19.12.2019

Briefe



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ID: 7158 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 14.02.1843
 

Dienstag den 14ten Februar 1843.
Lieber Freund!
Gestern Abend ist Ihre Sinfonie glücklich vom Stapel gelaufen. Die Aufführung war, denk’ ich, eine sehr gute. Ich hab’ mir wenigstens alle erdenkliche Mühe gegeben, die Stimmen vorher mit genauen Bezeichnungen für den Bedarf des hiesigen Orchesters versehn, zwei sorgfältige Proben gehalten, u. s. w. Sollte ich Ihnen den Erfolg nach dem Quantum des äußern Beifalls bestimmen, so wäre er allerdings ein geringer gewesen. Allein ich glaube, daß das poetische, frische Leben Ihrer Sinfonie dennoch, namentlich bei dem jüngern beweglichern Theile der Zuhörerschaft (den man den durch die Classicität noch unverdorbenen nicht mit Unrecht nennen könnte) einen nachhaltigeren Eindruck zurückgelassen hat. Sie glauben nicht, wie zäh einige unsrer alten fest an die klassische Periode sich anhäkelnde Kenner sind, wie sträubsam und bequem alles unbequeme Neuere abwehrend. Es hat meinerseits wahrlich Muth bedurft, einen unserer Sinfoniewelt unbekannten Namen, der anders als Haydn, Mozart, Beethoven, klingt, vorzuführen. – Was mich betrifft, so habe ich große Freude an Ihrem Werke gehabt. Allerdings gefiel mir am Klavier u. beim Lesen der letzte Satz zuerst am wenigsten, doch änderte sich mein Urtheil nach der ersten Probe vollständig. Der letzte Satz hat auch, so wie das Scherzo, über dessen Schluß sich die Leute höchlichst verwunderten, unbedingt am meisten gefallen. Wenn ich in diesem Werk einen staunenswerthen Fortschritt gegen Ihre früheren bemerke, so spricht es zugleich so bestimmt, Ihre schönere Zukunft aus, daß ich mich recht herzlich auf Ihre neuen Sachen freue, u. Sie namentlich bitte, mir Ihre neusten ClavierSachen mit begleitung, sobald sie erschienen, freundlichst mitzutheilen. Sie sind um die Muße, die Sie doch nothwendig zu den vielen Arbeiten, haben müssen, zu beneiden. Mir geht es schlimmer. Ich komme sehr wenig zur Arbeit. Die Früchte des vorigen Jahres, meine Operette, eine Festcantate zum Geburtstag des Königs, ein Festspiel zur hundertjährigen Einweihung des Opernhauses, sind nur den Berlinern bekannt geworden. Nun ring’ ich von Tag zu Tag nach Luft, um einmal wieder ordentlich Schmerz u. Lust aussingen zu können. Viel Angefangenes ist da, viel Pläne durchkreuzen den Kopf, allein bei aller Herzenswärme, ich bin Musikdirector, Stundengeber, Familienvater, mit einem Wort, geplagter Mensch. Indessen es wird wohl so sein müssen! Ich murre nicht. An Götterstunden fehlts dennoch nicht. Die Montagssinfonieaufführungen die mich alle 4 Wochen treffen, gewähren solche, und entschädigen mich für das gewöhnliche Theaterjammerthal. Wir haben einige vortrefliche Aufführungen gehabt. Unter günstigen Verhältnissen soll es auch noch besser werden. Jetzt ringen wir uns die Zeit dazu mühselig ab. Das Orchester u. die Dirigenten wechseln, u. manches Andere widerstrebende. Doch liefern wir jetzt sehr, was Berlin bis jetzt noch nicht gehabt hat. So gern wär ich zum Donnerstag den 15ten zu der 9ten Sinfonie zu Ihnen herüber gekommen, um durch Ihre Aufführung einen Maaßstab für den Werth der unsern zu bekommen. Allein ich kann nicht los. Wollen Sie so gut sein, und mich bei Voigt entschuldigen, der mich freundlichst eingeladen, und mich vielleicht erwartet? Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Darf ich Sie ferner bitten, einliegenden Brief gefälligst auf die Post zu schicken? – Die Partitur erhalten Sie mit schönstem Danke zurück. Die Stimmen müssen Sie mir aber schon lassen, als eine Belohnung für den Fleiß, den ich endlich auf Ihr Werk verwendet habe. Empfehlen Sie mich doch aufs Beste Ihrer lieben Frau, gedenken Sie mein, u lassen Sie mich bald wieder etwas von sich hören. Mit freundlichsten Grüßen
Ihr W. Taubert.
Hausvoigteiplatz 11.

[BV-E, Nr. 2500]

  Absender: Taubert, Wilhelm (1575)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  SBE: II.17, S. 714ff.
 



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