19.12.2019

Briefe



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ID: 7377 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 03.03.1853
 

Dresden, 3. März, 1853.
Verehrter Mann!
Wie sollte ich Sie jemals vergessen haben! Nur mancherlei Widerwärtigkeiten und Hindernisse konnten der Grund meines langen, fast ungezogenen Schweigens sein, – desto beschämender traf mich Ihr zweiter liebenswürdiger Brief. Verzeihen Sie mir! Ich wollte nicht gern mit leeren Händen kommen, und doch war es unmöglich, so schnell, als ich wünschen mußte, ein Resultat Ihnen vorlegen zu können. Jetzt ist mein Wunsch wenigstens theilweise erfüllt, und ich kann doch Etwas bringen. Weber, der Sie auf’s Herzlichste grüßen läßt, bittet zunächst mich, der Dolmetscher seiner Gedanken zu sein. Er ist im Begriff, eine große Reise nach Südfrankreich und den Pyrenäen anzutreten, die manch wissenschaftliche und künstlerische Ausbeute hoffen läßt, ihm aber jetzt unmöglich macht, in Ihren und meinen Wunsch eines gemeinsamen Wirkens direkt einzugehen. Er wollte mindestens das Ihnen selbst mittheilen, aber auch dazu gebricht ihm Ruhe und Zeit. Ich habe deshalb eine Vermittelung vorgeschlagen, in die Weber eingeht, und es ist nun die Frage, ob auch Sie darauf eingehen würden. Zu einer neuen größeren Dichtung, speziell für musikalische Zwecke, kann Weber leider nicht so bald gelangen. Es handelte sich nun darum, die geeignete Dichtung früherer Zeit zur Composition auszuwählen und geschickt zu machen.
Die Dichtung war bald gefunden, aber die nöthige Umarbeitung und der musikalisch-dramatische Zuschnitt erfordert mehr Zeit, als Weber jetzt zur Disposition hat. Er hat daher vorläufig die Dichtung mir überlassen, mich zur Bearbeitung autorisiert und die Abänderung und Erweiterung des Planes mit mir gemeinsam berathen. Das Resultat davon lege ich hier bei, mit der Frage, ob Sie gesonnen sind, sich dieses Stoffes zu bemächtigen, und mit uns gemeinsam die weitere Ausführung vorzunehmen. Daß viele musikalische Elemente darin liegen, ist keine Frage, ob aber der Gegenstand Ihnen genehm, ob der Plan zu weit oder zu eng, die Eintheilung erwünscht ist, etc. das möchten wir erst von Ihnen erfahren. Die im Plan ausgeführten Verse sind meistentheils (mit Ausnahme der Chöre) von Weber, u. aus der Originaldichtung entnommen. Die Pause deutet an, wo poëtische Ergänzung nöthig sei, die noch nicht vorliegt. Es ist möglich, daß, wenn Sie mit mir über Plan mit Anlage sich ausführlich verständigt haben, Weber nach seiner Zurückkunft die Ausführung selbst übernimmt. Doch wahrscheinlicher ist es, daß sie mir überlassen bleibt. Es ist die Frage, ob Sie damit zufrieden sind? Daß ich mit möglichster Pietät dabei zu Werke gehen würde, wissen Sie; so daß jedenfalls der größte Theil der Dichtung Webers Eigenthum bliebe.
Im Fall Sie nun auf den Plan eingehen, bitte ich das Ihnen heute gesandte Breviller mit Notizen zu versehen, und mir zurückzusenden, sobald Sie können. Ich kann mich dann sogleich an die Arbeit machen. Auch im Falle, Sie auf die Dichtung nicht reflektiren, bitte ich um Rücksendung dieses ersten Entwurfes.
Die Zeitungen sagen mir, daß Sie im Lauf des März gesonnen sind, Leipzig zu besuchen. Können Sie mir nicht mittheilen, wann Sie sicher dort sein werden? Wäre es Ende März, so könnte ich, wie im vorigen Jahre, Sie in Leipzig aufsuchen, und dann das Weitere mündlich verhandeln. Ist denn aber keine Aussicht, daß Sie auch Dresden besuchen? Sie werden hier mit Sehnsucht erwartet und ein Conzert von Ihnen würde mit Enthusiasmus begrüßt werden. Was ich dabei – geschäftlich oder sonst thun könnte, das geschähe ja mit tausend Freuden, um Sie auch einmal hier zu haben. Ihr ehemaliger Gesangverein, noch immer verwaist, hofft auf Sie, wie auf seinen Messias. An Pfretzschner hätten Sie auch die thätigste vorbereitende Unterstützung! –
Doch dem sei, wie ihm wolle, so wäre ich schon zufrieden, wenn es mir vergönnt wäre, Sie in Leipzig zu sehen. Ich verbinde damit noch mancherlei Bitten. Zunächst handelt es sich um Bearbeitung des Uhland’schen „Glückes von Edenhall“. Ich gehe mit Freuden darauf ein, wie auf Alles, wozu Sie mich auffordern. Es hat mir sehr Leid gethan, daß die Bearbeitung des Geibel’schen Balladencyclus einem Anderen zufiel, da ich Sie namentlich schon lang darauf aufmerksam gemacht hatte und auf diese Arbeit mich freute! Doch gleichviel – es kommt nun darauf an, was aus dem „Glück von Edenhall“ zu machen wäre. Ich sehe darin nicht klar, und verstehe Sie noch nicht ganz. Ich bitte also um weitere Mittheilungen. Seien Sie versichert, daß ich thun werde, was ich kann. – Drittens bitte ich um die Harfenparthie zu „Sängers Fluch“. Vielleicht bringen Sie dieselbe nach Leipzig mit. Wenn es nur irgend möglich ist, und die Zeit der Aufführung im nächsten Herbst einigermaßen bestimmbar ist, kommen wir sehr gern. Je eher wir die Harfenparthie erhalten, desto besser. Auch wegen des Textes möchte ich gern noch einmal mit Ihnen sprechen. Sie haben Striche u. Aenderungen vorgenommen, die zwar rhythmisch, aber, soweit ich mich erinnere, nicht gereimt sind, während die ganze Dichtung gereimt ist. Um also die Harmonie hierin herzustellen, und nicht den Vorwurf der ungleichen Bearbeitung, der nur mich trifft, später erleiden zu müssen, bitte ich Sie, mir eine Abschrift der Textstellen, die Sie geändert haben, zukommen zu lassen, oder sofern es möglich ist, die Partitur nach Leipzig mitzubringen und mir den Einblick zu verstatten.
Ferner ersuche ich Sie um gelegentliche Rücksendung der kleinen Manuscripte, die Sie noch von mir haben – soweit Sie Ihnen noch zur Hand sind. Dies gilt namentlich von der ersten Bearbeitung des Luther, die ich nöthig habe zum Weiteren – und von den lyrischen Gedichten, die ich jetzt sammeln und nochmals überarbeiten will. Endlich sende ich Ihnen 2 Fortsetzungen Eichendorff’scher Gedichte, mit der Anfrage, ob Sie gesonnen wären, sie Ihren Liedern unterzulegen? Whistling ist dazu bereit. Haben also die Fortsetzungen Ihren Beifall, so bitte ich, sie diesem mit Ihren musikalischen Andeutungen zuzusenden. Er wartet darauf.In der freudigen Hoffnung, bald von Ihnen zu hören, oder Sie zu sehen, seien Sie vielmals gegrüßt von Ihrem treuen Verehrer R. Pohl.

Meine Frau grüßt freundlichst Sie und Ihre verehrte Gemahlin.
Einen neuen Plan(zu Luther)(kurz und ausführbar) würde ich Ihnen nach Leipzig mitbringen oder senden können, wenn es bis Ende März Zeit damit hat.

  Absender: Pohl, Richard (1194)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Schumann, Robert (14753)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
400-403
 



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