19.12.2019

Briefe



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ID: 712 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 10.01.1843
 

Sr. Wohlgeboren
Herrn Musikdirektor
Wilhelm Taubert
in Berlin,
Hausvogteiplatz

Leipzig, den 10ten Januar 1843.

Lieber Freund,
Unsere Matinée ist glücklich von Statten gegangen – ich wünschte, Sie wären dabei gewesen. Quartett und Quintett machen eine recht lebendige Wirkung, auch im Concertsaal; sie werden bald im Druck erscheinen und dann hören Sie sich’s einmal an. Nun zu meiner Symphonie; gehen Sie mit freundlichem Glauben daran und mit Geduld; denn sie ist nicht leicht für ein erstmaliges Spielen – doch auch nicht unerhört schwer, wie Sie bald merken werden. Könnten Sie Ihrem Orchester beim Spiel etwas Frühlingssehnsucht einwehen; die hatte ich hauptsächlich dabei, wie ich sie schrieb im Februar 1841. Gleich den ersten Trompeteneinsatz, möcht’ ich, dass er wie aus der Höhe klänge, wie ein Ruf zum Erwachen – in das Folgende der Einleitung konnte ich dann hineinlegen, wie es überall zu grünen anfängt, wohl gar ein Schmetterling auffliegt, und im Allegro, wie nach und nach alles zusammenkommt, was zum Frühling etwa gehört. Doch das sind Phantasieen, die mir nach Vollendung der Arbeit ankamen; nur vom letzten Satz will ich Ihnen sagen, daß ich mir Frühlingsabschied darunter denken möchte, daß ich ihn darum nicht zu frivol genommen wünschte. Nun noch zu einem paar einzelner Stellen; nehmen Sie die Partitur in die Hand und folgen mir freundlich. Das Più vivace in der Einleitung nehme ich gleich um Vieles schneller, als das Vorhergegangene, damit es unvermerkt gleich in das Allegro vivace überleitet. Die Hornstelle, nach Claviernoten so aussehend XXXX lassen Sie so stark als möglich blasen; hier in Leipzig hörte ich sie immer gut, von anderen Orchestern aber meist ganz schwach. Noch wichtiger ist dieselbe Stelle nach dem fff nach der Mitte des Satzes, wo sie so aussieht XXXX – sollte sie da gar zu schwach herauskommen, so nehmen Sie doch Alt- und Tenor-posaune mit. Noch achten Sie auf die Stelle zum Schluss, wo Hörner und Trompeten p marcato das Thema einsetzen, dass sie recht deutlich herauskommt. Sonst hat der 1ste Satz, wie auch das Adagio keine Schwierigkeiten. Desto mehr aber das 1ste Trio des Scherzo, das mir immer zu schaffen machte. Die Figur XXXX verwischen sie immer so undeutlich – Lassen Sie’s so spielen, als ständen die Zeichen XXXX gar nicht da, so wird’s schneller gut gehen – das Ganze recht zart und leicht. Zum Schluss desselben Trio’s, wo Flöten, Hoboen, Clarinetten u. Fagotte so haben XXXX etc. übersehen die Streichinstrumente meistens das p, das dazu gleich nach einem f folgt. Das Schwerste aber an der ganzen Symphonie ist der Coda des Scherzo; probieren Sie die Stelle mir zur Liebe recht oft, lieber Taubert; ich danke es Ihnen herzlich. Der letzte Satz hat wenig Schwieriges bis auf die Stelle in der Mitte der Flötencadenz, die Sie schon recht leicht und ruhig in das 1ste Tempo zurückführen werden. Noch mache ich Sie auf einige Stichfehler aufmerksam, die, wie ich glaube, in dem Exemplar, das Sie haben, noch nicht corrigirt sind. In der Clarinetto IIdo muss S. 5, Syst. 1 zwischen dem 3ten u. 4ten Tact der Tact XXXX eingeschaltet werden. Sodann sind im Triangel vor seinem 1sten Solo vier Tacte zuviel in der gedruckten Stimme. Gern wäre ich selbst dabei – doch werde ich schwerlich abkommen können. Indess benachrichtigen Sie mich, wenn die Probe ist – komme ich vielleicht noch, so möchte ich vorzüglich auch bei dieser sein. Geht es aber in keinem Falle, so nehmen Sie Sich meines Kindes liebreich an; es hat Mängel, gewiss aber auch den besten Willen, und Sie sind Künstler genug, dies Alles zu erkennen.
Eine wahrhafte Finsternis verbreitet sich auf einmal – verzeihen Sie die Schrift danach – ich muß schliessen.
Herzlichen Gruss von meiner Frau
Ihr
Robert Schumann.

  Absender: Schumann, Robert (1455)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Taubert, Wilhelm (1575)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 707-711
 



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