15.07.2019

Briefe



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ID: 7543 Brieftext


Geschrieben am: Montag 01.05.1871
 

Brüssel d. 1 Mai 1871.
Meine liebe Frau Lazarus,
meine Mama schreibt mir daß Ihr lieber Mann sich so freundlich nach mir erkundigt hat und ich benutze ein erstes halbes Stündchen Ihnen Beiden einen Dankes-Gruß zu senden. Von London aus konnte ich Ihnen nicht schreiben, konnte ich es doch nur selten an meine Kinder, so war ich in Anspruch genommen. Vor zwei Tagen sind wir von dort abgereist und recht schwer geschieden von unseren lieben Wirthen, die uns wahrhaft auf Händen getragen. Wir gehen morgen nach Düsseldorf für 3–4 Tage, dann für Einen nach Coblenz und hoffen bis 9t Mai zu Haus zu seyn. Jetzt rückt die Zeit heran wo gewiß auch Sie Ihre Sommerpläne machen; gern wüßte ich, wie es damit steht? sehen wir Sie nicht etwa in Baden? es wäre gar schön kämen Sie – bis July bleibe ich dort, dann werde ich mich wohl zu Moritz entschließen müssen. Dahin sollten Sie doch auch ’mal gehen, gewiß wäre es Ihrem Manne von großem Nutzen, großer Nervenstärkung! es wäre mir eine wahre Herzens-Freude könnten wir dort zusammen sein! – Wie mag es Ihnen die Zeit her gegangen sein? lassen Sie mich bald von sich hören, bitte. Mein Aufenthalt in London war ein ganz befriedigender! im Hause fehlte uns nichts was Einem das Leben leicht machen könnte und das Publikum empfing mich stets mit wohlthuendster Wärme, es läßt mich fühlen, daß ich zu ihren Lieblingen zähle. (Ihnen darf ich das ja wohl selbst sagen.) Auch pecuniär kann ich zufrieden sein – Schätze können wir Instrumentalisten doch nie erringen, denken auch nicht daran! Leider wurde mir vor 14 Tagen ein empfindlicher Verlust. Es brachen während ich aus war, meine Wirthe aber bei Tische saßen, Diebe in mein Schlafzimmer, und stahlen mir all meinen Schmuck, viele liebe Andenken, und auch wirklich Kostbares, z. B. eine Diamant-Broche einige Geschenke auch von hohen Herrschaften, kurz, es blieben mir nur zwei kleine Sachen, weil sie, eben dabei auch dies fortzunehmen, gestört wurden. Für meine Kinder thut es mir besonders leid, denen somit doppelte Andenken verloren gingen. Es ist Alles, was nur möglich ist, geschehen die Thäter zu ermitteln, aber es wird wohl nichts nützen, wieder bekommen werde ich nichts. Herzlich gefreut, ja gerührt kann ich sagen, hat mich die Theilnahme, die mir von allen Seiten in London wurde. Mir thaten meine Wirthe so schrecklich leid, die waren so außer sich, dass ich nur immer sie zu trösten hatte. Es war wohl ein empfindlicher Verlust, aber doch noch lange nicht das Schlimmste was Einem der Himmel schicken kann. Ich hätte können, was so viel näher lag, meinen Sohn im Kriege verlieren, welch ein Schmerz wäre solch ein Verlust gewesen! – Leider schreibt er uns recht mißmuthig, er leidet viel Mangel, obgleich ich immer zu Geld schicke! es ist aber alles 5 mal so theuer wie bei uns, und vom Gouvernement bekommen die Soldaten nur Brod und ganz geringes Zehrgeld. Es ist wirklich doch unverantwortlich, und mir eigentlich ganz unbegreiflich! er wohnt jetzt mit einem jungen Menschen zusammen (schon seit Wochen haben sie zum Lager nur eine dünne Strohlage) der oft Tage lang von Wasser und Brod lebte und ganz schrecklich aussieht – Diesem giebt er natürlich von dem was er hat mit. In zwei Monaten ist sein Dienstjahr um – ach käme er nur doch dann endlich wieder! –
Ich muß Ihnen jetzt Adieu sagen, meine lieben verehrten Freunde Beide! Bitte bald um ein Wort! bis Ende d. Woche in Düsseld. bei Director Bendemann, dann Baden-Baden Lichtenthal 14.
In alter Treue umarmt Sie Ihre
Clara Schumann

Meine Kinder grüßen sehr – Eug. hat London genossen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Brüssel
  Empfänger: Lazarus, Sarah (918)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 207-210
 



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