19.12.2019

Briefe



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ID: 812 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 10.06.1838
 

Leipzig, den 11. Juni 38

Liebe Freundinn,
Ihr Brief hat mir große Freude gemacht, Wenn ich später antworte, als es sein müßte, so bedenken Sie meinen Geburtstag, an dem ich viel mit mir zu Thun, mich angebunden mit trefflichen Vorsätzen, viele Briefe geschrieben innerlich, nämlich auch meiner alten Freundinn ordentlich gedacht. Zerstreut bin ich aber noch immer. Der Brief wird mir nicht gelingen und es ist auch gar nicht darauf abgesehen-indeß fort muß er. Daß Sie sich meiner Phantasiestücke so warm annehmen, ist mir schon recht. Ich bedarf solcher Amazonen. Die Musiken mancher Componisten gleichen ihren Handschriften: schwierig zu lesen, seltsam anzuschauen; hat man`s heraus aber, so ist`s als könne es gar nicht anders sein; meine Handschrift gehört zum Gedanken, der Gedanke zum Charakter ec. ec. Kurz, ich kann nicht anders schreiben und componiren, als Sie mich einmal kennen, meine liebe Freundinn. Nehmen Sie Sich nur meiner fort und fort freundlich an! Neues giebt es wenig. Heute war David bei mir vom Cölner Fest zurückkommend. In Cassel hat er Spohr besucht, dem leider eine Tochter gestorben ist. Vielleicht daß dies auch seinen Reiseplan ändert und daß er erst später nach Leipzig kommt. Wann kommen Sie denn ? Leipzig ist schön; die Nachtigallen wollen gar nicht fort. Kommen Sie also bald! Was macht Voigt? Er ist ein guter Mann, Bennettisch zu reden, und ich grüße ihn herzlich. Heute hatte ich meine Quartettmatinée; leider ist mir meine Pianistin ausgeblieben (sie ist in Berlin und studirt im Augenblick Briefe sehr). Also mein Streichquartett. Es macht mir viel Freude; auch die Zeitung gewinnt dadurch. Nach Ihrer Zurückkunft erwartet Sie eine interessante Lektüre;
eben erschienene biographische Notizen über Beethoven von Ferd. Ries und Dr. Wegeler (letzterer ein getreuer Jugendfreund Beethoven`s). Ich werde Ihnen das Buch leihen; man kann nicht los davon. Einem künftigen Jean Paul ist es vorbehalten Beethoven`s innere und äußere Geschichte zu schreiben; eine herrliche Arbeit und eines zweiten Meisters würdig. Eine Bitte noch. Können Sie nicht erfahren, wer die F. Matthieux ist, von der ein Heft sehr werthvoller Lieder bei Trautwein erschienen, mir ihre genaue Adresse vielleicht erfragen? Auch durch die der Frau von Arnim (Bettina) würden Sie mich sehr verbinden. Vielleicht weiß es Taubert, dem ich mich empfehle. Sodann schrieb vor einigen Tagen ein junger Componist Namens Herrmann Hirschbach an mich; es interessirt mich sehr, was er mir geschickt: er scheint eine besondere eigene Natur. Vielleicht können Sie auch über diesen etwas Genaueres erfahren? Nun ist es aber genug mit Bitten; es war aber von jeher so; wenn ich Sie sehe, möchte ich Sie immer gleich um etwas bitten; es muß aus Ihren Augen kommen.
Nun Adieu. Schwärmen Sie nicht zu viel mit R. und S.; mit Taubert erlaube ich es Ihnen eher. Aber ewig denken Sie in Freundlichkeit
Ihres
ergebenen
R. Schumann

Ihre Wohlgeboren
Madame Henriette Voigt geb. Kunze
(aus Leipzig)
Abzugeben bei Hrn. W. Taubert
Johannisstraße Nro. 3.a
in
Berlin.
frei

[BV-A, Nr. 354, dat. 10. Juni 1838:] Freundschaftsbrief in guter Laune. Möchte mir die Addressen der Matthieux, der Bettina, u. etwas genaures über Hirschbach schreiben.

  Absender: Schumann, Robert (14753)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Voigt, Henriette (1630)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
91-95
 



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