15.07.2019

Briefe



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ID: 7145 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 21.09.1843
 

Verehrter Freund,
ich habe nun immer gehofft Sie eines Tages in Dresden begrüßen zu können, wo Sie Ihrem letzten Briefe gemäß diesen Sommer eine Zeitlang sich aufhalten wollten: in dieser Voraussicht ließ ich den eben erwähnten Brief unbeantwortet, u. muß nun endlich, da ich ersehe, daß meine Hoffnung nicht in Erfüllung gegangen ist, wieder mit dem Schreiben anfangen. – Und zu schreiben habe ich wiederum nichts, als mein Bedauern auszudrücken, daß ich mich nicht einmal bei einem längeren persönlichen Umgang mündlich über Mancherlei habe besprechen können. Zumal hätte ich gern
etwas von Ihren neuen Compositionen, u. davon nun wieder hauptsächlich Ihre Peri kennen gelernt: ich gestehe, daß Sie mich schon mit der bloßen Nachricht u. der Nennung Ihrer Composition lebhaft erfreut haben. Ich kenne dieses wundervolle Gedicht nicht nur, sondern es ist mir auch schon durch meine musikalischen Sinne gefahren: ich fand aber keine Form, in welcher das Gedicht wiederzugeben sei, u. wünsche Ihnen daher nun Glück, die richtige gefunden zu haben. Sie haben Recht! Der Conzertsaal, wenn Ihr ihn so ausstattet wie in Leipzig, kann noch der einzige Zufluchts- oder Cultus-Ort der Musikalischen Kunst werden! Am Theater verzweifle ich fast, trotz meiner Erfolge auf demselben! Was wird nicht Alles auf diesen verfluchten Bretern [sic] applaudirt! Kann man sich auf einen dort errungenen Erfolg etwas zu gut thun? – Kaum! Bei dem Theater ist es das Unglück, daß das Publikum aus Leuten besteht, die 1 Thr. 8gr. – 16 Gr. – 8 Gr. u. 4 Gr. zahlen! Bei Euren Conzerten zahlen alle 16 Gr. – das ist ein großes Glück; Ihr habt es mit Einer Classe zu thun, u. wir mit vielen, wovon die 1 Thr. 8 Gr. Classe die schlechteste u. die 4 Gr. Classe nicht die beste ist. Es ist ein Grauen, für ein solches Gemisch Musik machen zu sollen, u. die einzige Rettung ist, sich gar nicht um sie kümmern.
Seien Sie glücklich mit Ihrer Peri, ich begleite sie mit meinen besten Wünschen. – Sobald die Aufführung bestimmt ist, sind Sie wohl so gut, mich davon wissen zu lassen; denn, wenn es mir eine Möglichkeit ist, so komme ich dazu nach Leipzig.
Ich habe seit meinem „Liebesmahl“ nicht eine Note gemacht: sowie ich nun hier häuslich eingerichtet bin geht es erst mit meinem Tannhäuser los. Von Wien auch habe ich nun wieder die erneuete Aufforderung erhalten zu einer Oper für 1844–45; ich soll meinen Süjet-Entwurf einschicken: seit 6 Wochen zögere ich nun schon damit! Ein wahres Grauen hält mich ab, mich mit diesem verwahrlosten Wien einzulassen! Gehört denn diese Stadt noch zu Deutschland? – Es ist mir grade als sollte ich eine Oper für Klein Asien schreiben
Lassen Sie bald etwas von sich hören! Wie läßt sich Hiller an? Vergessen Sie nicht mir zu schreiben wann die Peri aufgeführt wird!
Leben Sie wohl u. behalten Sie in gutem Andenken
Ihren
Richard Wagner.

Dresden, 21 Sept. 1843.

  Absender: Wagner, Richard (12918)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 90ff.
 



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