15.07.2019

Briefe



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ID: 7548 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 10.09.1870
 

Baden d. 10 Septbr 1870.
Lichtenthal 14.
Meine liebe Freundin,
warum höre ich kein Wörtlein von Ihnen? ich schrieb Ihnen am 19ten April von London aus, und hatte nie eine Antwort, jetzt zu Anfang des Krieges hoffte ich nun täglich darauf, und schrieb meinen beiden Söhnen sie möchten sich nach Ihnen erkundigen, darüber aber, ehe sie es thaten vergingen Wochen, und vor einigen Tagen höre ich von Felix, der strengen Auftrag hier von mir bekam (er war zu den Ferien bei mir gewesen) mir gleich Nachricht von Ihnen zu geben, daß Sie nicht in Berlin seyen, wo aber, das habe er nicht erfahren. Ich frage nun direct an, auf die Gefahr hin, daß Sie mir über irgend Etwas (ich weiß aber nicht, was?) zürnen, ich folge nur zu gern dem Herzensdrange wo es geht, und in so ’ner Zeit hab ich doppelt das Bedürfniß von denen Menschen, die mir lieb und werth sind zu wissen, wie es ihnen geht und vor allem wo sie weilen? eine Beruhigung war es mir stets bei dem Gedanken an Sie, daß Sie keinen Sohn in ’s Feld ziehen lassen mußten, wie so Tausende, auch ich jetzt! Ach, welch eine Zeit ist Diese, gewiß erhebend der Heldenmuth eines jeden Einzelnen, den greisen König an der Spitze, aber das Elend allüberall das Blutbad, die schönsten Jugendkräfte geopfert, jetzt noch dazu die armen vertriebenen Deutschen, es ist wahrlich mehr als das arme Herz ertragen zu können meint. Der eigene Kummer tritt ganz in den Hintergrund, eben so die Freude. Beides, Kummer und Freude gehen recht Hand in Hand bei mir. Ich hatte den großen Schmerz meinen armen Ludwig als ich von London zurück kam, in eine Irrenanstalt bringen lassen zu müssen, wo er, in der ersten Zeit namentlich, unsäglich litt; jetzt geht es ihm körperlich besser, sein Geist ist aber ganz abgestumpft – ach, ich kann gar nicht darüber schreiben, der Schmerz läßt sich nicht in Worten sagen. Der Arzt gibt keine Hoffnung. Bis der Krieg kam, war mein ganzes Herz wie umklammert von diesem Wehe, nun kam diese schreckliche Zeit, schließlich rückte auch noch mein Ferdinand aus, so sind denn jetzt immer meine Gedanken im Felde, dazu hörten wir nun schon seit drei Wochen das Bombardement auf Straßburg – wie mag es da aussehen! – Das freudige Ereigniß war Juliens Niederkunft mit einem Knaben, die vor 8 Tagen erfolgte, und sehr schnell und glücklich vorüber ging. Das Kind ist ganz munter – sie nährt es selbst. Einige Tage war man aber sehr besorgt um Julie wegen des sehr heftigen Milchfiebers, jetzt sind aber wieder bessere Nachrichten da. In dieser Zeit empfinde ich nun wieder doppelt schmerzlich die große Entfernung! Elise, welche 6 Wochen bei Julien war, hat uns viel von ihrem ehelichen Glücke erzählt. Doch nun habe ich Ihnen erzählt so ganz im Vertrauen auf Ihr früheres Wohlwollen – werde ich wohl von Ihnen hören? kommen Sie denn nicht vielleicht noch diesen Monat ein wenig hierher? wie würde mich das erfreuen! es ist noch wundervoll grün hier. Bitte, sagen Sie mir bald ein Wort, daß ich weiß, wo und wie Sie leben, und ob Sie wenigstens jetzt bei Lesung meiner Zeilen mir einen freundlichen Gedanken senden?
Wie geht es dem verehrten theueren Manne? und den Schwägerinnen? An Alle meine herzlichsten Grüße. In alter Treue umarmt
Sie Ihre
Clara Schumann.

Ich bleibe diesen Monat noch hier.
Von Marie und Eugenie soll ich Ihnen angelegentlichste Grüße sagen.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Baden
  Empfänger: Lazarus, Sarah (918)
  Empfangsort:
  SBE: II.18, S. 197-200
 



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