15.07.2019

Briefe



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ID: 7537 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 27.12.1867
 

Frankfurth a/m1 d. 27 Dec. 1867.
Liebe, verehrte Freundin,
ich meine immer es braucht keiner Versicherung mehr, wie ich Ihnen Beiden treu anhänge, und nun ist es, leider! doch nicht an dem! Sie trauen mir zu, daß ich Ihnen nicht Adieu gesagt, weil ich über irgend etwas bös gewesen! kennen Sie mich noch nicht, liebe Freundin, und wissen, dass ich Ihnen dies längst, wäre es der Fall, gesagt hätte? glauben Sie ich könnte gegen liebe Freunde etwas auf dem Herzen behalten? Wüßten Sie, wie schmerzlich es mir war so fortgehen zu müssen, ohne Sie noch gesehen zu haben! aber, es wurde geradezu unmöglich. Denken Sie, ich hatte ja nur 2 Tage, in denen ich meine Weihnachtsgeschenke besorgen mußte, dazu war mein Felix im Bett, ihn mußte ich doch besuchen, dann kamen noch Unterredungen mit Planer, Lienau, Großmama, dann mußte ich am letzten Abend noch zu Tisch zu Mendelssohn’s, wohin ich wirklich halbtodt vor Müdigkeit kam. Die ganzen zwei Tage hatte ich mein Stück für Köln mit mir herum geschleppt in der Hoffnung, es nur einmal irgendwo durchgehen zu können, es war aber unmöglich. Ich möchte nur, meine Freunde machten manchmal solche Tage, deren es bei mir gar Viele giebt, mit durch, und gewiß Sie würden Nachsicht und Mitleiden mit mir haben. – Und nun, den Abend nach dem Concert, da hatte mir Stockh. kein Wort gesagt von Ihnen. Ich frug ihn am Concerttage wo er sey, in der Absicht ihn zu bitten, zu mir heraufzukommen, wenn er etwa allein sey, er antwortete mir, er esse mit seinen Schwägerinnen unten, ob ich auch kommen wolle? Nun muß ich sagen, daß mir diese beiden Schwägerinnen Agathe liebe ich sehr, finde sie reizend! so gänzlich unsympathisch sind, daß ich dazu keine Lust verspürte, lieber mit meinen Kindern zusammen sitzen mochte. Plötzlich, als wir eben bei’m Essen waren, kommt Stockh. einen Augenblick herauf um mir Adieu zu sagen, und erwähnt ganz beiläufig, als ich ihm einen Stuhl anbiete, Ihr Mann sey unten; er habe Sie Beide eingeladen gehabt, aber nur Ihr Mann sey gekommen. Ich war höchst unangenehm überrascht, und hätte ihm gar zu gern etwas über sein unwahres Wesen gesagt. Ich durchschaute natürlich seinen Beweggrund – er hatte mich nicht dabei haben wollen (wegen seiner Schwägerinnen) und hat es mir auch nicht gänzlich verschweigen wollen. Doch genug nun! ich denke, Sie werden jetzt von meiner Unschuld überzeugt sein. Von uns, unseren Leiden und Freuden (unsere theuere Julie konnte das Fest leider nicht mit uns feyern) wird Ihnen Ferdinand, der Sie am Neujahrstag aufsuchen möchte, erzählen – ich habe eine solche Menge Briefschulden, die ich Alle, ehe ich Frankfurth wieder verlasse, abtragen muß, daß Sie abermals Nachsicht gegen mich üben müssen. Ich rüste jetzt stark auf England – ach, wäre ich von da erst wieder zurück! Marien, welche mit mir schreibt, haben Sie eine große Freude gemacht – auch von mir tausend Dank dafür. Meine Elise haben wir recht wohl gefunden, und genießen sie jetzt doppelt, als es sich so günstig gefügt hat, daß wir ein Logie fanden, groß genug, um Alle zusammen zu wohnen. Ferdinand hat auch seine Ferien recht genossen, freilich aber konnten wir ihm die Täuschung mit Julchen nicht ersparen. Das arme Kind, sie war wieder recht leidend! –
Jetzt aber Adieu, meine lieben, verehrten Freunde. Alles Gute für Sie und alle Ihre Angehörigen zum neuen Jahre.
Ich bitte um Ihre fernere Liebe und – Vertrauen!
Ihre
alt ergebene
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Lazarus, Sarah (918)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 163-166
 



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