15.07.2019

Briefe



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ID: 7137 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 03.11.1842
 

Verehrtester Freund,
gestern sagte mir Jemand, der noch die neueste Nummer Ihrer Zeitschrift f. Msk. gesehen hatte, er habe in derselben bis jetzt noch nichts über die Aufführung meiner Oper „Rienzi“ in Dresden gelesen. Ich gestehe, daß mich diese Nachricht sehr betrübte, da ich nicht weiß, auf wessen Theilnahme ich zählen soll, wenn ich es auf die Ihrige nicht können sollte. Wie kommt dieß aber? Es wird Ihnen doch sonst aus Dresden berichtet, – warum nun nicht über eine Erscheinung, die – ganz unparteilich betrachtet – doch in jeder Hinsicht Aufsehen hier gemacht hat? Soll ich Ihnen zu meiner Beglaubigung nennen, daß (– hier unerhört –) bei der ersten Aufführung der Komponist viermal, – bei der zweiten zweimal gerufen worden ist? Daß bei der dritten Vorstellung der Komponist es gewaltsam ablehnen mußte, dreimaligem Herausrufen zu gehorchen, da er diese Ehre nur noch den Sängern zugewiesen wissen wollte? Soll ich erwähnen, daß meine Oper fortwährend noch bei erhöhten Preisen gegeben wird, u. daß demohngeachtet für die nächsten Vorstellungen keine Billete mehr zu haben sind? – Ich weiß, dieß Alles sind Dinge, die mit dem Werthe meiner Arbeit nichts gemein zu haben brauchen, u. halte mich für beschämt, daß ich es nöthig zu haben glaube, sie Ihnen aufzuzählen. Ich bin in leidenvollen Zeiten, wo die Kunst mein einziger Trost blieb, Künstler genug geworden, um nicht in die Befriedigung der Eitelkeit mein einziges Heil zu setzen; wem aber daran gelegen sein muß, auch etwas zum Leben zu haben, der kann sich nicht ganz allein mit dem Bewußtsein beruhigen, redlich gestrebt zu haben.– Ich hätte daher sehnlich gewünscht, Sie selbst bei einer Vorstellung meiner Oper zugegen zu sehen, u. könnte sich dieser
mein Wunsch noch für Morgen, Freitag – zur 4ten Vorstellung meiner Oper verwirklichen, so würde ich dadurch sehr glücklich gemacht werden. Daß die für Sie entstehenden Unkosten eines solchen Besuches auf mich fallen würden, habe ich wohl nicht erst zu erwähnen nöthig
Eines muß ich Ihnen aber noch erwähnen, weil ich es wirklich für Außerordentlich halte: die Dresdener General-Direktion hat mich so eben aufgefordert, ihr auf das schleunigste die Partitur meiner anderen Oper „– der fliegende Holländer –“ zu liefern, da sie beabsichtigt, diese Oper sogleich u. unmittelbar nach „Rienzi“ ebenfalls in Scene zu setzen; da sie einem ganz anderen Genre (– dem rein romantischen –) angehört u. in sehr kurzer Zeit studirt werden kann, habe ich eingewilligt, u. so wird sie schon Anfang December hier zur Aufführung kommen, jedenfalls also eher als in Berlin, wo erst Lachner’s Oper heraus muß, ehe an die meinige gegangen werden kann. – Könnte ich doch die Dresdener Aufführung meiner Opern nach Leipzig versetzen!
Genug! Sie werden fühlen, was mir auf u. an dem Herzen liegt! Seien Sie mir nicht böse wegen meiner Zudringlichkeit u. erhalten Sie freundschaftliche Gesinnungen
Ihrem
ergebensten
Richard Wagner

Waisenhaus-Straße. No 5.

Dresden, 3 November 1842.

  Absender: Wagner, Richard (12918)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 71ff.
 



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