19.12.2019

Briefe



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ID: 7084 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 10.12.1851
 

Leipzig. 10. Dez. 51.
Verehrter Mann,
Ihr theilnehmender u. aufmunternder Brief, der so lange schon ersehnt war, traf am Montag d. 8. Abend hier ein, eine Stunde vor dem Anfang des Concertes für den Pensionsfond, in welchem Ihre 3.te Symphonie zum ersten Male aufgeführt wurde. Es war für mich ein dreifacher Festtag, dieser Montag, denn meine Braut spielte in demselben Concert, u. Ihr theurer Brief und Ihre herrliche Symphonie bildeten damit einen festlichen Dreiklang, der noch immer in meiner Seele widerhallt. Vielleicht bin ich der Erste, der Ihnen über den Erfolg der Symphonie etwas berichtet, u. darum erlaube ich mir, davon zu sprechen. Die Symphonie hat eine mächtige, durchgreifende Wirkung hervorgebracht, und wird sie um so mehr hervorbringen, wenn das Publikum, das immer einige Jahre hinter der Kunst zurückbleibt, erst das Großartige Ihrer Intention besser gefaßt hat. Die 3. Symphonie wird populärer werden als die 2., wenigstens früher als diese – und schon jetzt kann man den 1. 2. u. 5. Satz als diejenigen bezeichnen, welche entschiedenen Beifall errungen haben. Sagte doch sogar Prof. Moscheles, „daß der 2. Satz ein Liebling des Publikums werden müßte“. – daß der 3.te Satz in seiner zarten Innerlichkeit, u. der 4. in seiner großartigen Tiefe u. Macht nicht augenblicklich gefaßt werden konnten, ist erklärlich. Man verlangt aber bereits nach einer zweiten Aufführung u. die Recensenten halten noch ziemlich zurück mit ihrem Urtheil, bis diese 2. Aufführung erfolgt sein wird. Ich schicke Ihnen davon, was ich bis jetzt erlangen konnte, die Recensionen aus dem Tageblatt u. der Leipziger Zeitung. Die erstere (soviel ich weiß von Dr. Reuter) ist offenbar die bessere u. tiefere. Eine dritte in der Deutschen Allgemeinen von gestern Abend sagt gar Nichts. – Mein eigenes Urtheil wird Sie wohl weniger interessiren. Mir wurde das Glück zu Theil, die Symphonie 4 Mal zu hören, weil ich in allen Proben war. Sie ist mir dadurch schon so theuer u. werth geworden, daß ich Jeden nur bedauern kann, dem sie nicht in das Innerste des Herzens zu dringen vermogte. Sie ward mir zum Fest-Drama in 5 Akten, das im 4. Akt seinen Culminationspunkt erreicht. Ich möchte dem 4. die Ueberschrift geben: „im Dom zu Cöln“ und dem 2. „Rheinfarth“ – doch das sind Gedankenspiele. Man kann der Musik keine Worte geben, denn sie ist eben Musik darum sind auch die Gefühle, die ein solches Meisterwerk hervorruft, nicht in Worte zu fassen. H. Hettner sagt so richtig in seiner neuesten Schrift über das moderne Drama (worauf ich Sie wegen des letzten Capitels „über das musikalische Drama“ hiermit aufmerksam zu machen mir erlaube): „Nur die Musik umfaßt und durchdringt in ihrem elementaren Walten die ganze Menschennatur und löst uns ganz in Gefühl und Genuß auf“. –
Sie fragen, ob ich Ihre Ouverture zur Braut v. M. gehört, u. wie sie mir gefallen habe. Das machte mich sehr glücklich, um so mehr, als Sie mich freundlich daran erinnern, daß ich dieses Thema früher in Ihnen angeregt habe – freilich nur, wie das Sandkorn in seinem Fall eine mächtige Lawine anregen kann, ihren großartigen Lauf zu beginnen. Ich habe die Ouverture leider nur einmal gehört, weil ich die Probe nicht besuchen konnte. Bei diesem einmaligen Hören hat sie aber auf mich einen markerschütternden Eindruck gemacht. Sie haben die Schillersche Idee im Großen u. Ganzen gefaßt u. mit einem Riesenwurf das Drama in seiner ganzen Größe dem inneren Menschen vorgeführt. Die Melodie der Clarinette (Stimme der Mutter) sagt so viel, als ganze Monologe – u. so ist auch Alles Andere tief u. bedeutend für mich. Wenzel nennt die Ouverture ein großartiges Freskogemälde, in welches sich das Piccolo in Randzeichnungen schlingt; – u. er hat Recht. Daß das Publikum Ihre Intentionen nicht auf einmal fassen kann, ist so natürlich, daß es mich nur wundern würde, wenn es anders wäre. Sie stehen so hoch über der Zeit u. dem Publikum, daß ja selbst der Musiker ohne Partitur Ihrem Gedankenflug nicht folgen kann. Nur die Nachwelt wird Sie recht verstehen – aber schon in der Gegenwart haben Sie einen Zauberkreis gezogen, der Jeden unwiderstehlich fesselt u. electrisirt, welcher mit ernst u. Weihe in diesen Kreis eintritt. – Ein Gedanke aber verließ mich nicht, seitdem ich Ihre Ouverture hörte – der Wunsch u. die Hoffnung, daß Sie die Chöre aus der Braut v. M. componiren mögten. Wenn auch meine Hoffnung zerstört wurde, für Sie eine Oper daraus machen zu können, so drängt sich doch der Gedanke an die Composition der Chöre mir mit erneuter Kraft auf. Diese Idee erhielt neue Nahrung durch Hettners ästhetische Untersuchungen im Schlusscapitel, mit denen ich in vielen Dingen harmonire, u. die bei meinen dramatischen Versuchen mir anregend zur Seite gehen sollen.
Wegen Luther beginnt mir selbst bange zu werden. Wenn Sie den Muth verlieren, was soll ich dann thun? Ich werde den Text trotzdem bearbeiten – aber das wann u. wie – ist eine andere Frage. Sie sprechen von einem großen Werk, welches das nächste Jahr ausfüllen sollte. Dazu wäre freilich der Luther wie geschaffen – aber wenn er nur erst geschaffen wäre! Das nächste Jahr ist vor der Thür, u. doch ist es eine Unmöglichkeit, daß ich jetzt an die Arbeit gehen kann. So stehe ich rathlos da, u. muß der Zukunft u. meinem Glück es überlassen, ob Sie später noch darauf eingehen werden. – Ein wahrer Trost ist es mir, daß Sie wenigstens des Sängers Fluch angenommen haben. Wenn er Ihnen genügt, so ist Alles erfüllt, was ich hoffen konnte. Jedes beifällige Wort von Ihnen ist mir ein mächtiger Impuls der zum Besseren u. Höheren treibt. Auf die Stunde, wo ich Ihre Composition meiner kleinen Arbeit hören werde, freue ich mich jetzt schon, u. ich verspreche mir von Ihrer Composition im Voraus das Höchste. Dies führt mich zur letzten Anfrage Ihres theuren Briefes – ob meine Braut bei Ihnen spielen wolle. Ob sie will! Sie ist im höchsten Grad geehrt durch Ihre freundliche Aufforderung, welche doch zugleich das gute Zutrauen in sich schließt, daß sie Ihren Anforderungen genügen könne. Schon dies allein würde sie bestimmen, zuzusagen, wenn sie nur kann. Aber leider ist es eine Unmöglichkeit u. wir Beide bedauern es innig, Ihnen abschreiben zu müssen. Jeanne hat heute erst von ihrer Mutter einen Brief erhalten, der sie zurückruft. Ich kann sie nicht zurückhalten, weil Beider Gesundheit diesen Winter leidend ist, u. unsere Verheirathung vor Ostern nicht erfolgen kann. – Jeanne läßt Ihnen herzlich danken u. Ihnen sagen, daß, wenn sie auch jetzt nicht die Ehre haben könne, vor Ihnen zu spielen, sie doch bäte, ihr für nächsten Winter (52) ein Plätzchen in Ihren Conzert offen zu halten, das sie dann nach Kräften auszufüllen sich bestreben würde. Eine Hauptveranlassung, warum ich wegen dem Harfenspiel bei Ihnen anfragte, war ja die Aufführung von Sängers Fluch. Sie ist freilich noch in weitem Felde, aber dennoch wiederhole ich schon jetzt die Bitte, meiner Braut, od. vielleicht dann schon Frau, zu gestatten, die Harfenparthie bei der ersten Aufführung dieses neuen Werkes zu übernehmen zu dürfen. Sollte diese Aufführung schon in diesem Winter od. Frühjahr stattfinden können, so kommen wir bestimmt, sie von Carlsruhe, ich von Dresden, wohin ich nach Neujahr mich begeben muß. Wenn also Ihre Composition erst vollendet ist, bitte ich, mir dieses Ereignis in wenig Worten mitzutheilen, u. vielleicht die Harfenparthie mitzuschicken. Wir stehen dann zu Ihren Diensten. Meine Adresse werde ich erlauben, Ihnen mitzutheilen, sobald ich erst in Dresden fixirt bin.
Mit tausend Dank für Ihren Brief, u. herzlichen Grüßen an Ihre Frau Gemahlin von meiner Braut u. mir – sowie von Wenzel – Ihr treu ergebener
Richard Pohl

An Reimers u. Tausch einen freundlichen Gruß aus der Ferne.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
387-391
 



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