25.02.2022

Briefe



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ID: 7266
Geschrieben am: Donnerstag 22.04.1841
 

Dresden, am 22. April 1841.
Leider muß ich Ihnen,
verehrtester Herr Doctor!
schon wieder einige Zeilen von meiner schlechten Handschrift zu lesen zumuthen. Da es nämlich nicht ganz undenkbar ist, daß Sie aus meiner Er¬zählung der Naumanns-Feier etwas zum Drucke brächten, so wird mir zur Pflicht gegen Sie, gegen das Publicum und gegen die Dreyssig’sche Aka¬demie der Widerruf eines Irrthumes, in welchen ich schuldlos verfallen; denn er beruhte auf der Versicherung eines der Fest-Ordner. Das von mir erwähnte Portrait Naumanns war nämlich nicht jenes der Dreyssig’schen Akademie, mag vielleicht eher von Naumanns Söhnen aus Freiberg mit¬gebracht worden worden seyn. Augenscheinlich ward mir gestern abends mein Irrthum bei einer Aufführung der Akademie, die, als eine musikge¬schichtliche, mein ganz besondres Interesse erregte. Man sang nämlich
1., Palestrina’s Stabat Mater. Bei aller Schönheit in den Ideen und selbst nach Maßgabe seiner Zeit in der Ausführung, verlangt es doch aller¬dings einen besondern Liebhaber alter Musik, wie sich dieß auch sogleich in seinem Anfange ausspricht, den unsere Zeit, nach dem modernen Tonsysteme, nothwendig für falsch, ja für wi¬dersinnig nehmen muß. Ja, ich möchte beinahe gar noch die Frage wagen: ob denn ein Lassus oder ein Gallus, Zeitgenossen von Palestrina, solche Härten gutgeheissen? Was ich von diesen beiden hörte, ingleichen Walthers, Luther und Senfls Gesänge, hat so arge Härten nicht, sondern steht einem Lotti, |2| Scarlatti, Kuhnau und Keyser schon näher, als Palestrina diesen stand. Welche Aehnlichkeit mit Lotti’s Crucifixus bietet nicht schon des Gallus Ecce quomodo moritur dar, und doch setzte Gallus es eher, als Palestrina sein Stabat. Ein einziges Mal neigt sich dieses auch zur melodischen Behandlung hin. Sonderbar ist auch, mit wenigen Ausnah¬men, der gänzliche Mangel an Pause oder an Orgelpunct zwischen den Versen.
2., Lotti’s 8stimmiges Crucifixus: eine Numer von wahrhaft himmli¬scher Schönheit, zugleich in reiner Intonation und im Heben und Senken der Stimmen von der Akademie unübertroffen vorgetragen. Interessant wäre doch die Kunde, wann und wo (ob in Venedig oder Dresden) Lotti dieses hohe Meisterwerk, die Krone jenes Abends, gesetzt; und zu wün¬schen, daß wir einst die Misse, der es <zu> entnommen, ganz zu hö¬ren bekämen. Nach Kandlers sicherstem Berichte war Lotti 1684 noch Legrenzi’s Schüler, ward 1693 Oberorganist der Marcuskirche, kam 1718 nebst seiner Gattin, der Prima-Donna Santa Stella, nach Dresden, wich aber hier schon nach wenigen Jahren der Cabale seiner Landsleute, ward 1736 Capellmeister jener Kirche, und starb 1740. Im Texte für das akade¬mische Concert fand ich sehr abweichende Angaben.
3., Bach’s Motette: Singet dem Herrn ein neues Lied, steht Lotti würdig zur Seite, ist jedoch mehr für den Verstand, jenes Crucifixus mehr für das Gefühl geschrieben. Die Verbindung des Quartetts mit dem Cho¬ral muß überall Triumphe feiern.
4., Haydn’s insanae et vanae curae sind mehr hübsch, als schön, und wenn auch Grundidee und Anlage nicht anzugreifen sind, so herrscht doch in der Ausführung offenbar zu viel |3| Haydnische Spielerei. Er¬habener zwar tönt
6. Mozarts Motette: ne pulvis et cinis, aber doch nicht im wahren Kirchentone, um so weniger, da man durch Einzelheiten sich an die Zau¬berflöte und den Don Juan erinnert fühlt. Gewiß würde Naumann etwas, zwar vielleicht wieder originelles, aber schöneres und würdigeres daraus gemacht haben.
7. Reissigers „es ist ein Roß entsprungen“ versucht, gleich seiner kanonischen Misse, die Wiedereinführung des ältern Styles unter Ver¬meidung seiner Härten, um diejenigen Schönheiten desselben geltend zu machen, die der modernen Musik allerdings unerreichbar bleiben. Dieser Versuch scheint mir meisterhaft, ja in der Schmiegsamkeit der Stimmen und Töne noch mehr, als bei jener Misse gelungen, und das Stück ist zu¬gleich ein treffliches Studium für den Chorgesang.
8. Mendelssohns 114ter Psalm machte den würdigen Beschluß. Vielleicht kann man den Auszug aus Aegypten zu lang ausgedehnt, viel¬leicht die gleiche Tonmalerei nicht passend für das fliehende Meer und die hüpfenden Berge finden; aber besonders vom Verse „Was war dir“ an, gehört dieser Psalm gewiß zum Erhaben-Schönsten, was unsere Zeit aufstellte, und wird nirgends des hier erregten Enthusiasmus verfehlen.
Mit schönstem Grusse
Ihr
gehorsam-ergebenster
Albert Schiffner.



Schiffner, Albert an RS o.O. u. D.
Corr., Bd. 12, Nr. 2099c


Verehrtester Herr Doctor!

Ihre gütige Erlaubniß zu Berichten über Dresdens Musikwelt rechtfertigt meine Hoffnung, daß Ihre, wenngleich nicht Alles,
doch das Auszulesende und nach Ihrem Gefallen zu Kürzende auf den Beilagen zusagen werde. Vielleicht hätte ich es länger anstehen lassen; aber dann wäre sehr zu besorgen, daß in dieser musikalischen Jahreszeit der Stoff mir unversehends über \dem/ Kopfe zusammenschläge, und so muß ich dem Sprichworte nachgehen: besser ein Getheiltes, als ein Gedarbtes. Dem Darben in andrer Hinsicht kann man ohnehin nicht entgehen; und wenngleich nun endlich <?> eine ziemlich sichere Aussicht da ist auf eine, auch wieder besondere Kunde und meinem von jeher sehr speciellen Wunsche entsprechende Anstellung im Statsdienste (wobei aber unser, für mich so erwünschtes Verhältniß keineswegs eine Aenderung zu erfahren braucht): so sehr ich doch – ja vielmehr gerade deßhalb – mich zur Zeit in so argen Geld-Verlegenheit, wie vielleicht noch nie im Leben, so daß auch der kleinste Vorschuß oder Abzahlung mir hoch willkommen seyn und meinen herzlichsten Dank veranlassen würde. Sehen Sie zu, ob das ohne besondere Schwierigkeiten sich machen würde. – Mit der Bitte, Ihrem Wohlwollen empfohlen zu seyn läßt Musikdirector Hartung anfragen: ob (geschrieben oder gestochen) wohl die Partitur zu Ihrer Symphonie an ihn gelangen könne? Er wünscht sehr, dieselben hier zuerst in einem seiner Abonnementsconcerte aufführen zu können, kann aber das Dirigiren eines großen Werkes aus einer blosen
Stimme von jeher nicht leiden[?], weßhalb er auch sich selbst eine wirklich erstaunliche Menge von Musikstücken in Partitur geschrieben, und noch mehr Geld auf den Ankauf gewendet hat in
Fällen, wo Andere an seiner Stelle die Ausgaben gemieden haben würden. – Anjetzt[?] habe ich mich an eine Arbeit für die (langen Abende gemacht, indem ich das grosse Zelenka’sche Glor[ia] mit den wahrhaft Bach’schen 7stimmigen fugen, mit den nöthigen Abänderungen (indem Zelenka 1712 noch die Gesetze der Kirchent[on-]arten befolgte) und blos für [Notenbsp.] = Schlüssel arrangirt aufschreibe. Sollte dieses herrliche Werk, eines Bach würdig (aber vor Bach geschaffen) nicht vielleicht einen Verleger zum Druck finden? Und wenn Sie das meinen: an wen hätte ich mich wohl am besten zu wenden? Jene Fuge (Qui tollis – ) zu singen, will ich die Dreyssig’sche Akademie zu animiren suchen, da sie in ihre[n] historischen Aufführungen bisher noch nichts von Zelenka gebracht hat: gewiß unter den Classischen einem der beachtenswerthesten Meister. – In Erwartung gütiger Antwort Ewr. Wohlgeboren

ergebenster Albert Schiffner.

[Quer am vorderen Seitenrand:
pscr. Sie erhalten hierbei auch Ihres sel. Herrn Vaters letzte schriftstellerische Arbeit. Auch mir zwar war sie sehr werth, sicherlich aber gehört sie vielmehr in des Sohnes, als des blosen literarischen Genossen Hände.
[f.2: ]
Als eine Nachschrift zum Gestrigen wollen Sie, [ ? ] Herr und Freund! die folgenden zwei Zeilen nehmen. Wie Ihnen augenblicklich wohl ebenfalls bekannt seyn wird, ist nämlich unser Morlachi auf seiner Reise nach Italien, wo er sich vollends herstellen wollte, bei Innsbruck gestorben. Nun habe ich aber – und zum Theil aus seinem eigenen Munde, da
ich ihn so viel zum Tischnachbar hatte – über ihn viel schriftlich angesammelt, so daß ich, wenn ich dieses in einen kurzen Auszug brächte, wohl etwas geben könnte, was den gerechten Anforderungen der Leser entspräche. ich wollte demnach anfragen, ib dieses Ihnen so genehm wäre? Und auf diesen Fall: wieviel Raumes in der Ztg. Sie mir auf das Höchste dazu verwilligen könnten? Denn Sie werden selbst erachten, daß es hier nicht wohl thunlich für Sie seyn würde, wenn Sie hinwiederum meinen auszug abkürzen wollten, darum soll und muß er Ihnen gleich von mir aus nicht zu lang kommen.

Mit hochachtungsvollster Ergebenheit
der Ihrige
Albert Schiffner.


Nb; O, daß Mendelssohn nur noch bis jetzt in Leipzig geblieben wäre! da wäre wohl nun kein Zwist, daß Sachsen ihn behielte!

Noch bitte ich, in meinem Vorigen den Ausdrucke „der jungen Amalia Butze“ (den ich, glaube ich, gebraucht) zu verwandeln in: Fräulein A. Butze. Denn der hochmüthige Narr, Herr Nass, der ihren Protector macht, könnte mir’s wieder übel nehm[men.] eigentlich nennt man aber 13 – 14jährige Mädchen nicht Fräulein.

  Absender: Schiffner, Christian Albert (1340)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (1455)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 22
Robert und Clara Schumann im Briefwechsel mit Korrespondenten in Dresden / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Carlos Lozano Fernandez und Renate Brunner / Dohr / Erschienen: 2021
ISBN: 978-3-86846-032-2
486-489

  Standort/Quelle:*) PL-Kj, Korespondencja Schumanna, Bd. 12 Nr. 2099 b
 
*) Die Auflösung der Kürzel für Bibliotheken und
Archive finden Sie hier: Online Directory of RISM Library Sigla
 
 



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