19.12.2019

Briefe



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ID: 765 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 08.05.1851
 

Düsseldorf, den 8ten Mai 1851.

Verehrter Herr und Freund,

Mit vielem Danke folgen die Stimmen zur Johannespassion zurück; sie haben mir gute Dienste geleistet – und vor Allem die Musik vollständig und mit Orchester zu hören, was war das für ein Fest! Es scheint mir kaum zweifelhaft, daß die Johannespassion die spätere, in der Zeit höchster Meisterschaft geschriebene ist; in der anderen spürt man, dächte ich, mehr Zeiteinflüsse, wie auch in ihr der Stoff überhaupt noch nicht überwältigt erscheint. Aber die Leute denken freilich, die Doppelchöre machen’s. So sehr ich mit den meisten Ihrer Kürzungen, namentlich der Recitative, einverstanden bin, so habe ich doch ziemlich das Ganze gegeben was im Original steht. Den Schlußchoral allein möchte ich in keinem Falle missen; er wirkt nach dem elegischen C moll-Chor auf das Erhebendste. Sonst war die Aufführung, die mir übrigens viel Mühe gemacht, eine sehr gute; die Choräle hatten wir durch 50 Knabenstimmen verstärkt. Ueberhaupt wird doch hier am Rhein beinahe in größerem Maaßstab musicirt, als in Mitteldeutschland. Die Musikfeste haben die Ansprüche außerordentlich gesteigert, so daß man den Enthusiasten oft eher Bescheidenheit anempfehlen möchte. Mir ist dies aber ganz lieb, und immer besser, die Leute in der Höhe des Guten zu erhalten, als sie mit Mühe und Noth hinaufzwingen zu müssen. An die Bachstiftung denke ich oft, und mit Bedauern, von Leipzig entfernt so wenig für sie wirken zu können. Vom Originalmanuscript der H moll Messe habe ich nie etwas gehört. Wo ich sonst etwas thun könnte, in Redaction dieses oder jenes Werkes, so verfügen Sie über mich; ich werde es nach besten Kräften thun. Für Ihre Theilnahme an meinem Schaffen sage ich Ihnen herzlichen Dank; ich bin unausgesetzt recht fleißig. Zuletzt componirte ich eine Ouverture zu Shakespeare’s Julius Cäsar, die denn später auch zu Ihnen dringen möge. Sonst sind wir Alle, dem Himmel Dank, ziemlich wohl, meine Frau fortwährend thätig, wie Sie sie kennen – und so möge es bleiben! Freundliche Grüße an Ihre Frau von uns, wie an Sie

von Ihrem ergebenen
R. Schumann.

[BV-A, Nr. 1827, dat. 8. Mai 1851:] M. Hauptmann Leipzig [Bemerkung:] Mit d. Stimmen zur Passion. Einiges über die Passion selbst, wie über hiesige Musikzustände.

  Absender: Schumann, Robert (15143)
  Absendeort: Düsseldorf
  Empfänger: Hauptmann, Moritz (630)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 20
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit Korrespondenten in Leipzig 1830 bis 1894 / Editionsleitung: Thomas Synofzik und Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller und Ekaterina Smyka / Dohr / Erschienen: 2019
ISBN: 978-3-86846-030-8
489f.
 



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