15.07.2019

Briefe



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ID: 7450 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 14.01.1888
 

Frankfurt a/m. 14. Jan. 1888.
Liebes Fräulein Wendt!
So lange verschob ich es, Ihre lieben Wünsche zum neuen Jahr zu erwiedern, aber es kam mir so furchtbar Vieles in dieser Zeit, daß Sie Nachsicht haben müssen. Obgleich so spät, sind meine Wünsche für Sie und die liebe Freundin, der ich mit Ihnen herzlichst danke, nicht minder innig. Diesen Wünschen füge ich nun noch heute den wärmsten Dank für alle Ihre Bemühungen für Julie hinzu. Sie werden wohl schon erfahren haben, daß der Zufall es wirklich gefügt, daß eine Stelle frei geworden, die mir Herr Schulrath Gruhl in freundlichster Weise anbietet. Ich habe sie angenommen, Ihnen darf ich es wohl sagen, mit nicht leichtem Herzen, obwohl ich ja überzeugt bin, daß es zu Juliens Glücke ist. Das Kind fing an, sich im Charakter netter zu entwickeln, was wir vor Allem der Dame, bei der sie jetzt ist, zu danken haben, auch machte sie Marien durch ihre musikalischen Fortschritte Freude; auch haben wir uns doch an das Kind attaschirt und fühlen dies jetzt, wo es die Trennung gilt, doppelt. Ein höchst beruhigender Gedanke sind Sie, liebes Fräulein, uns und, nicht wahr, Sie nehmen sich des Kindes in der Musik an? Ich schrieb an Fräulein Henne inliegenden Brief, den ich Sie bitte, derselben zu übergeben, und frug vor Allem an, ob es möglich sein würde, daß Julie täglich zwei Stunden üben dürfe. Die Musik ist nun doch mal das, worauf sie später angewiesen ist. Ferner frug ich auch, ob sie ein Pianino haben müsse. Sie sprechen wohl einmal mit Fräulein Henne über Dieses.
Aus dem Prospect haben wir das Nöthige ersehen, nur versteht Marie nicht, was das mit den wollenen Frisirmänteln ist; sollen dies Jacken sein, weiß, lang oder kurz? Mir kommt dies sehr unpraktisch vor, denn Wolle läuft ja so sehr ein. Dann läßt Sie Marie fragen, ob die Mädchen die Kleider, die sie eben haben, auftragen können, oder ob sie gleich die dortige Tracht tragen müssen? (diese Frage unter uns.)
Nun habe ich noch die besondere Bitte, daß Sie mit Fräulein Henne sprechen, daß ich nicht gern möchte, daß mein Sohn schon jetzt von der Sache erführe, da es ihn sehr aufregen würde, und er möglicherweise fort drängen würde aus der Anstalt, um Julie hier zu sehen; dies wäre aber ein großer Schaden für ihn, denn der Arzt schreibt mir, daß er durchaus noch einige Monate unter Aufsicht wegen des Morphiums sein müsse. Seit einem Monate ist er es los, und sein Befinden hat sich bedeutend
gebessert, auch der Gelenkrheumatismus; um so mehr ist zu wünschen, daß er noch einige Monate in B. aushält. Nun ist aber noch Etwas, worüber sie vielleicht auch einmal mit Fräulein Henne sprächen, da Sie die Verhältnisse ja kennen. Ich fürchte nämlich so sehr den Einfluß der Mutter auf Julie, wenn sie so oft hingeht, und ich möchte wissen, ob es nicht möglich wäre die Besuche bei derselben zu beschränken; ich habe es immer für ein Glück gehalten, daß Julie hier dem Einflusse der Mutter ganz entzogen war. Dies bekümmert mich, und ich möchte einen Ausweg finden können, und wäre es nur der, daß sie nur alle vierzehn Tage zur Mutter ginge, vielleicht die andern Sonntage zu meinem Bruder oder Schwester. Nicht wahr, Sie haben uns gesagt, daß die Kinder alle acht Tage ausgehen dürfen?
Nun aber zu etwas Anderem: Fürerst Dank für die hübsche Photographie und im Voraus für die Gedichte der Villinger, auf die ich mich sehr freue.
Von meiner Freundin aus München erfuhr ich, daß sie und ihre Nichte, die ganze Familie Oldenburg sich hatten Alle bei ihr photographiren lassen, und es war so gelungen, daß es Viele nach sich zog; es freut mich einen kleinen Antheil daran zu haben. Ich hatte meiner Freundin von dem neuen Unternehmen erzählt, und traf sie auch im Herbst einmal bei mir Allgäuer, der ihr auch davon sprach. Es freute mich aus Ihrem Briefe zu ersehen, daß es wirklich mit dem Unternehmen voran geht.
Nun in aller Kürze noch, daß ich vorgen [sic] Dienstag in Stuttgart Chopin’s Conzert mit großem Erfolge gespielt. Ihnen kann ich es wohl sagen, daß die Leute ganz außer sich waren. Wie es mit England steht, kann ich Ihnen noch nicht mittheilen, daher auch nichts über Berlin; sobald ich selbst es weiß, erfahren Sie es. Und nun herzliches Lebewohl Ihnen und Ihrer lieben Freundin.
Getreu Ihre
alte
Clara Schumann

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  SBE: II.14, S. 161-164
 



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