19.12.2019

Briefe



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ID: 7462 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 28.04.1888
 

Frankfurt a/m. 28/4.
Liebes Fräulein!
Wieder habe ich für einen lieben Brief Ihnen zu danken. Außer diesem Danke führt mich aber heute noch eine andere Angelegenheit zu Ihnen. Julie hat nämlich vorge [sic] Woche an meine Tochter Sommerhoff geschrieben, daß die Mädchen in der Schule alle acht Tage nach Hause gehen dürften, sie aber dürfe es nur alle vierzehn Tage, weil die Großmama es nicht wünsche. Dies hat mich sehr erschreckt sowohl dem Kinde, als den Eltern gegenüber, und ich begreife dies gar nicht, weil Frl. Henne mir schrieb, sie habe der Mutter gesagt, sie schicke das Kind jetzt nur alle 14 Tage, damit es sich erst besser in die Schule einlebe. Ich bitte Sie nun, veranlassen Sie, daß diese Maßregel zurückgenommen werde, da das Kind ja noch viel zu unverständig ist, um meine Gründe zu begreifen. Also, bitte ich sie, wie alle Andern alle 8 Tage zu den Ihrigen gehen zu lassen; mit der Zeit macht es sich doch vielleicht, daß sie auch einmal einen Sonntag zu ihrem Onkel, oder später Tante, gebeten wird. Ich muß darauf vertrauen, daß doch vielleicht der Instinkt, oder vielmehr der Einfluß ihres hiesigen Aufenthaltes sie leitet. Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Sie dies Frl. Henne vorsichtig mittheilen, ich möchte diese um Gottes willen nicht beleidigen. Sie könnten ja nur sagen, ich hätte mir die Sache auf Juliens Brief hin anders überlegt.
Von mir kann ich Ihnen heute nicht Erfreuliches mittheilen; es soll morgen unser neues Schulgebäude in dem wir einen schönen, kleinen Conzertsaal haben, eingeweiht werden. Seit drei Monaten war ein Conzert in dem ich das Schumann’sche A-moll Conzert spielen sollte, festgesetzt; da bekomme ich heute eine so heftige Neuralgie im Arme, daß an spielen nicht zu denken ist; Sie können begreifen, wie schmerzlich es mir grade bei dieser Gelegenheit ist, zu fehlen; ich sage mir nur immer vor, daß mir den ganzen Winter doch Alles so gut geglückt ist, u. ich diese kleine Prüfung geduldig hinnehmen muß – Wenn sie nur nicht gar zu lange dauert! Dieses Leiden ist bei mir stets sehr hartnäckig.
Für heute schließe ich; unsere Reise nach Franzensbad entscheidet sich wohl nach den Nachrichten, die wir wegen des Logis von dort erhalten.
Die kleinen Erzählungen von der Villinger haben mir sehr gefallen – welch ein feines Gefühlsleben spricht daraus!
Ade Sie lieben Beiden.
Ihre
herzlich ergebene
Clara Schumann.

Wollen Sie inliegende Zeilen an Frl. v. Beaulieu geben?
Werden die Briefe der Zöglinge gelesen? Bitte beantworten Sie mir dies gelegentlich.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Wendt, Mathilde (1688)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 14
Briefwechsel Clara Schumanns mit Mathilde Wendt und Malwine Jungius sowie Gustav Wendt / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2011
ISBN: 978-3-86846-025-4
172f.
 



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