15.07.2019

Briefe



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ID: 8175 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 07.01.1844
 

Leipzig d. 7 Jan. 1844
Verehrtester Herr Doctor,
im Auftrage meines Mannes, der eben sehr beschäftigt ist, sage ich Ihnen unseren freundlichsten Dank für Ihre Zeilen, die beinah meinen Mann veranlaßt hätten Sie in Weimar zu besuchen, er hatte die Stunde der Abreise bestimmt, doch da kamen so wichtige Geschäfte, Correkturen, Prüfung in der Musikschule, etc. daß er bleiben mußte. Kämen Sie doch hierher, und wäre es auf einen Tag! wie gern sprächen wir Sie, und sähen Sie wieder einmal! der Zeitpunkt unserer Abreise nähert sich nun allmählig, und da wird es Robert immer mehr unmöglich Sie zu besuchen. Er bespräche gar gern auch Einiges über die Russische Reise mit Ihnen, über Petersburg selbst, etc. – es graut ihm vor dieser Reise, vielleicht verstünden Sie es ihm die Sache von einer etwas freundlicheren Seite vorzustellen. Können und wollen Sie nicht die Freundschaft haben uns einige Briefe für Petersburg zu senden? vielleicht auch Moskau? bitte, bitte, thuen Sie es, das würde uns von großem Nutzen sein! – Schlimm ist es, daß ich an die Kaiserin keine Empfehlung bekommen kann. Sie wissen ich habe bei der Großherzogin von Weimar gespielt, ich habe 3 mal bei ihr die gnädigste Aufnahme gefunden, und nun schreibe ich an den Oberhofmarschall v. Spiegel, bitte um eine Empfehlung von Ihr an die Kaiserin, da schreibt er, (läßt er durch seinen Secretär an mich schreiben) die Großherzogin8 ertheilte keine Empfehlungen mehr – ich bin überzeugt, er hat Ihr kein Wort davon gesagt. Könnten Sie, lieber Herr Liszt, denn nicht mit der Großherzogin davon sprechen, sie um einen Brief für mich ersuchen? ich bin zudringlich, doch denke ich, ein Wort von Ihnen könnte dieß wohl bewirken! es liegt uns sehr viel daran soll auch durchaus nötig sein, um an den Hof zu kommen. Wir denken zwischen d. 16 und 20 d. M. abzureisen, bis dahin wäre es doch vielleicht möglich, daß Sie die Großfürstin einmal sprächen? – Wie, auf welche Weise haben Sie Ihre Briefe (Sie haben freilich keinen gebraucht, aber doch vielleicht Einige mitgenommen) über die Gränze gebracht? haben Sie die Reise auch einmal zu Lande gemacht? wir wollen über Königsberg, Riga und Dorpat.
Sie haben diesen Sommer eine große Oper componirt? denken Sie sie vielleicht selbst, noch diesen Winter in Paris aufzuführen? auch mein Mann war fleißig. Sie haben vielleicht von seinem neuen Werke „das Paradies und die Peri“ Dichtung aus Lalla Rukh von Thomas Moor gelesen? er hat es hier zwei mal und im Dresdener Theater mit dem größten Beifall aufgeführt. Die Dichtung schon ist wunderbar schön, poetisch, nicht weniger ist es die Composition. Sonderbar, nicht wahr, daß ich das sage, doch soll ich, die ich ganz erfüllt davon bin, nicht reden? soll ich nicht wenigstens in das einstimmen, was ein ganzes Publicum einstimmig ausgesprochen? –
Haben Sie neuerdings nicht Etwas für das Pianoforte geschrieben? – ich bemerke aber eben, daß ich Ihnen mit den vielen Fragen lästig gefallen bin, durch deren Beantwortung Sie uns aber zu großem Dank verpflichten. Mein Mann grüßt Sie herzlichst mit mir
Ihrer
Ihnen aufrichtig ergebnen
Clara Schumann.

  Absender: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Liszt, Franz (964)
  Empfangsort:
  SBE: II.5, S. 140ff.
 



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