutung ist, beizubehalten, jedoch mit der Beschränkung, nur Choräle aus der lutherschen Zeit, u. meistens solche von ihm selbst gesetzte, u. mit möglichster Beschränkung, anzubringen. Freilich kommt man dadurch in die Verlegenheit, daß Luthers schönster Choral, der ihn so vollständig characterisirt, durch Meyerbeer bereits zum Gassenhauer gemacht ist, Doch würde das in einer kirchlichen Bearbeitung am Wenigsten stören, sowenig als bei Absingung dieses Chorales im Gottesdienst; sobald man aber den Begriff der protestantischen Messe und nicht den einer dramatisch, oratorischen Behandlung festhält.
In Bezug auf b) wäre ich der Ansicht, das Durchcomponiren möglichst im Auge zu behalten, jedoch nicht so streng, wie in der Oper, was bei der Fuge, etc. ohnehin nicht möglich ist.
3) Noch die Frage, ob Sie damit einverstanden sind, das Nationale Element in die Bearbeitung von Luther dem Kirchlichen an die Seite zu stellen?
Ich meine das so. Luther ist nicht nur der Mann Gottes u. Gründer einer Kirche, sondern auch der Mann des Volkes, und Träger einer literarischen nationalen Idee.
Wo es sich also um ein deutsches Nationalwerk handelt, darf das Volksthümliche nicht vergessen werden, wenngleich es in den strengsten Grenzen zu halten ist. Der Verlust, den das kirchliche Oratorium dadurch erleidet, daß das dramatische Leben durch Reflexion ersetzt werden muß, kann dadurch aufgehoben werden, daß man an die Stelle allgemeiner Reflexion die spezifisch deutsche und characteristische, seiner Zeit treten läßt. Das Kirchliche soll dabei ebenso berücksichtigt, als das Nationale characterisirt werden. Der Hörer soll auch in die Zeit Luthers versetzt werden, und in Denkweise, Poesie und Musik dieser Zeit ebenso, wie in die Luthers selbst, unmittelbar eingeführt werden.
In diesem Fall wäre es also am Ort,
a) die Worte Luthers, da wo er spricht, möglichst rein u. getreu historisch wiederzugeben, ebenso wie seine Haupt-Citate aus der Bibel.
b) Die Lieder u. Choräle Luthers und seiner Zeitgenossen ausschließlich zu benutzen, also auch einige Volkslieder zum Preis der Reformation, Dichtungen von Hutten, Hans Sachs, etc. gehörig zu placiren oder doch zu benutzen.
4) Dem reflectirenden (griechischen) Chor bleibt dennoch sein Recht, da aufzutreten, wo die Handlung stockt, das Volkstümliche nicht ausreicht oder in anderen Oratorien, wie selbst noch im Paulus, das Recitativ eintrat, das vollständigst zu verbannen wäre, wie es auch schon Mendelssohn im Elias that. Ob Sie damit einverstanden sind, ist die vierte Frage, um deren Erledigung ich bitte.
5) Noch die Bemerkung, daß ich gesonnen bin, einestheils streng historisch u. genetisch zugleich zu verfahren, als anderseits diejenigen poetischen Hilfsmittel, die über Luther schon vorhanden sind, zu benutzen, oder wenigstens zu Rathe zu ziehen. Ich habe keinen Grund, das Vorhandene zu ignoriren, und verzichte lieber auf Originalität, als daß ich mich dem Tadel aussetze, Etwas Besseres liefern zu wollen, wo Gutes schon vorhanden ist. Ohnehin hat ja der Dichter eines Textes hierin mehr Freiheit, als jeder Andere. Poetische Gedanken aus Drama u. Epos in das Oratorium zu verflechten, ist nicht einmal Plagiat, da der musikalische Gedanke dabei die Hauptsache ist, nicht der dichterische, der nur in Bezug auf Form u. Behandlung im Großen und Ganzen, nicht im Detail, beim Oratorium zunächst von Bedeutung ist. Darum mögte ich weder die Dramen von Werner u. Klingemann, noch das Epos von Bechstein ignoriren, obgleich es in der Natur der Sache liegt, daß man sie direct nicht benutzen kann. Von ersteren mögte ich entlehnen, was für das Oratorium von dramatischer Wirkung sein könnte, von letzterem was für den Chor vielleicht zu brauchen wäre, soweit er reflectirt.
6) Die Frage, welche Behandlung der Form Sie vorziehen, ob die gereimte und rhytmische, oder die prosaische, oder vielmehr nicht streng rhytmische, oder die gemischte, wie z. B. in den Mendelssohn’schen Oratorien?
Ich wäre für die gemischte Form, so zwar, daß
a) die historischen Worte Luthers u. einiger Nebenpersonen unverfälscht in Prosa gegeben würden
b) der reflectirende Chor in rhytmischer Weise doch mit möglichster Freiheit in Form u. Versmaß, ohne Reim aufträte
c) die Lieder, Choräle, u. s. w., kurz das Lyrische in Reim und Rhytmus erschiene.
Dadurch wäre die höchste Mannigfaltigkeit bei der gewissenhaftesten Treue für das Historische, zu erzielen.
Die baldigste Beantwortung dieser Fragen lege ich Ihnen dringend an’s Herz, im Fall es Ihnen Ernst ist, es mit mir zu versuchen. Bis Ende April soll der fertige Text in Ihren Händen sein, und Sie können dabei mich wesentlich fördern, wenn Sie mir recht bald Ihre Ansichten mittheilen. Zugleich bitte ich Sie auch um weitere Mittheilung Ihrer Ideen, im Fall Sie sich selbst schon mit Luther beschäftigt haben. Es liegt mir vor Allem daran, in Ihrem Sinne zu arbeiten und zu dichten, darum mögte ich Alles bemühen, was Sie mir dabei in die Hand geben wollen u. können.
Vielleicht ist sogar schon der Plan von Luther von Ihnen entworfen, oder Sie haben sonst Wünsche in Bezug auf das Detail. Je schneller Sie darüber sich aussprechen wollen, desto schneller kann meine Bearbeitung abgerundet in Ihren Händen sein. – Der Plan zu Luther ist in aller Kürze folgender. (Ich bemerke von vorn herein, daß er nur Skizze, und nicht abgeschlossen u. abgerundet ist, daß ich ihn aber ebenso nach Ihren Wünschen zu ändern bereit bin, als ich die Härten u. Lücken, die Sie darin bemerken, leicht vermeiden kann).
Das Oratorium zerfällt in 3 Theile,
1. These – (Zweifel)
2. Antithese – (Kampf)
3. Synthese – (Sieg).
Personen.
Melanchton 1. Tenor. Philip von Hessen.
Hutten 2. " Tetzel.
Luther 1. Bass. Friedrich von Sachsen.
Sickingen 2. " Hans Sachs.
Erscheinungen.
Savonarola 1. Tenor
Wickleff 2. " 1.
Huss 1. Bass 3 Engel { 2.} Sopran
Satan 2. " 3.
Chöre.
1) Für Sopran u. Alt – der Nonnen. (Katharina (?) – Alt)
2) " " " – der Engel.
3) Für Tenor u. Bass – der katholischen Priester u. Mönche.
4) " " – " Studenten in Wittenberg.
5) " " – " Bilderstürmer.
6) " " – " Reichsversammlung.
7) gemischte Chöre – " Protestanten.
8) " " – des Volkes.
9) Allgemeiner, reflectirender Doppel-Chor.
1. Theil. (1507–1517)
1. Luther in der Zelle des Augustiner Klosters.
Erste Zweifel u. Kämpfe. (Als Hintergrund ein katholisches Dies irae in der Kirche). (1507.)
2. Vision. Savonarola, Wickleff, u. Huss. (1. Bibel)
3. Luther in Rom. (1510). Erster Entschluß.
4. Tetzel. (1517). Ablaß. Beginn des Kampfes.
5. Anschlag der 95 Thesen in Wittenberg. (Te Deum).
2. Theil. (1520–21)
1. Verbrennung der Bannbulle. (Kyrie) (Gloria)
4. Auflösung der Klöster, (Katharina)? (Miserere)
2. Hutten u. Sickingen, Melanchton. Verbündete
3. Churfürst Friedrich u. Landgraf Philip. Partheien.
5. Reichstag zu Worms. (Credo).
III.
3. Theil. (1521–1530).
1. Hans Sachs. (Trutznachtigall).
2. Luther auf der Wartburg. (1521) (Bibel)
3. Vision des Satans. (Versuchung).
4. Luther in Wittenberg, Bilderstürmer. (1522)
5. Katharina v. Bora (1525)
6. Augsburgische Confession und (1530).
7. Lutherisches Glaubensbekenntniß. (Confiteor, Sanctus).
---
Dies sind die historischen Hauptmomente, und die hervortretendsten Persönlichkeiten, die ich hier flüchtig angedeutet. Die Eintheilung im Detail, die Rolle des reflectirenden Chores, etc. hier schon anzuführen, wäre überflüssig, da sich im Lauf der Arbeit noch Vieles ändern wird, u. ich auch Ihre Ansicht zuerst hören mögte. Je eher Sie mir dieselbe mittheilen wollen, desto mehr kann ich sie berücksichtigen u. desto förderlicher ist es für das Ganze. Bis ich Antwort von Ihnen habe werde ich noch weitere historische u. literarische Studien machen, ohne am Oratorium selbst weiter zu arbeiten, damit ich nicht zu Vieles ändern muß.
Sie sprechen in Ihrem Briefe endlich noch von einer heiteren Oper. Ich gestehe, dieser Aufgabe glaube ich mich nicht gewachsen. Wenn ich mich schon nie an ein Lustspiel wagen würde, so wage ich noch weniger eine komische Oper zu schreiben. Oder meinen Sie es anders? Vielleicht nur heiter in Bezug auf die Umrisse u. den Ton, im Gegensatz zur Braut von Messina? –
Einen Stoff hier zu erfinden, wage ich nicht. Können Sie mir aber einen bestimmten Stoff, am liebsten eine geschichtliche Anecdote, angeben, woran Sie vielleicht schon dachten, so will ich Ihnen dann augenblicklich sagen, ob ich die Ausführung versuchen will. Zunächst aber möge Ihnen Luther ein Probirstein sein, ob Sie mir mehr anvertrauen wollen. In jedem Falle vollende ich Luther, und harre dann Ihrer weiteren Wünsche u. Vorschläge.
Zugleich erlaube ich mir aber, Ihnen noch einige historische Stoffe zu tragischen Opern vorzulegen, welche eine ähnliche Behandlung, wie die Braut von Messina erfahren könnten.
1. Untergang der Tempelherren in Frankreich, im größten Stil, mit Chören. (Nach Rénauard)
2. Marino Falieri nach Hoffmanns Doge u. Dogarresse,
NB. (ohne an Donizetti u. Byron zu denken!)
3. Sicilianische Vesper (nach Delavigne)
4. Virginia u. Appius Claudius.
5. Ziska, wenn der Sobolewski’sche vergessen ist.
Zu Oratorien aber sei Ihnen noch empfohlen:
1. Eroberung von Jerusalem,
2. Huss u. die Hussiten.
3. Eine Episode aus den Nibelungen.
4. Der Cid.
Als Oper erschienen mir die Tempelherren am großartigsten, für das Oratorium, Jerusalem.
Endlich noch eine bescheidene Frage. Haben Sie wohl nie daran gedacht, das Thürmerlied von Geibel (Gedichte, Pag. 25238) zu componiren? Mir scheint es zur Cantate, für Chor, Orchester u. Solostimmen, wie geschaffen. Ich kenne nur die Composition von der Schmetzer (Kratky) in möglichst verkehrter Auffassung als Solostück für Tenor. Verzeihen Sie mir diese vorlaute Frage, aber, so oft ich das Gedicht las, dachte ich an Sie.
Meine Pläne sind noch nicht zu Ende. Ich habe auch daran gedacht, einige Conzertabende mit verbindenden Worten zu schreiben, und frage nur vorläufig an, ob Sie wohl gesonnen wären, darauf einzugehen, u. ob Sie überhaupt die Ausführung für gerathen halten. Sollten Sie mich mit einer Antwort erfreuen wollen, so bitte ich, suchen Sie mich direct auf, unter untenstehender Adresse. Sie finden mich in Carlsruhe bis Ende März. Im April bin ich wieder in Leipzig, u. dann könnte Whistling den Brief an mich befördern, doch hoffe ich, wenn er kommt, so kommt er vor April, obgleich ich weiß, daß Sie jetzt vielfach in Anspruch genommen bin [sic]. Meine Braut, Jeanne Eyth, bei der ich gegenwärtig verweile, u. welche die Ehre hatte, Sie und Ihre hochverehrte Frau Gemahlin in Leipzig kennen zu lernen, läßt Sie Beide freundlichst grüssen. Wir haben Beide Lust, Sie nach unserer Verheirathung in Düsseldorf mitsammt der Harfe einmal heimzusuchen, an Ihrem Wirken uns zu erfreuen, und durch die Harfe auch unser Schärflein beizutragen. Daß Ihre Lieder mit Harfe jetzt erscheinen werden, hat mir Wenzel bereits annoncirt, wir freuen uns Beide darauf, u. werden sie mit Jubel begrüßen.
Ihren weiteren Befehlen mit froher Hoffnung entgegensehend, verbleibe ich unverändert
Ihr
dankbar ergebener
Richard Pohl
pr. Adr. Mad. Eyth, Carlsruhe.

Noch in Eile die Frage, die ich vergaß, in Reihe und Glied zu stellen: Soll Katharina v. Bora eine Rolle spielen? Im weltlichen Oratorium müßte sie es unbedingt. Im kirchlichen bin ich fast dagegen. Ich halte es für besser, ungalant gegen die Damen zu sein, u. sie als handelnde Soli gänzlich zu verbannen. Doch füge ich mich Ihrer besseren Einsicht; denn musikalisch ist die Altparthie freilich am Platz, wegen der Abwechslung, u. läßt sich darum gut vertheidigen. Aber für den Textschreiber ist sie höchst unbequem, weil sie den kirchlichen Ton leicht stören kann, ohne viel zu helfen.
Die allgemeinen Chöre mit Solo werden den Frauenstimmen auch hinlängliche Gelegenheit zur Entwicklung geben, ohne daß sie im Drama eine Rolle spielen.
Unwandelbar der Ihrige
R. P.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Karlsruhe
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
339-350
 



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