19.12.2019

Briefe



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ID: 754 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 06.11.1849
 

Dresden, den 6ten Nov. 1849
Lieber Freund,
Es hat sich jetzt mit ziemlicher Gewißheit entschieden, daß wir erst in der letzten Woche des Januar nach L. kommen. Den beigeschlossenen Brief habe ich daher sogleich an Hn. W. befördert. Die Symphonie von Spindler kenne ich jetzt aus der Partitur; sie ist jedenfalls der Aufführung werth, und, wenn auch in den Motiven nicht ungewöhnlich, oder neu, sehr wirkungsvoll instrumentirt, und namentlich der 1ste Satz recht lebendig empfunden. Sie können sie, sollte er sie Ihnen zuschicken, getrost geben. Auch eine Ouverture von C. Wettig kann ich Ihnen sehr empfehlen. Wünschen Sie, so schreibe ich ihm, daß er sie Ihnen zuschickt. Sie müssen durchaus auf Hebung der jüngeren Talente bedacht sein. Ueber die Recension meiner Chorballaden hab’ ich mich ihrer Aufrichtigkeit wegen gefreut. Aber „Härten“ wüßt’ ich keine (der Text müßte sie denn rechtfertigen) – und gegen das „Machen“ protestire ich auch feierlich. Ein ganz abscheulicher Begriff, von dem ich nichts wissen will. Sela.
Aber, lieber Freund, wie können Sie so lange und langweilige Artikel aufnehmen, wie den C. Gollmik’schen, und den über französische Militairmusik – weil damit keinem Menschen etwas geholfen ist. Sodann mache ich Sie noch auf etwas aufmerksam. Ich finde die eigentliche Kritik des Blattes auf gute und würdige Weise vertreten. Mit ihr in Widerspruch stehen aber sehr oft die Feuilletonsnotizen – sehr zum Schaden der Kunst. Denn, wenn es auf den Vorderseiten z. B. hieß „des Hn. Halevy’s neueste Oper überbietet seine letzte noch an Häßlichkeit und Unmusik u.“, so steht auf der letzten zum Erstaunen für den Leser: „Herrn Halevys neueste Oper ist mit dem immensesten Beifall u. u. u. gegeben worden“. Nun sagen Sie vielleicht, das letztere ist Factum – ja wenn man nicht wüßte, wie der immense Beifall gemacht würde, und wo er für (lassen Sie’s geradezu gesagt sein) Geld und gute Worte zu haben wäre, namentlich in Paris. Dies beispielweise.
Ein ähnlicher Fall war neulich mit Hn. Balfe – einem wahren musikalischen Taugenichts. Was Sie also auf der einen Seite durch die guten Leipziger Kritiken nützen, das verderben Sie sich wieder auf der andern. Legen Sie nicht so wenig Werth darauf; gerade diese kleinen Notizen nimmt das Publicum für gewissermaßen historisch-glaubwürdig an. Meiner Ansicht nach muß ein Blatt in jeder seiner Rubriken in demselben Sinne destructiv oder productiv auftreten und von einem Modekünstler, über den man überhaupt nichts zu sagen weiß, braucht man überhaupt nichts zu wissen (so über die größere Anzahl der Virtuosen). – Ueberlegen Sie Sich, was ich gesagt, lieber B. – Ich hab’s gut gemeint. Ich wünsche nichts auf der Welt, als daß Jedem sein gutes Recht wird. Ihr ergebener
R. Sch.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Dresden
  Empfänger: Brendel, Franz (261)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 5
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Franz Brendel, Hermann Levi, Franz Liszt, Richard Pohl und Richard Wagner / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Thomas Synofzik, Axel Schröter und Klaus Döge / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2014
ISBN: 978-3-86846-016-2
298ff.
 

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